Achtung, die Chinesen kommen!

An China kommt heute wirtschaftlich und weltpolitisch keiner mehr vorbei. Die neue Weltmacht hat sich strategisch geschickt auf der ganzen Welt vernetzt, hat sich Rohstoffe und Infrastruktur sichernd in vielen Ländern eingekauft. Überall auf der Welt lernen und arbeiten Chinesen. Sie bereichern mit ihrer Art und Kultur die Gastgeberländer, lernen viel, studieren und arbeiten. Auch bei uns in Dresden leben viele Chinesen. Wir stellen Ihnen drei vor, die in unserem Disy College unterrichten. Anne Hallbauer fragte sie, warum sie in Dresden leben und was sie über China und Deutschland denken.

Ke Wang

Der Architekturstudent ist seit zwei Jahren in Deutschland. Bevor er nach Dresden kam, hat er in München gewohnt. Obwohl es ihm in Dresden sehr gut gefällt, weiß er, dass er wieder nach China zurückkehren möchte. Sein Beweggrund ist dabei ganz einfach: Als Architekt wird er in China auf jeden Fall eine Stelle bekommen. „Junge Leute mit guter Ausbildung, gerade auch im Bereich Architektur und Städtebau, werden händeringend gesucht. Das Wissen um neue Technologien und nachhaltige Ansätze steht in China noch relativ am Anfang.“ Ke Wang sieht keinen Grund, weshalb die so oft propagierte „Angst vor China“ gerechtfertigt sein sollte.

 

Chinas Entwicklungsraten sind enorm hoch, sein Bedürfnis nach materieller Befriedigung ebenso. Dennoch bietet das rasante Wachstum viel Potenzial zum gegenseitigen Austausch. Nicht nur viele Chinesen bilden sich in der westlichen Welt weiter. Gerade auch viele Deutsche absolvieren Praktika oder Jobs in Fernost und haben somit ja auch Einfluss auf die weitere Entwicklung des Landes. Trotz wirtschaftlicher Wachstumsquoten, von denen Europa nur träumen kann, gilt China zudem noch immer als Schwellenland. Parallel dazu zählt das Land als zweitgrößte Volkswirtschaft, deren Wirtschaftsund Sozialsystem jedoch mit dem hiesigen nicht verglichen werden kann. Trotzdem viele Firmen aus Spargründen ihre Produktion nach China verlegt haben, profitiert die deutsche Exportwirtschaft von Chinas Wachstum.

 

Chinas Städte können mittlerweile einen verbesserten Lebensstandard bieten. Durch höhere Verdienste gibt es mehr Wohlstand, zu dem in jedem Fall der Besitz eines Autos gehört. Dies wiederum führt zu infrastrukturellen Problemen. Zugestopfte Straßen auf anonymen Highways – ein weiteres Bild, das wir von China haben. Die jungen Chinesen profitieren von den Entwicklungen der letzten 10 Jahre. Sie führen schon heute ein oft besseres Leben als ihre Eltern. „Je besser es den Leuten geht, desto weniger interessieren sie sich aber für Politik“, beobachtet der Student. Zur neuen Regierung Chinas kann er wenig sagen, außer, dass das politische Programm nicht transparent, also auch nicht vorhersehbar ist. Dennoch prognostiziert er: „Es ist klar, dass die Wirtschaft auch in Zukunft wieder Schwerpunkt sein wird.“ Er wünscht sich Verbesserungen im Krankenversicherungssystem. Während sein Kommilitone hier in Deutschland mit einem gebrochenen Bein sofort und professionell behandelt wird, ist das in China unvorstellbar. Das Land der Mitte sieht sich schon seit den 50er Jahren mit einer Bevölkerungsexplosion konfrontiert. Um Hunger zu vermeiden und Wirtschaftswachstum zu ermöglichen, wurde die Ein-Kind-Politik eingeführt. „Es war eine Maßnahme, die zwar persönliche Entscheidungen einschränkt, aber notwendig war“, erklärt Ke Wang, der natürlich ebenfalls Einzelkind ist.

Ke Zhang

„Ich hätte gerne mehr Geschwister“, sagt die 32jährige Ke Zhang, die seit 2010 in Dresden lebt. Die Stadt nennt sie ihre zweite Heimat. Sie kommt aus Hangzhou und hat sich schon immer für westliche Kultur interessiert. Sie gehört zu der 80er Generation, die in China als egoistisch gilt, da sie als Einzelkinder sämtliche Aufmerksamkeit der Familienmitglieder auf sich zogen. „Ich wurde von allen sehr geliebt, mir hat es nie an Zuneigung gefehlt“, berichtet sie. Typisch für ihre Generation ist die stärker werdende Orientierung auf das Privatleben. Damit modernen Chinesen mehr Zeit dafür haben, geben sie ihr Geld z.B. für eine Haushaltshilfe aus. Die Scheidungsrate in Fernost ist jedoch ebenfalls sehr hoch. Ke Zhang vermutet einen Zusammenhang mit der Ein-Kind-Politik, die auch sie als notwendig erachtet. Die Arbeit steht noch immer im Mittelpunkt des chinesischen Lebens. Vielleicht rührt unsere Angst vor dem gigantischen Land auch von der scheinbaren Emsigkeit der Chinesen. „Mit der Arbeit im Fokus, dem Fleiß als Motor, wirken die Menschen oft kalt“, stellt sogar Landsfrau Ke fest. Die Gründe dafür vermutet sie hinter Maos Kulturrevolution, deren Maßnahmen starkes Misstrauen unter den Chinesen schürte. Mit zunehmendem Wohlstand erhält jedoch auch die Familie wieder höheren Stellenwert. Ke Zhang berichtet: „Immer wenn ich nach Hause komme, hat sich bei den Leuten irgendetwas verändert.“ Nach ihrem Empfinden fühlen sich die Menschen wieder mehr füreinander verantwortlich, sie werden weicher. Aufgrund dieser Veränderung sieht sie auch eine weitere Annäherung der westlichen und chinesischen Mentalität. Im Regierungsstil der neuen Regierung sieht sie einen Kurs der Harmonie. „Das Leben in China ist viel besser als im Kommunismus. Es gibt weniger Streit, aber mehr Geld und Zeit“, fasst sie ihre Erfahrung zusammen. Auch sie bestätigt die unterschiedlichen Umstände, in denen sie und ihre Freunde aufwuchsen. Eine westliche Orientierung ist dabei allgegenwärtig. Ke Zhang lebt deshalb gern hier, weil sie die Menschen als respektund liebvoller empfindet. Der Annahme, dass in China Einheitlichkeit groß geschrieben wird, widerspricht sie: „Nach außen besteht diese Einheit, innerlich jedoch ist alles sehr differenziert. Das hat natürlich politische Gründe.“

 

Die direkte Art der Deutschen hat sie mittlerweile zu schätzen gelernt, denn „So weiß ich wenigstens woran ich bin. Gerade beim Jobben ist mir das wichtig.“ Auch sie würde sich mehr Kommunikation zwischen Deutschen und Chinesen wünschen – um Vorurteile abzubauen und die bestehenden Gemeinsamkeiten zu betonen.

Jian Tan

Als wäre es die normalste Begrüßung zwischen Chinesen und Deutschen, kommt Herr Tan mit einem beschwingten „Mir Sachsen mir sind helle, das weß die ganze Weld, un simmor ma ni helle, dann hammer uns verstellt!“ zur Redaktionstür hinein. Der 25-Jährige lebt schon seit 6 Jahren in der Elbstadt, wo er an der TU Dresden seinen Master of German Studies absolvierte. Für ihn bedeutet die Stadt seine zweite Heimat, er möchte nicht mehr zurück nach China. Nicht, weil es ihm da nicht gefällt, sondern, weil es ihm hier einfach noch besser gefällt. „Ich bin sozusagen Wahldresdner“, erklärt er und bestärkt seine Entscheidung mit einem beherzten „Nu!“ Der leichteren Kommunikation halber hört er auch auf den überaus deutschen Namen Gottfried. Viele Chinesen legen sich westliche Namen zu, die leichter zu merken und auszusprechen sind. In seinen Augen besteht die Möglichkeit einer weiteren Annäherung beider Länder in der Sprache. „Chinesisch ist wie Deutsch eine sehr lyrische Sprache, genährt von den Ideen der Romantik.“ Er muss es wissen, denn schon seit einigen Jahren lehrt er Deutschen seine Muttersprache. Sprache ist ohnehin sein Metier. Warum eigentlich sollte man Chinesisch lernen? Aus Interesse und natürlich für berufliche Zwecke. Die Sprache entspringt der Kultur des Landes und erzählt deshalb viel über sie. „Das Chinesische ist eine Bildsprache, die das beschreibt, was unsere Vorfahren gesehen haben“, weiß Jian Tan. Zum Beispiel gibt es das Wort Wasserdrachenkopf, das dem deutschen Wasserhahn sehr ähnelt und auch das Gleiche meint. Wie die Sprachen ähnelt sich in Jian Tans Augen auch die Architektur beider Länder. Auch diese ist geprägt von romantischen Einflüssen; verschnörkelte Pagoden ähneln deutschen Pavillons, chinesische Gärten haben viel mit deutschen Parks gemeinsam. Auch in der Mentalität gibt es Parallelen. „Wie die Deutschen sind auch die Chinesen von einer gewissen Melancholie und Zurückhaltung geprägt. Beide Länder und ihre Menschen sind mit ihrer Lebensweise Zeugen ihrer langen und bedeutsamen Geschichte. Außerdem feiern beide Nationen gern“, fasst der junge Chinese Gemeinsamkeiten von China und Deutschland zusammen. Weiterhin findet er, dass in China die Familie eine viel größere Rolle spielt. Interessant ist auch jene These, dass Zufriedenheit für Deutsche Stillstand bedeutet. Chinesen hingegen schätzen es, wenn sie zufrieden sind, es ist für sie die Voraussetzung zum Glücklichsein. Im Allgemeinen macht er sich um Gemeinsamkeiten und Unterschiede wenig Gedanken. Er genießt es, in Dresden zu leben und vermisst die Stadt sogar, wenn er in Deutschland unterwegs ist. Vielmehr möchte der Sprachenliebhaber die Kontakte zwischen seinem Heimatland und Deutschland intensivieren. Dabei kann Dresden seine Weltoffenheit noch weiter stärken, seine Dynamik auch im Ausland nutzen. „Leider passiert nur wenig, was den Kontakt zwischen Dresden und seiner chinesischen Partnerstadt Hangzhou betrifft, da gibt es viel mehr Potentzial“, stellt Jian Tan fest. Potentzial haben auch seine Sprachkurse, in denen er leidenschaftlich seine Muttersprache vermittelt. Mit der kunstvollen Malerei der Schriftzeichen, mit chinesischer Kalligraphie, entspannt er sich. „Und ich lade jeden ein, der diese Kunst erlernen möchte.“