„Sächs’sch is butz’sch“

Stadtmuseumsdirektor a. D., Matthias Griebel (69), lässt sich in keine Schublade stecken

Begleitete er Staatsbesuche in Sachsen, sprach er sächsisch. Forderte es das Protokoll, band er einen Schlips um: „Wenn die dänische Königin kommt, kann ich nicht im Overall rumwetzen. Aber sonst habe ich mich mit ihr genauso unterhalten wie jetzt mit Ihnen“, so der Dresdner. „Wenn sich einer nicht als King Kong im Frack verkleiden kann, wird das eben heute als Original bezeichnet.“

Matthias Griebel ist seit 2002 offiziell im Ruhezustand, den er selbst „Unruhezustand“ nennt. Sein Kalender ist immer randvoll. Er besaß noch nie ein Auto und erscheint trotzdem zu jedem Termin mindestens eine halbe Stunde früher. „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige. Eine Sitte, die heute stark nachgelassen hat“, bedauert er.

Matthias (Matz) Griebel erreichen zu wollen, kann abenteuerlich werden. Er besitzt weder Anrufbeantworter, Fax, Handy noch Computer. Der Mann, der Geschichte über unzählige Anekdoten lebendig machen kann, hat „keinen Zugang zur Technik“, kann nicht fotografieren und hat noch nie einen Geldautomaten bedient. Lediglich mit seinem Kopierer hat er sich angefreundet: „Ich kann mir nicht alles abschreiben, was ich brauche. Die Zeit hab ich nicht.“

Als Sohn des Malers Otto Griebel in Dresden geboren und mit fünf Geschwistern aufgewachsen, bekam er „die Liebe zur Heimat über die Muttermilch mit“. Wenn Vater Griebel sonntags mit seinen Kindern „über Land ging“, war Matthias Griebel immer dabei. „Dadurch kenn ich Dresden und Umgebung aus dem Effeff.“ Vom Vater lernte er, wie ein Tor aus dem 16. Jahrhundert oder ein Renaissance-Schlösschen aussieht, wie man Barock oder Jugendstil erkennt. Jedes der Kinder durfte seine Interessen ausleben, wurde zu nichts gezwungen – für ihn „das größte Geschenk, das bis heute nachwirkt“.

Ernsthaft für Geschichte interessierte sich Matthias Griebel dann aber erst mit Mitte 20, als er Lehre, Landwirtschaftsstudium und Armee absolviert hatte. Nach kurzen beruflichen Etappen als Referent für Landwirtschaft und Planungsleiter war er viele Jahre als Schauspieler und Texter dem Dresdner Kabarett „Die Herkuleskeule“ verbunden. „Die Jahre, in denen ich so butz’sche Arbeiten gemacht habe, um über die Runden zu kommen, hätte ich ohne die als Kind gespürte heimatliche Nestwärme sicher nicht überstanden“, resümiert er heute. Bis zur Wende war er für jeweils drei Tage der Woche Lagerarbeiter, später Hausmeister und Hilfskoch. „An drei anderen Wochentagen hab ich ernsthaft studiert, ohne je eine Uni gesehen zu haben.“ Er las, stöberte in alten Aktenbeständen und erforschte viele unbekannte Details der Regionalgeschichte. Ohne sein jahrelanges Selbststudium hätte er seiner Meinung 1990 nie Museumsdirektor werden können.

Wie viele Stadtführungen er in 30 Jahren in Dresden gemacht hat, kann er nicht sagen: „Ich habe ein gestörtes Verhältnis zu Statistiken.“  Alles, was nach Schublade klingt, behagt ihm nicht. Unangepasst war er früher, unangepasst ist er heute, doch ein Bohemien sei er nicht: „Ich bin kein Künstler. Bei mir stand immer jedes Buch an seinem Platz, sonst kann ich nicht arbeiten. Das ist die Museumsmacke, die ich habe.“ Er hat seine eigene Meinung zu den Dingen, wird energisch, wenn ihm Leute einreden wollen, er habe zu DDR-Zeiten in einer Nischengesellschaft gelebt. Er nennt es lieber „vergnüglich gelebtes Unbehagen“ und schwört auf Optimismus - in allen Zeiten.

Der Loschwitzer ist Mitglied in mehreren Vereinen. Allein seine Arbeit im Landesverein Sächsischer Heimatschutz, dessen Vorsitzender er seit 1990 ist, „ist wie ein zweiter Beruf“. Viele Anfragen mit unterschiedlichen Anliegen erreichen ihn täglich. Ihn reizen „Sachen, wo ich was herauskriegen muss“. Vor kurzem wollte ein Historiker einen alten Längenbegriff erklärt haben, der in keinem Lexikon zu finden war. Matthias Griebel fand über ein Wochenende die Lösung - in einer Weinbauordnung von 1588. „Aber wenn mich Ärzte für `ne butz’sche Ausfahrt buchen wollen, das mach ich nicht.“

Überhaupt nimmt er sich vor, kürzer zu treten. „Ich geh auf die 70 zu. Man wird ja auch langsamer im Laufe der Zeit. Früher hab ich zehn Sachen an einem Tag geschafft. Wenn ich heute zwei gemacht habe, ist es genug.“ Er will sich weiter mit sächsischer, speziell mit Loschwitzer Geschichte beschäftigen, hat „Arbeit für die nächsten zehn Jahre mindestens“.

Der Mann, der regionale Geschichte unvergleichlich und liebevoll schildern kann, will keine Autobiografie auf den Markt bringen. Vielleicht schreibt er einmal auf, welche Begegnungen und Zeitgenossen er hatte. „Ich bin ein geselliger Einzelgänger.“ Mehr Privates findet er zu persönlich. Und spricht dann doch über seine bevorstehende Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn. Zum ersten Mal seit 16 Jahren wird Matthias Griebel wieder verreisen. Für russische Geschichte interessiert er sich schon immer, schätzt die Ursprünglichkeit und die Gastfreundschaft der Russen. Er sieht ein großes Abenteuer vor sich, „von dem ich erst hinterher wissen werde, ob die Zeit ohne meine Bücher vertane Zeit für mich war“.

PS: Für Nichtsachsen: butz‘sch = putzig.

Dagmar Möbius (Disy Herbst 2005)