Unterm STRICH

Ex-Vizekanzler und Ex-Finanzminister Peer Steinbrück traf Disy auf ein Bier in der Bar vom Premium Innside Hotel

Peer Steinbrück, einer der klügsten Ex-Politiker, plauderte in einer entspannten Runde mit Disy in der Bar vom Premium Innside über Ansichten, Wünsche und Dinge, die er sonst nie öffentlich sagt. So erklärte er zum Beispiel, dass die Verteilung der Deppen und der Schlaumeier in den Parteien der Normalverteilung in der Bevölkerung folge. Ebenso erklärte er, warum er das Ausschlussprozedere gegen Sarrazin bei der SPD für „völligen Blödsinn“ gehalten hat. Einen Auszug des Gesprächs lesen Sie hier.

Seit Sie nicht mehr Vizekanzler und Finanzminister der Bundesrepublik Deutschland sind, hat man sehr wenig von Ihnen gesehen und gehört. Was tun Sie zurzeit?

Ich bin froh, dass ich ein erfolgreiches Buch geschrieben habe, reise viel zu Vorträgen und Buchlesungen. Ich bin in den Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp und von Borussia Dortmund gegangen und arbeite in Stiftungen mit. Ihr ehemaliger Ministerpräsident Kurt Biedenkopf bat mich, in die Deutsche Nationalstiftung zu gehen, was ich auch gern gemacht habe.

Was ist für Sie im Augenblick in Deutschland das Dringlichste?

Ich will der deutschen Bevölkerung erklären, dass Deutschland nur in und mit Europa eine Chance hat, und dass Deutschland deshalb ein massives Interesse daran hat, auch die augenblicklichen Turbulenzen in der Euro-Zone zu bewältigen. Es muss die Lektion des europäischen Zerfleischungsprozesses des 19. und 20. Jahrhunderts sein, dass diese europäische Integration weiter vorangetrieben wird. Deshalb sehe ich mit gewissem Entsetzen, dass es einige politische Kräfte gibt, die mit den Stichworten „Wir sind nicht der Zahlmeister. Wir sind keine Transferunion. Die Griechen sollen ihre Inseln verkaufen“, aus dem Klavier sehr falsche Töne herausholen.

Was macht Ihnen den meisten Mut?

Die Begegnung mit jüngeren Menschen in Schulen und Universitäten zu Diskussionen. Manche Vorurteile meiner Generation zerschellen da an Fakten. Sie sind nicht unpolitisch, sondern anders politisch als meine Generation. Sie scheuen Großorganisationen wie Gewerkschaftsjugend, Parteien oder Kirchenjugend. Aber sie sind nicht so phlegmatisch, wie das gelegentlich in der Berichterstattung rüberkommt.

Was hat Sie das Leben gelehrt?

Augenmaß, Balance, und dass die Verteilung der Deppen und der Schlaumeier in den Parteien der Normalverteilung in der Bevölkerung folgt.


Sie werden im Moment als Kanzlerkandidat der SPD gehandelt. Können Sie sich das vorstellen?

Ganz ehrlich, ich habe von Parteifunktionären die Nase voll. Besser als Parteiversammlungen sind öffentliche Versammlungen. Sie müssen Leute zu interessanten Themen wie Stadtteil- und Verkehrsprojekten oder „Plötzlich Rente“ und Integration einladen. Das ist der Grund, warum das Sarrazin-Buch so erfolgreich war: Die Parteien hatten diese Plattform einfach nicht geboten.

Wie stehen Sie zu Sarrazin und seinen Thesen?

Dass der da einen unsinnigen sozialdarwinistischen, genetisch biologistischen Überbau gebildet hat, der Bullshit ist, steht auf einem anderen Blatt. Er hat den Parteien gezeigt, dass sie ein Versäumnis begangen haben, weil die Leute das interessiert. Der Erfolg seines Buches hat ihn überrascht. Natürlich surft er auf der Welle. Ich kenne ihn seit 30, 40 Jahren. Er ist analytisch ernst zu nehmen, eine Michael-Kohlhaas-Figur. Er fühlte sich in einer radikalen Minderheitenmeinung auch immer wohl. Was mir nicht so gehen würde, wenn ich hier jetzt die abwegigste Meinung vertreten müsste. Er findet das gut. Ich habe nichts dagegen. Deshalb habe ich das Ausschlussprozedere gegen ihn bei der SPD für völligen Blödsinn gehalten.

Sarrazin war kürzlich auch in Dresden, und wir haben ausführlich
über seine Thesen berichtet. Sie sind ab und zu in der Stadt.
Was gefällt Ihnen an Dresden besonders?

Ich war hier schon vor 40 Jahren, als ich als Westdeutscher in der Ständigen Vertretung in Ostberlin war und die DDR bereist habe. Seitdem war ich mehrere Male in Dresden. Inzwischen hat es enorme Aufbauleistungen gegeben und ist wieder zu der Perle an der Elbe geworden, nicht nur zu einem wirtschaftlichen Zentrum, sondern auch zur Kulturmetropole mit all den Angeboten vom Zwinger bis zum Grünen Gewölbe. In seiner Gestaltung jetzt ist es natürlich fantastisch.

Was gefällt Ihnen besonders?

Mir gefällt das gesamte Ensemble dieser Stadt, das trotz des fürchterlichen Angriffs im Februar 1945 noch erhalten ist, wiederaufgebaut wurde und ein Profil hat wie kaum eine andere Stadt. Dresden ist nicht untergegangen, sondern ohne Bausünden mit dem klassischen Profil im Zentrum wiederauferstanden. Das ist fast ein Wunder.

Wo sehen Sie das wirtschaftliche Potenzial der Stadt?

Es gibt hier eine sehr gute Technische Universität, die offenbar in ihrem Umfeld für Impulse sorgt. Daher gibt es in Dresden auch ein Potenzial der Zuwanderung und Existenzgründungen im Informations- und Kommunikationstechnologiebereich. Als ehemaliger Wirtschaftsminister hatte ich mit dem zuständigen Landesregierungsvertreter zusammengearbeitet. Als Bundesfinanzminister war Dresden für mich im deutschen Föderalismus eine Landeshauptstadt wie andere.

Das Interview wurde im Februar 2011 geführt.

Peer Steinbrück wurde 1947 in Hamburg geboren,
studierte Volkswirtschaft und Soziologie und ist SPD-Mitglied. Er arbeitete
in verschiedenen Bundesministerien, im Bundeskanzleramt,
in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin und als
SPD-Referent im Bundestag, bevor er in der NRW-Landesregierung
bis zum Ministerpräsidenten aufstieg. Danach profilierte er sich als
Bundesfinanzminister. Inzwischen wird er als SPD-Kanzlerkandidat
diskutiert. Steinbrück ist verheiratet und hat drei Kinder.