Audienz bei einem Heiligen

Disy traf den indischen Religionslehrer zu einem privaten Gespräch.

In Indien kommen Hundertausende Menschen zu seinen Reden, Könige und Staatsoberhäupter lassen sich von ihm beraten, internationale Großkonzerne laden ihn ein – Sri Sri Ravi Shankar ist einer der Weisen unserer Zeit und wird oft in einem Atemzug mit dem Dalai Lama genannt. Zwischen seiner Teilnahme am „World Culture Forum“ in Dresden und dem „World Knowledge Forum“ in Seoul gab er Disy eine private Audienz.

„In Indien gibt Sri Sri schon lange keine Privat-Audienzen mehr“, begrüßt uns Christoph Glaser, Vorstandsmitglied der „Art of Living Foundation“. Doch wir haben Glück: Seine Heiligkeit empfängt uns im „Hotel Suites.“ Zur Begrüßung nimmt der Spirituelle seine Hände in Gebetshaltung und verbeugt sich vor uns. Sein warmes Lächeln wirkt etwas müde. Eins von Sri Sri Ravi Shankars Zielen ist es, die Welt von Stress zu befreien, doch seit seiner Ankunft in Dresden jagte er von einem Termin zum nächsten. Für einen Spaziergang durch die Altstadt hat er sich dennoch Zeit genommen. „Dresden fasziniert mich mit der Hofkirche und den vielen Museen. Es ist unglaublich, wie die im Krieg zerstörten Galerien und Bauten wieder rekonstruiert wurden“, erzählt der Inder. „Ich bin die Elbe entlanggegangen und habe mir das Schloss angesehen. Doch die meiste Zeit habe ich damit verbracht, zu Menschen zu sprechen.“ Am Vortag hatte er mit rund 600 Gästen im Hotel Hilton meditiert und bei seinem ersten Auftritt im Weltkulturforum zeigte er den Besuchern Entspannungsübungen. Auf seinen Reisen will der Meditationsguru die Menschen lehren, gewalt- und stressfrei zu leben. Die Kraft dafür nimmt der zierliche Mann aus einer lebensfördernden Atemtechnik, der „Sudarshan Kriya“. Sie soll Stress und Verspannungen lösen und den Geist in den gegenwärtigen Augenblick zurückholen.

In Indien gilt Sri Sri Ravi Shankar als Heiliger. Er ist der Begründer der „Art of Living Foundation“. In Seminaren und Workshops lehren die Kursleiter Meditation, gesundes Atmen und Entspannungsübungen für den ganzen Körper. In ehrenamtlichen Hilfsprogrammen engagiert sich die Vereinigung für Betroffene bei Naturkatastrophen, für traumatisierte Kriegsopfer und bei Rehabilitationsmaßnahmen für Straftäter und Drogenabhängige. 

Sri Sri Ravi Shankar hat zur Verbesserung der Welt schon eine Menge beigetragen. Wir hatten einen Mann erwartet, der voller Stolz von seinen Taten berichtet und versucht, uns von seiner Lehre zu überzeugen. Doch der sogenannte „Guru“ spricht nur, wenn er gefragt wird. Seine Antworten sind kurz.

Trotz seines Wissens und seiner Taten erhebt sich Sri Sri Ravi Shankar nicht über andere Menschen. „Ich bin nicht allwissend. Jedes Kind könnte mir etwas beibringen. Jeder Häftling kann mir helfen, ein besserer Mensch zu werden, da auch er eine gute Seite in sich trägt“, erklärt der Inder. Für Straffällige hat er das „Prison-SMART-Programm“ entwickelt. In diesem Kurs sollen sich Gefangene durch Meditation ihre Fehler bewusst machen, sie bereuen und in Zukunft nach einem gewaltfreien Leben streben.

Für Politik und Management gibt es das „APEX-Programm“. Es richtet sich an Berufstätige und soll deren Konzentration, Kreativität, Effi zienz, Zielstrebigkeit und Teamarbeit verbessern. Laut Sri Sri Ravi Shankar kann man diese Eigenschaften über die richtige Atemtechnik fördern. Durch die Technik soll man außerdem lernen, wie man mit negativen Situationen und Empfi ndungen besser umgehen kann. Die Lehren des Heiligen verbinden Spiritualität mit der Botschaft der christlichen Nächstenliebe. Seine Kurse werden sowohl von religiösen Führern als auch Konzernmanagern und Politikern besucht. Die Dresdner hat Sri Sri Ravi Shankar bei seinem Besuch als sehr freundliche, entspannte Menschen erlebt. Trotzdem rät er ihnen, mehr zu lächeln und sich gegenseitig zu helfen. Nach unserem ausführlichen Interview muss der Friedensbringer auch schon zu seinem nächsten Meditationstermin und im Anschluss in die „Gläserne Manufaktur“, um den „Kultur in Balance Award 2009“ entgegenzunehmen. Mit einer Verbeugung verabschiedet er sich von uns und verlässt hastig die Lobby mit seinem Gefolge aus Kursleitern, Beratern und Übersetzern.

Henriette Knöbel

Das ausführliche Interview mit Sri Sri Ravi Shankar, „Ein Leben ohne Stress“, lesen Sie in der nächsten Disy-Ausgabe ab dem 3. März oder vorab im Internet unter: www.disy-magazin.de. 

RAVI SHANKAR wurde 1956 in der südindischen Großstadt Bangalore als Sohn einer angesehenen Kaufmannsfamilie geboren. Bereits mit acht Jahren studierte er klassische vedische Literatur und moderne Naturwissenschaften. In den 70er-Jahren war der Inder Schüler von Maharishi Mahesh Yogi, dem Begründer der „Transzendentalen Meditation“. Ravi Shankar gründete 1982 die „Art of Living Foundation“ in seiner Heimatstadt. Eine Organisation, die in mehr als 150 Ländern auf allen Kontinenten die „Kunst des Lebens“ vermittelt. Das Dresdner Zentrum der „Art of Living Foundation“ befindet sich auf der Bautzner Straße und wird von Eva Legall geleitet. Gemeinsam mit dem Dalai Lama rief Ravi Shankar 1990 die „International Association for Human Values“ („Internationale Vereinigung für menschliche Werte“) ins Leben. Ravi Shankars Ziel ist es, die Welt von Gewalt und Stress zu befreien. Dafür reist er durch die Welt, besucht Konferenzen, berät Politiker und bildet neue Meditationslehrer für seine Workshops aus.