Prof. Dr. Harald Marx - Der Vater der Gemäldegalerie

Mehr als 40 Jahre arbeitete Prof. Dr. Harald Marx in der Dresdner Gemäldegalerie, 18 Jahre lang war er Direktor. Am 15. Februar wurde er mit einem Festakt in der Semperoper verabschiedet. Prof. Dr. Pierre Rosenberg,  „Chef“ des Pariser Louvre und ein langjähriger Freund von Harald Marx, fand die passenden Worte zu diesem denkwürdigen Tag und zu diesem außergewöhnlichen Mann. Lesen Sie mal!

Die Redner waren Stanislaw Tillich, Prof. Dr. Martin Roth, Herbert Süß, Erster Vorsitzender, MUSEIS SAXONICIS USUI – Freunde der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden e. V., Prof. Dr. Pierre Rosenberg, Président-directeur honoraire du musée du Louvre und Prof. Dr. Harald Marx. Zugegen waren Erich Iltgen, Präsident des Sächsischen Landtages, Prof. Dr. Kurt Biedenkopf ehemaliger Ministerpräsident, Dr. Eva- Maria Stange, Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Dr. Bernhard Frhr. von Loeffelholz, Präsident des Kultursenats und weitere Prominente. In der Einladung finden Sie auch weitere Angaben zum Programm.

 

Von Prof. Dr. Pierre Rosenberg  - Président-directeur honoraire du musée du Louvre, Paris

Es gibt auf der Welt zwei große Kategorien von Museen. Einerseits die fürstlichen Sammlungen. Und andererseits die anthologischen Museen, die infolge der französischen Revolution entstanden sind. Erstere spiegeln den Geschmack des Fürsten oder des Sammlers wider, seine Auswahl und seine Ambitionen. Die Zweiten handeln aus allen anderen Motiven heraus: Sie wollen die Geschichte der Kunst zeigen, in diesem Fall die Entwicklung der Malerei von den Ursprüngen bis heute. Sie haben das Ziel, pädagogisch oder enzyklopädisch zu wirken und bevorzugen daher eine chronologische Darstellung. Man wird bereits verstanden haben, welcher Kategorie die großartige Gemäldegalerie Dresden angehört: sie ist eine fürstliche Galerie „par excellence" - genial neu durchdacht von Gottfried Semper mit seinem am 25. 9. 1855 eröffneten Galeriegebäude.

Ebenso, wie es zwei Typen von Museen gibt – und beide sind es wert, sie anzuschauen –, existieren zwei Gruppen von Konservatoren. Die einen wechseln die Museen nach Belieben und Gelegenheit, um ihre Erfahrungen auszubauen und sich durch den Kontakt mit neuen Sammlungen weiter zu bilden. Und es gibt die anderen, deren ganze Karriere sich in ein- und demselben Museum entwickelt, mit dem sie sich identifizieren. Ich führe an dieser Stelle als ein Beispiel meinen Freund Marco Chiarini an, der sich trotz verlockender Angebote, die man ihm machte, weigerte, seinen geliebten Palazzo Pitti zu verlassen. Es gibt da ebenso Michel Laclotte, meinen Vorgänger, der an der Spitze des Louvre stand. Genannt sei auch Philippe de Montebello, meinen jahrgenauen Zeitgenossen – er ist nur einige Wochen jünger als ich –, der sich soeben nach einer langen und brillanten Karriere als Leiter des „Metropolitan Museum" in New York zur Ruhe gesetzt hat. Man wird mühelos schlussfolgern können, dass Harald Marx zu dieser zweiten großartigen Gruppe von Konservatoren gehört. Nebenbei gesagt: im Französischen bezeichnet das Wort „conservateur" keinen Restaurator, sondern einen Wissenschaftler, der in einem Museum arbeitet oder es leitet. Wenn ich also der „président-directeur honoraire" des Louvre bin, bin ich gleichzeitig - und dieser Titel erfreut mich sehr - „conservateur général honoraire du patrimoine".  

 

Ich kenne Harald Marx seit sehr vielen Jahren. Ich glaube, es war 1969: Das Gemälde mit der „Gambenspielerin" von Bernardo Strozzi wurde im Rahmen der Ausstellung „L’art et la musique" präsentiert, die in der „Galerie des Beaux-Arts" in Bordeaux stattfand, was man gemeinhin den „Mai" von Bordeaux nennt. Dieses Bild war eines der ersten Werke, das aus der DDR nach Frankreich ausgeliehen wurde, und es war auch das erste Mal, dass sowohl die BRD als auch die DDR jeweils Ausleihen zustimmten. Und es war vor allem eine der ersten Reisen von Harald Marx ins westliche Ausland. Harald Marx wurde am 13. Februar 1942 in Berlin geboren, ein anderer 13. Februar sollte ein tragisches Datum für die Stadt Dresden darstellen. Während seines Studiums interessierte er sich für Karl Friedrich Schinkel und die deutsche Romantik. Einen Einstieg, den man eigens betonen muss, denn Harald Marx – vor allem ein Mann der Malerei – ist zugleich ein Mann der Architektur, und zwar der Architektur Dresdens im 18. und 19. Jahrhundert – ein Dresden, das heute wahrlich sehr verändert ist. Vor allem sei hier an Matthäus Daniel Pöppelmann erinnert, aber auch an Gottfried Semper – beide haben ihn während seiner Karriere außerordentlich beschäftigt.  

1966 fing Harald Marx in der Gemäldegalerie an zu arbeiten (dies ist mehr als 40 Jahre her, er war damals also 24 Jahre alt). Er sollte sie nicht mehr verlassen. 1980 wurde er Kustos, 1991 dann Direktor, einen Posten, den er 18 Jahre lang innehaben sollte. 1972 verteidigte er seine Doktorarbeit mit dem Thema „Zur dekorativen Malerei des 18. Jahrhunderts in Sachsen". Man kann die wissenschaftliche Karriere von Harald Marx in mehrere Interessensschwerpunkte gliedern. Ohne Zweifel: Sein größtes Interesse gilt den Künstlern, die im Laufe des 18. Jahrhunderts aus aller Herren Länder und allen voran aus Frankreich kamen und in Dresden tätig wurden. Ich zähle hier in ungeordneter Reihenfolge folgende Namen auf: Johann Eleazar Zeissig, genannt Schenau, Anton Graff, Giovanni Battista Grone, Christian Wilhelm Dietrich, den wir „Dietricy" nennen, Jean Ranc, Rosalba Carriera und Charles Hutin, und natürlich dürfen auch der große Bellotto und Raphael Mengs nicht fehlen. Selbstverständlich gehört auch Louis de Silvestre (1675-1760) dazu - Silvestre mit „i" oder „y", wie man möchte. Wir verdanken Harald Marx sein Wiederaufleben: Zahlreiche Artikel, Ausstellungen und Essays hat er dem „Le Brun" des sächsischen Hofes gewidmet.

Beim Verkauf der Sammlung des Modeschöpfers Karl Lagerfeld in New York im Jahr 2000 konnte er für die Gemäldegalerie Silvestres wunderbares Werk „Augustus schließt den Tempel des Janus" erwerben.

Sein zweites Interessensgebiet, dies wird man leicht erahnen, betrifft die Gemäldegalerie, mit der er sich identifizierte, und mit der er, wenn ich es so ausdrücken darf, eine amouröse Beziehung verbindet. Ich war bei der Wiedereröffnung im Dezember 1992 dabei, ein Ereignis, das großes internationales Aufsehen erregte. Harald Marx hat detailliert die Geschichte und verschiedenen Entwicklungsphasen der Galerie untersucht, aber auch ihren Platz unter den wichtigsten Museen Europas des 19. Jahrhunderts. Er hat ihre Meisterwerke in Amerika und ganz Europa ausgestellt. Die Kataloge, die diese Ausstellungen begleiteten, sind vorbildhaft: Ich nenne als Beispiel denjenigen von Dijon aus dem Jahr 2001, der den Titel „Dresde ou le rêve des Princes" trägt. Er zeigt und kommentiert darin mehr als 80 Gemälde, unter ihnen die Meisterwerke von Dürer, Holbein, Rubens, Claude, Poussin, Watteau und Bellotto. Dabei ordnete er die Gemälde, die Dresden repräsentieren, neu an, und zwar sowohl die Werke der deutschen als auch der französischen Künstler, die hier aktiv waren.

Desweiteren widmete Harald Marx seine Studien, an denen er manchmal auch junge Spezialisten teilhaben ließ, der Gräfin de Verrue, deren Sammlungen teilweise nach Dresden gelangten, Rigaud, dessen Aktivitäten als Gemäldehändler kaum bekannt waren, Karl Heinrich von Hoym, der Botschafter Sachsens in Paris war, aber vor allem auch ein begnadeter Sammler, den Verbindungen zwischen Carl Heinrich von Heinecken und Pierre-Jean Mariette, dem Gemäldehandel im 18. Jahrhundert zwischen Frankreich und Deutschland, etc. Außerdem stellte Marx eine wahrhaft nützliche Liste derjenigen Dresdner Gemälde zusammen, die im 18. Jahrhundert in Paris gekauft wurden. Ein Ausstellungskatalog, sicherlich ..., jedoch viel mehr als das, ein wissenschaftliches Werk, das heute unverzichtbar für jeden Kunsthistoriker geworden ist! Diese Dresdener Gemäldegalerie: Professor Marx hat ihre Wiederherstellung in beispielhafter historischer Treue ermöglicht. Wer heute in die Galerie eintritt, findet eine Atmosphäre vor, die derjenigen im 19. Jahrhundert gleicht. Aber natürlich hat er auch nicht die Annehmlichkeiten des modernen Lebens außen vor gelassen. Seine Aufgabe war immens: sie war sowohl mit alltäglichen Schwierigkeiten behaftet wie beispielsweise auch damit, die Behörden des Freistaates und der Stadt Stück für Stück zu überzeugen, zudem eine große Gruppe von Handwerkern zu dirigieren und für die Erhaltung der Werke zu sorgen. Ich erinnere auch an die furchtbaren Überschwemmungen im August 2002, die den seit 1845 überlieferten Höchststand erreichten. Wir hatten alle Angst um die Gemäldegalerie, Angst um ihn. Harald Marx hat wie ein Vater über die Sammlungen gewacht, er hat sogar vor Ort geschlafen. Seine volle Aufopferung für die Sammlungen, für die er die Verantwortung trug, verdient unsere einstimmige Bewunderung. Übersetzt von Ines Täuber