„Allein, allein …“

Wie sechs Dresdner das Land zum Singen bringen

Vom Alten Schlachthof in Pieschen auf die großen Musikbühnen Europas – die Dresdner Christian Grochau, Felix Räuber, Philipp Makolies, Silvester Wenzel, Uwe Pasora und Ludwig Bauer haben es geschafft. Ihre Band Polarkreis 18 tourt durch Europa. Disy sprach mit ihnen über ihren Erfolg, ihre Heimat und natürlich Musik.

E s ist noch nicht lange her, als tausend Menschen gemeinsam „Allein, allein“ sangen. Als Polarkreis 18 dieses Miteinander inszenierte, war die Band vielen noch unbekannt. Damals meinten sie, dass sich Leute in großen Menschenmengen nicht kennen, jeder für sich allein ist und auf sich zurückkommt. Die, die dieses „Allein, allein“ sangen, waren das Publikum des Dresdner Weihnachtskonzertes der Band im Schlachthof. Gegen Ende des Konzerts erzählte die Band, dass sie etwas Neues aufnehmen und für die zweite Platte verwenden wollten, stimmte das Lied an, sang es vor und setzte aus, während das Publikum weitersang. Am Ende schnitt die Band alles zusammen und stürmte damit Wochen später die Charts. Disy fragte den Keyboarder Silvester Wenzel zu den nächsten Plänen von Polarkreis 18.

Was habt Ihr als Nächstes vor?

Wenzel: Gerade ist unser zweites Album in England herausgekommen. Wir sind dabei, einen neuen Song zu schreiben, der im Winter produziert wird. Wenn die Single fertig ist, treten wir mit zwanzig Leuten in einem kleinen Orchester auf, fahren damit eine Woche durch Deutschland.

Was werdet Ihr bei den Orchesterauftritten verarbeiten?

Wenzel: Wir werden das spielen, was wir immer spielen, es aber reduzieren und Gitarren und elektronische Elemente herausnehmen, damit die Melodien vom Orchester übernommen werden.

Produziert das wieder Sven Helbig von Rammstein?

Wenzel: Genau.

Wie habt Ihr ihn kennengelernt?

Wenzel: Das lief über unsere Plattenfirma. Wir haben beim ersten Album ein Quartett aufgenommen, vier Musiker von der Carl-Maria-von-Weber-Hochschule in Dresden, und haben die Noten selbst geschrieben. Das hielt auf, war ein Riesenarbeitsaufwand und am Ende bloß groß und mächtig, weil es eben nur vier Leute waren. Vor der Arbeit am zweiten Album äußerten wir dann den Wunsch nach einem Produzenten. Da meinte die Plattenfirma, sie kennen jemanden, und gaben uns die Nummer von Sven Helbig. Wir trafen ihn und fingen an zu arbeiten. Das hat bei dem Album gut funktioniert. Wahrscheinlich machen wir das auch bei dem nächsten Lied und beim nächsten Album.

Was hat im Einzelnen so gut funktioniert?

Wenzel: Es war das erste Mal, dass wir mit einem Orchester arbeiten konnten und merkten, dass es super klingt, wenn ein Sound von vielen Streichern und Blasinstrumenten da ist. Sven Helbig ist ein kreativer Mensch, spielt Schlagzeug, ist Dozent an der Uni und hat den Blick für das Ganze, nicht nur für Klassiker, sondern auch für Bandmusik. Er weiß, was man an moderner Musik mit Orchester machen kann und was nicht, was vielleicht kitschig und was klassisch ist. Er ist ein angenehmer Mensch.

Helbig ist Dresdner. Was verbindest Du sonst noch mit Heimat?

Wenzel: Mir ist nicht egal, ob ich noch zu Hause bin oder nicht. Ich möchte nicht jahrelang nach einer Platte auf Tour sein und der Heimat komplett den Rücken kehren. Ich finde es wichtig, zurückzukommen und regelmäßig diesen Bezug zu Dresden, zu den Freunden und zur Familie zu haben, zu Leuten, die ich mag. Wenn man oft unterwegs ist, wird das so flüchtig. Man sieht jede Stadt meist nur so ein, zwei Tage. Dadurch kommt natürlich dieses Heimatgefühl nie so auf. Weil man fast die Hälfte des Jahres unterwegs ist, fährt man nicht in den Urlaub. Umso wichtiger ist es, richtig nach Hause zu kommen.

Gibt es in Dresden eine Konzertbühne, an die Du Dich sehr gern erinnerst?

Wenzel: Schön war das Societaetstheater auf der Hauptstraße. Da haben wir vor vier Jahren ein Doppelkonzert gespielt. Wir wollten im Theater spielen, ruhig und reduziert, mit befreundeten Gastmusikern. Auch das Konzert im Schauspielhaus vor drei Jahren war schön.

Inzwischen seid Ihr weit herumgekommen.

Wenzel: Ja, hauptsächlich in Deutschland, weil wir hier schon am längsten aktiv sind und hier die größte Basis haben. Aber wir waren jetzt für ein Wochenende in Bukarest in Rumänien. Es war schön. Wir haben natürlich nicht so viel gesehen, weil es nur ein Tag war und wir relativ viel zu tun hatten. Vor zwei Wochen waren wir in Litauen, das war auch schön. Ansonsten in Dänemark, England, Frankreich, Holland, Belgien, Schweiz und Österreich. Im Ausland zu spielen macht echt Spaß.

Wie siehst Du inzwischen Deine Heimatstadt im Vergleich zu den anderen Städten, die Du kennengelernt hast?

Wenzel: Wenn man von den Dialekten absieht, sind die Menschen ähnlich: die Art, sich anzuziehen, die Art, sich zu verhalten. Das unterscheidet sich gar nicht so viel von Dresden. Eigentlich sind Dresdner fast genauso wie Leute in Bremen, München oder Saarbrücken. Im Ausland würden sie vielleicht auch nicht so auffallen, wenn die Sprachbarriere nicht wäre.

Hast Du Wünsche und Visionen?

Wenzel: Sie ähneln denen der anderen in der Band, deshalb haben wir uns zu einer Gruppe zusammengefunden und machen gemeinsam Musik. Anfangs waren wir froh, dass wir überhaupt Instrumente spielen konnten und uns selbst verwirklichen durften. Mit der Zeit kamen immer mehr die eigenen, persönlichen Musikgeschmäcker heraus. Jeder versuchte dann, seine eigenen Wünsche einzubringen. Aber diese grundsätzliche Lust am Musikmachen, am Touren und daran, eine Platte zu machen, gefällt uns gleichermaßen.

Wie ist Dein Musikgeschmack?

Wenzel: Ich mag das klar Strukturierte, das emotional sofort reingeht. Jazz weist oft Brüche auf und macht damit Emotionen und Atmosphären, die einmal aufgebaut werden, im nächsten Moment schon wieder kaputt. Das ist anspruchsvoll, schwierig zu spielen und komplex anzuhören. Aber ich mag das nicht so. Es ist nicht so, dass ich besonders auf Pop stehe, aber ich mag klare, aufgelöste, reduzierte Lieder. Die sind schwer zu machen. Das können viele Musiker bestätigen. Das Ganze muss individuell ausgearbeitet sein, dass es speziell klingt und eine eigene Soundnote bekommt. Klare langweilige Songs mit Gitarre, Bass und Schlagzeug heben mich nicht an. Der eigene, unbekannte Sound ist es, so kombiniert, wie man es nicht kennt. Da kann Klassik und Electronic drin sein, Klavier, Schlagzeug oder ein Chor. Eine neue klare Struktur, emotionale, melancholische Kompositionen mag ich sehr.

Hast Du Lieblingsbands oder Titel?

Wenzel: Momentan „Hombre Lobo“ von den „Eels“. Meine Freundin hat das Album gekauft. Dadurch habe ich das kennengelernt. Ansonsten mag ich „Røykstopp“ total gern, das ist eine norwegische Band. Die haben inzwischen zwei, drei Alben und sind einfach großartig. Außerdem stehe ich auf „The Who“, „Coldplay“ oder „Massive Attack“. Die haben uns anfangs beeinflusst, um vom Metal weg zu harmoniegeladenerer Musik zu kommen.

Wenn Du Dir etwas wünschen könntest, was würdest Du verändern?

Wenzel: Privat ist das schwer zu sagen. Eigentlich bin ich zufrieden. Aber es gibt so viele kleine Dinge. Ich möchte mich da nicht festlegen.

Und musikalisch?

Wenzel: Da würde ich mir wünschen, dass es einfach genauso weiterwächst wie bisher, dass wir immer imstande sind, gute Musik zu machen und uns selbst neu zu erfinden. Nicht langweilig werden und diesen Elan haben, so perfektionistisch unsere Lieder zu erarbeiten wie bisher. Das dauert extrem lange, da wir uns lange nicht einigen können. Jeder bringt seinen Input ein, wir diskutieren darüber und probieren viele Versionen von jedem Lied aus. Das ist ein langer Prozess. Unsere Songs bekommen diese Qualität, diesen Stil erst, weil wir so lange brauchen. Ich wünsche mir, dass wir uns das bewahren und die Freude an dem Ganzen. Was war in den letzten Jahren für Dich besonders wichtig?

Wenzel: Das sind die täglichen Begebenheiten und Erlebnisse, die einen prägen, wie man die Welt so sieht, in dem, was man tut, was man nicht tut und wie man Sachen angeht. Es ist mir wichtig, die kleinen „normalen“ Dinge zu achten und zu lieben.