"Es war als hätte die Geige mich gewählt." Nicolai Znaider

Nicolai Znaider und die Dresdner Staatskapelle

 

Da steht er: Durchtrainierte zwei Meter groß, mit einer Geige, die in seinen Händen wie ein Spielzeug wirkt. Wenn Nicolaj Znaider mit dem Bogen über die Saiten seiner kostbaren Guarneri von 1741 streicht, zaubert er Töne hervor, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen. Klar wie ein Diamant, gleichzeitig warm und singend. Nicolaj Znaider beherrscht perfekt die Symbiose zwischen technischer Perfektion und gefühlvollem Musizieren.

Ob ein versierter Musikexperte oder blutiger Laie im Zuschauerraum sitzt: Znaider spielt seinem Publikum direkt in die Seele. Schließt man die Augen, entstehen innere Bilder, tauchen vergessene Farben und Gerüche auf. Der Atem eines ganzen Konzertsaals steht still, wenn er die leisen Pianissimo-Töne spielt.

„Man spürt schon vor dem Konzert, wie das Publikum sein wird,“ erzählt Nicolaj Znaider, der mit sieben Jahren zu musizieren begann. „Meine Eltern ließen mich entscheiden, ob ich Geige oder Blockflöte spielen möchte. Es war, als hätte die Geige mich gewählt und nicht umgekehrt“, sagt er. Nicht mal in der Pubertät gab es Momente, in denen er das Violinspiel hätte aufgeben wollen. „Ich tue einfach, was ich tun muss“, sagt er. „Sonst habe ich das Gefühl, zu platzen.“ Was wäre, wenn seine eigenen Kinder (die er noch nicht hat), Musiker werden wollten? „Ich würde ihnen sagen, wenn es wirklich sein muss, dann macht es, aber nur dann. Und wenn sie es wirklich wollten, würde ich sie natürlich unterstützen.“ Aber, fügt er lächelnd hinzu: „Als Geiger bekommt man nichts geschenkt.“ Dass das Leben als Solist mitunter einsam und schwierig ist, versteht sich von selbst. „Es ist wie eine Medaille mit zwei Seiten. Einerseits, natürlich, lebe ich sehr privilegiert, doch ist es auch manchmal sehr einsam in den Hotelzimmern.“

Will er nicht eines Tages irgendwo sesshaft werden?

„Ich könnte mir schon vorstellen, mich in Kopenhagen niederzulassen und eine Familie zu gründen“, sinniert Znaider, der gerade Onkel geworden ist. Nicht als großer Künstler, nicht als Perfektionist oder begnadeter Virtuose – vor allem als Mensch steht Nicolaj Znaider auf der Bühne. Das dunkle Timbre seiner Guarneri passt perfekt zu dem athletischen Hünen mit dem jungenhaften Lächeln. Dabei kann er nicht nur zart und lyrisch spielen: In temperamentvolleren Passagen klingt sein Spiel auch mal wild und sehr leidenschaftlich.

Kein Wunder also, dass der 1975 in Dänemark als Sohn polnisch-israelischer Eltern geborene Violin-Virtuose so gefragt ist. Zur Zeit reißen sich Orchester und Dirigenten auf der ganzen Welt um den jungen Mann. So ist er regelmäßiger Gast bei den renommiertesten Orchestern wie den Berliner Philharmonikern, dem London Symphony Orchestra, dem New York Philharmonic Orchestra oder den St. Petersburger Philharmonikern. Er spielte bereits unter zahlreichen namhaften Dirigenten wie Herbert Blomstedt,

Colin Davis, Charles Dutoit, Kurt Masur und Zubin Mehta. Jetzt hat sich die Staatskapelle den Künstler „geschnappt“: Nach Rudolf Buchbinder ist nun Nicolaj Znaider „Capell-Virtuos“. Den Titel erhält ein renommierter Künstler mit einer besonderen Bindung zu dem Orchester. Und die hat Znaider zweifellos: „Mein Verhältnis zur Staatskapelle ist gewachsen durch die ständige Zusammenarbeit. Dabei entsteht Vertrauen, und man versteht sich auch menschlich sehr gut. Meine Beziehung zur Staatskapelle ist eine meiner wichtigsten musikalischen Verbindungen“, erklärt er.

Hier in Dresden traf er auch 2005 zum ersten Mal auf den legendären Ehrendirigenten der Staatskapelle, Sir Colin Davis. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. „Wir haben einen ähnlichen Zugang zur Musik. Wir wollen das Gleiche, wir suchen das Gleiche. Es ist vor allem eine emotionale Sache. Musik muss aus Liebe passieren.“

Vor allem die ständige Suche und die Selbstkritik hält Znaider für wichtig. „Nichts in der Musik ist einfach. Alles ist schwierig“, sagt er und empfiehlt jungen Musikern: "Nicht üben sondern suchen!" Es ist die Suche nach dem Impuls des Komponisten. „Der Komponist hat einen inneren Impuls gehabt und dann die Noten zu Papier gebracht. Wir Musiker müssen den Weg in umgekehrter Richtung gehen, die Intention des Komponisten verstehen und umsetzen. Die Musik muss durch mich gestaltet werden, mit der eigenen Art. Trotzdem mag ich das Wort, Interpretation überhaupt nicht. Denn es ist nicht meine Musik, die ich spiele.

"Aber ich muss als Musiker einen Weg finden, die Idee des Komponisten erlebbar zu machen.“So ein besonderer innerer Impuls war es auch, der den großen Geiger an das Dirigentenpult brachte. Hier ist Znaider auch mit dem Taktstock ein sensibler und engagierter Musiker „Ich wollte nicht aus Machtbewusstsein oder aus Eitelkeit dirigieren. Es war einfach eine innere Notwendigkeit“, erzählt er. Die Musiker der Staatskapelle lieben ihn dafür. „Denn ein Dirigent, der weiß, wie es ist, im Orchester zu sitzen, ist im Vorteil“, erklärt Znaider. Auch heute noch mischt er sich deshalb gerne mitten im Konzert unter die Musiker, sitzt mal bei  er ersten oder den dritten Geigen und hört einfach nur zu. Obwohl er so gefeiert und gefragt ist, bleibt Nicolaj Znaider bescheiden. „Ich versuche ja nicht, eine Erscheinung zu sein“, lacht er:

„Ich tue nur, was ich tun muss.“

Was ist denn nun die Rolle eines Musikers, Herr Znaider? „Ein Dirigent sagte einmal, Musiker sind wie der Pizzabringdienst. Wir haben die Pizza nicht gemacht, wir liefern sie nur aus. Das ist etwas banal, aber nicht ganz falsch. Ein anderer sagte mir, wir sind ein Medium. Das gefällt mir besser.“

Vor einem Konzert stimmt Znaider sich mit Atemübungen auf die enorme physische und emotionale Herausforderung ein, „Das hilft mir, mich zu zentrieren“, sagt er. Und er küsst jedes Mal die Anhänger an seiner Halskette. Einer ist von seinen Eltern und einer von seiner Freundin. „So sind sie immer bei mir“, lächelt er.

Und nach dem Konzert? „Da ist es wichtig, so schnell wie möglich wieder auf den Boden zurück zu kommen“, weiß Znaider.