Marie Stritt

Frau des Rechts von damals

Eine kampffrohe Streiterin in der Frauenbewegung. Marie Stritt, Wegbereiterin und eine der bedeutendsten Frauen der deutschen Frauenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ist heutzutage nahezu unbekannt. Der Grund: Es gibt kaum persönliche Quellen über ihr Leben, der Nachlass ging 1944 durch eine Brandbombe in Flammen auf. Nun ist im Nachlass ihrer Tochter Friederike ein 80-seitiges Dokument aufgetaucht, das auf ihre Kindheit und Jugend einen autobiografischen Blick ermöglicht. 

Marie Stritt, geborene Bacon, wurde am 18. Februar 1855 als ältestes von zehn Kindern, von denen sechs im Kindesalter starben, im siebenbürgischen Schäßburg geboren. Ihre Familie gehörte zum intellektuellen Bürgertum, der Vater war Rechtsanwalt und Reichstagsabgeordneter; ihre Mutter, selbst kaum zur Schule gegangen, engagierte sich für bessere Bildungsmöglichkeiten für Mädchen und Frauen. Marie erhielt eine für damalige Zeiten ungewöhnlich umfangreiche Bildung, nicht nur in Sprachen, Geschichte und Literatur, sondern auch in Mathematik und Naturwissenschaften. 1874, im Alter von 19 Jahren, ging sie nach Wien, um Schauspielerin zu werden. Schon bald spielte sie am Großherzoglichen Hoftheater in Karlsruhe, später in Frankfurt am Main, Hamburg, Dresden. Noch in Karlsruhe heiratete sie den acht Jahre älteren Opernsänger Albert Stritt und bekam zwei Kinder, Friederike und Walter. Während ihr Mann international Karriere machte, gab sie ganz traditionell ihren Beruf auf und begnügte sich zunächst mit ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter. 

Doch bald kam sie zur Frauenbewegung. Ihre Mutter, Therese Bacon, hatte sie mit zur 25-Jahres-Feier des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF) genommen und sie Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt, den wichtigsten Vertreterinnen der Frauenbewegung damals, vorgestellt. Marie avancierte bald zur begehrten Rednerin in Sachen Frauenemanzipation. Mit ihrer durch den Schauspielunterricht geübten Stimme hielt sie in vielen Städten aufklärende Vorträge über Bedeutung und Ziele der Frauenbewegung und zur rechtlichen Stellung der Frau. „Das Neue an den Ideen von Marie Stritt und ihren Mitstreiterinnen war der eindeutige Vorrang, den sie der Rechtsfrage einräumten. Nach dem Verständnis von Stritt war in ihr eigentlich die ganze Frauenfrage enthalten, die wirtschaftliche, die soziale, die Erziehungs- und Sittlichkeitsfrage - vor allem aber die eine, wichtigste Prinzipienfrage, die allen anderen zugrunde liegt, auf die es im Grunde einzig und allein ankommt - die Frage nach dem Recht der eigenen Persönlichkeit, nach dem Recht der freien Selbstbestimmung“, zitiert Elke Schüller in ihrem Buch über Marie Stritt. In den folgenden Jahren engagierte sich Marie Stritt in vielen einflussreichen Positionen in der Frauenpolitik. 1894 wurde mit auf ihre Initiative hin in Dresden der erste deutsche Rechtsschutzverein für Frauen gegründet, der Frauen unentgeltliche rechtliche Hilfe bot und gleichzeitig ein Mittel war, um die Ratsuchenden für den Kampf um die Rechtsgleichheit der Frauen zu gewinnen. Innerhalb der nächsten zehn Jahre wuchs die Zahl der Frauenrechtsschutzstellen auf 130 an.

1896 war sie Mitinitiatorin der Protestkampagne „Frauen-Landsturm“ gegen den Entwurf zum Bürgerlichen Gesetzbuch, der vor allem ein sehr frauenfeindliches Familienrecht vorsah. Die Zeit, in der sie Vorsitzende des „Bundes Deutscher Frauenvereine“ war (1899-1910), gilt als die progressivste Zeit des Dachverbandes bürgerlicher deutscher Frauenvereine. Politisch stand Marie Stritt den radikalen Positionen der Frauenbewegung näher als den gemäßigten. So war sie für die Streichung des § 218, der Schwangerschaftsabbruch unter Strafe stellte; außerdem befürwortete sie ein allgemeines Wahlrecht und nicht nur ein Klassenwahlrecht. Vor allem aber versuchte sie zwischen beiden Positionen zu vermitteln und sie zusammenzuhalten. „Radikal in Bezug auf die Themen, gemäßigt in Fragen der Taktik“, heißt es in einer Rezension über das Verhalten Stritts in der Frauenbewegung. 

1911 übernahm sie den Vorsitz des deutschen Verbandes für Frauenstimmrecht (1911-1919). Nachdem 1918 in Deutschland das allgemeine Wahlrecht auch für Frauen verkündet worden war, sandte die Reichsregierung Marie Stritt 1920 als Vertreterin zum internationalen Kongress des Weltbundes für Frauenstimmrecht nach Bern. Von 1920 bis 1922 war sie dann für die Deutsche Demokratische Partei Stadträtin in Dresden.

Am 16. September 1928 starb Marie Stritt im Alter von 73 Jahren in Dresden.

Katharina Krebs