Interview mit Hans Stern

Langsam glitt der Fahrstuhl in die 12. Etage des Towers in RiosNobelviertel Ipanema. Die Türen öffneten sich zum Imperiumdes reichsten Mannes Brasiliens. Weltzentrale. Millionenumsätze.Edelsteine.

Wir mittendrin ...Doch statt rotem Teppich und Goldlüstern oder modernenDesignermöbeln und elegantem Minimalismus betraten wir den schmalen Gang eines in die Jahre gekommenen Bürogebäudes mit dunklem Holz undgrellem Licht. Ich war etwas enttäuscht vom ersten Eindruck. Nachdem wirvon zwei Männern in einem Wagen mit dunklen Scheiben vom Schiff abgeholtworden waren, zwei Herren am Eingang mit einer kleinen Verbeugungdie Türen unseres Autos geöffnet hatten und wir in einem modernen Eingangsbereichmit kleinen Drinks begrüßt worden waren, sah es hier, hinterden Kulissen, recht nüchtern aus.

Auch das Büro von Hans Stern war äußerstbescheiden eingerichtet. Der Mann selbst in zerknittertem Anzug und derbenSchuhen. Doch in seinen Augen blitzte ein gewisses Amüsement, als er unsbegrüßte und meinen Blick beobachtete. Er war sich der Erwartungen undErnüchterung seiner Besucher wohl bewusst, hatte es sicher oft erlebt. Deralte Herr ließ Espresso bringen und lächelte mich freundlich an. „ErzählenSie mir etwas von Ihrer Zeitschrift Disy“, begann er das Gespräch, in demes eigentlich um seinen Weg und sein Leben gehen sollte.

„H. Stern“ ist eines der bekanntesten Schmuckimperien der Welt mit 160 eigenen Filialen, 3200 Mitarbeitern und einem Image, das Hollywoodgrößen (zu Sterns Verehrerinnengehören Charlize Theron, Cameron Diaz oder Sharon Stone) unddie Konkurrenz beeindruckt. Zu den Mitbewerbern von „H. Stern“ zählt dieFachpresse gerade mal Tiffanys oder Cartier.Ich antwortete höflich. Doch statt zu erzählen, wollte ich etwas von ihm lernen.Das Schönste an meinem Beruf ist es, Menschen zu treffen, denen mansonst nie begegnet wäre, und ihre Geschichten zu hören.

Bei Hans Sternlernte ich viel. Schon als er zu erzählen begann, war die nüchterne Umgebungund der unscheinbare Anzug vergessen. Es leuchteten eine Persönlichkeitund eine Aura auf, die nur von den großen Saphir-Manschettenknöpfenunterstrichen wurden, die ein winziges Stück hervorblitzten, wenn sich derPatriarch locker zurücklehnte. Hans Stern ließ aus seinem Tresor verschiedeneKästen bringen und zeigte uns die schönsten, reinsten und größten Edelsteinedieser Welt – bescheiden verpackt und die meisten ungeschliffen aufabgewetztem Samt.

Zärtlich legte der alte Mann die Steine auf seine Handund seine Augen funkelten scheinbar mehr als die Smaragde, Saphire undRubine vor ihm.Dann lehnte er sich zurück und wir begannen das Interview. Das letzte Interview mit Imperiumschef Hans Stern (84)

 

Mit mehr als 3000 Mitarbeitern kann man bei H. Stern dennoch kaum
mehr von einem Familienbetrieb sprechen, oder?

Nun, das Unternehmen trägt den Namen meiner Familie. Doch ab einer
bestimmten Größenordnung muss man die Verantwortung auf viele Schultern
verteilen. Richard Barczinski ist Präsident bei H. Stern und Victor
Natenzin Executiv Vice-President.


Ihr Firmenimperium habe ich mir viel pompöser und luxuriöser vorgestellt
Nichts ist gefährlicher als Eifersucht und Neid.


Das klingt, als hätten Sie negative Erfahrungen gemacht?
Nein, meine Lebenserfahrungen sind sehr gut. Bestimmt liegt aber gerade
das an meiner Art. Ich nehme sehr wenig am sozialen Leben teil, gehe
nicht zu Veranstaltungen und Events. Ich schlafe, esse und arbeite. Das
reicht mir.


Sie gelten als der reichste Mann Brasiliens. Sind wenigstens in Ihrem
Anwesen die Wände aus Gold, und die Diener wedeln mit Palmenblättern?

Nein, ich lebe mit meiner Frau sehr bescheiden in einem Appartement.
Das gehört mir zwar, ist aber ganz klein. Wir sind zwei Personen, wir brauchen
nicht viel. Ich glaube nicht an teuren Luxus und an Angeberei.


Und als Auto fahren Sie einen VW …
Einen VW Golf, ja. Aus demselben Prinzip. Neid …


Wenn Ihnen Luxus nichts bedeudet, was ist wichtig für Sie im Leben?
Ich bin über 80 Jahre alt und hatte viel Zeit, die Menschen, das Leben
und mich selbst kennenzulernen. Wie Sie wissen, bin ich Jude und floh
damals vor den Nazis nach Südamerika. Ich lernte Bescheidenheit und
eine gewisse Demut vor dem Leben. Im Gegensatz zu vielen anderen habe
ich eine Chance bekommen und hatte ein erfolgreiches und zum Glück
arbeitsreiches Leben. Ich habe nie vergessen, dafür dankbar zu sein.

Als Sie 1939 nach Brasilien kamen, waren Sie arm.
Als ich mit 17 Jahren hier ankam, hatte ich genau zehn Mark. Also
brauchte ich schnell Arbeit. Ich begann als Stenotypist bei einer Steineund
Schmuckfirma. Das brachte mich auf meine Geschäftsidee. Ich
fuhr ins Landesinnere zu den Schürfern der Steine und nahm, was sie
fanden, in Kommission. Mit Zug und Pferd zog ich durch Brasilien zu
Juwelieren und Schmuckfabrikanten, um die Steine zu verkaufen.


Das klingt wie ein Klischee aus dem Wilden Westen.
Genauso war es. Bis ich 1949 mein erstes Geschäft in Rio eröffnete,
direkt an der Ankunftshalle für Touristen im Hafen. Und nun, fast 60
Jahre später, haben wir 160 Geschäfte und 45 Verkaufspunkte in 19
Ländern.


Was war das berühmte Geheimnis des Erfolges, und was können
junge Leute von Ihnen lernen?

Ich war immer fest entschlossen, mir mein Leben zu verdienen. Das
Unternehmen hat sich organisch entwickelt, was immer am besten ist.
Ich habe hart gearbeitet und stets die Möglichkeiten gesehen, die sich
geboten haben. Ich habe alle Menschen ethisch behandelt, egal ob sie
Schürfer, Lieferanten oder Kunden waren.


Was Sie sagen, lässt viel auf Ihr Werteverständnis schließen. Was
sind Ihre Werte?

Die Familie, Fleiß und Seriosität. Ich habe drei Söhne und sieben Enkel.
Darüber freue ich mich jeden Tag.


Ihre Söhne arbeiten zum Teil mit in Ihrem Imperium. Wenn Familienmitglieder
zusammenarbeiten, kann es manchmal Streit geben.

Wie funktioniert das bei Ihnen?
Nun, es war eine Umstellung. Früher habe ich anders gearbeitet, alleine
entschieden. Nun bin ich Board of Directions, mein Sohn Roberto ist
für den kreativen Bereich und die Entwicklung der Marke zuständig,
mein Sohn Ronaldo ist in Nordamerika CEO und neben anderen Direktoren
auch Mitglied im Board of Directions.


Fällt es schwer, bei einem wachsenden Unternehmen, das man einst
als Alleinkämpfer aufgebaut hat, Verantwortung abzugeben?

Das ist bei Ihnen doch auch gerade der Fall, oder?

Richtig. Aber wie war das bei Ihnen und wie ist es jetzt? Sie sind mit
84 Jahren immer noch täglich im Büro.

Mit einer neuen Generation hat man die Möglichkeit, weiter zu wachsen.
Wenn man wachsen will, muss man zwangsläufig vertrauen, Man muss
aber auch einplanen, dass dieses Vertrauen auch hin und wieder missbraucht
wird oder Vertrauen auch mal nicht gerechtfertigt war.


Haben Sie das erfahren müssen?
Leider ja – mit ehemaligen Angestellten.

Man hört und liest immer nur von Ihrer rasanten Karriere, und es
scheint, als ginge es bei Stern immer nur bergauf. Mussten Sie auch
manchmal Läden schließen oder Krisensitzungen einberufen?

Wir sind ein internationales Unternehmen auf dem Markt mit hochkarätigen
Mitbewerbern und bekommen die Auswirkungen der Entwicklung
der Weltwirtschaft wie alle anderen regelmäßig zu spüren. Dann muss man
sich neu orientieren, neue Wege gehen. Wir zum Beispiel orientieren uns
nicht nur an der oberen Schicht der Millionäre und Milliardäre, sondern
sind vor einiger Zeit schon mehr in die Breite gegangen, in die obere Mittelschicht und Mittelschicht.


Könnte es sein, dass die Millionäre und Milliardäre heute lieber auf
Luxus verzichten …

Sehr gut! Aber das stimmt schon. Viele leben so wie ich eher bescheiden.
In der oberen Mittelschicht, wo Repräsentieren sehr wichtig ist, sitzt das
Geld noch lockerer.
Was ist mit den Hollywood-Stars, die Ihren Schmuck regelmäßig bei
Veranstaltungen wie der Oscarverleihung tragen?
Die bekommen den Schmuck von uns kostenlos zur Verfügung gestellt
und tragen ihn für uns als PR.


Bezahlen Sie Stars wie Angelina Jolie und Liv Tyler dafür, dass sie
Ihren Schmuck tragen?

Dazu sage ich nichts.


Aber sagen Sie etwas dazu, dass ich gehört habe, dass Sie schon Shops
schließen mussten!

Natürlich reguliert der Markt oder unsere Strategie die Standortwahl. Da kann es auch vorkommen, dass man den einen oder anderen Shop schließt.
Es gibt gut laufende und weniger ertragsstarke Standorte.

Wo läuft`s für Stern richtig gut?
Sehr lukrative Standorte sind Frankreich, Deutschland, Mexiko und Portugal.


Gibt es auch Läden, die nichts bringen und die Sie nur aus Imagegründen
behalten?

Sie kennen sich gut aus. Das ist zum Beispiel im Departement in Paris so
und im Harrod´s in London. Den größten Teil, 80 Prozent des Umsatzes,
machen wir mit Brasilianern. Wir haben hier einen sehr hohen Bekanntheitsgrad.

In Deutschland sind Sie in Ihrer Zielgruppe noch nicht überall bekannt.
Ist Deutschland ein Stiefkind?

Ich habe ein gutes Gefühl für Deutschland. Wir sollten alle immer versuchen,
aus der Vergangenheit zu lernen. Heute sollten alle Deutschen mit
Freude sagen: „Wir Deutschen.“


Wie oft besuchen Sie Ihre alte Heimat?

Einmal im Jahr fliege ich nach Frankfurt, Hamburg, Essen oder München.


Waren Sie auch schon in Dresden?
Natürlich. Es war auf einer Reise von Berlin nach Prag. Das Zentrum und
die Frauenkirche haben mir sehr gut gefallen.


Was machen Sie in Ihrer Freizeit noch außer reisen?

Arbeiten! Der größte Teil meines Lebens besteht aus Arbeit. Auch jetzt im
Alter. Es macht mir Spaß und tut mir gut. Außerdem habe ich ein kleines
Boot, sammele Briefmarken, nicht nach Wert, sondern nach der Schönheit
der Marken. Ich spiele Schach, Orgel und lese Bücher.


Welche Wünsche haben Sie?

Dass ich geistig und physisch bis zum Ende fit bleibe.

Das ist für Hans Stern in Erfüllung gegangen. Es war uns eine Freude,
einen so „großen Menschen“ kennenlernen zu dürfen!