Der Herr des weissen Goldes

„Es war nie unsere Aufgabe, die Menschheit mit Tellern und Tassen zu versorgen.“

Vor dem 300. Jubiläum der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meißen sprach Disy mit Geschäftsführer Dr. Hannes Walter über den Kampf des Besonderen gegen das Gewöhnliche, über das Ende der Miesmacherei und die Tasse als Krönung des Kaffeetrinkens.

Sind die Menschen immer noch an Luxus interessiert oder spüren Sie auch die Auswirkungen der allgemein beklagten Sparsamkeit im Land?
Na sicher ist die Konsumsituation in Deutschland nicht gerade positiv, und wir merken das selbstverständlich auch. Im Export ist das etwas ganz anderes. Ich glaube aber auch, dass wir langsam an dem Punkt angelangt sind, wo die Leute die Nase voll haben vom Miesmachen, von der schlechten Laune. Wo sie sich auch selber wieder eine Freude machen wollen, sich etwas gönnen wollen. Wo bei aller Vermassung auf der einen Seite auch wieder etwas mehr Kultur und Individualität zählt. Und darauf bauen wir.  

Wie geht es der „Meißner Porzellan-Manufaktur“?
Jede Zeit hat ihre Höhen und Tiefen, und unsere Zeit ist zumindest eine extrem spannende. Wir gehen ja nun auf das 300. Jubiläum der Porzellan-Manufaktur zu, 2010, und ich glaube gerade die letzten Jahrzehnte sind, was die Kreativität der Mitarbeiter betrifft, besonders starke Jahre gewesen. Uns ist es gelungen, mit dem Porzellan noch ganz neue Anwendungsgebiete zu erschließen, die auch ihren sächsischen Einschlag haben.  

Was sind das für Innovationen?
Wir haben mit der Uhrenmanufaktur Glashütte Original weltweit die ersten Armbanduhren mit Porzellanzifferblättern, natürlich handbemalt, auf den Markt gebracht, oder mit der Orgelbaufirma Jehmlich aus Dresden die erste Orgel mit wirklich gestimmten Porzellanpfeifen. Wir haben auch mit der Firma Montblanc Füllfederhalter entwickelt, deren Hülsen aus Porzellan sind, um ein ganz anderes Beispiel zu nennen. Das sind vor allem technische Innovationen, die am Ende aber, wenn es um die Ästhetik geht, wieder von unserer Stärke, von der Qualität der Handarbeit, ganz besonders der Handmalerei, geprägt sind.

Sie haben Ihre kreativen Mitarbeiter angesprochen. Es gab auch Zeiten, als es schwierig war für die Manufaktur, man um Arbeitsplätze gebangt hat und gehofft. Ist die Lage jetzt stabil?
Alle Zeiten sind mit Kämpfen versehen. Wenn man die Erwartung hat, dass es einmal wieder Zeiten gibt, in denen man sich zurücklehnen kann, dann ist man sicher schon auf der Verliererstraße. Also sich mühen und kämpfen wird man mit Sicherheit immer müssen. Gerade in der heutigen Zeit ist das ganz wichtig.

Wir Sachsen wissen die Qualität des Meißner Porzellans besonders zu schätzen. Was denken Sie ist es, was auch in der Welt den Ruf von Meißen ausmacht?
Es ist sicher auf der einen Seite die Qualität, immer wieder die Qualität im Ästhetischen, im Kunsthandwerklichen, im Keramiktechnischen. Natürlich auch die Bekanntheit der Marke. Und es ist sicher auch die Sortimentsvielfalt. In Meißen hat jede Generation etwas zu dem Fundus an Formen und Dekoren hinzugefügt. Damit ist das Sortiment ständig gewachsen. Heute sind es über 170 000 verschiedene Artikel, die lieferbar sind. Das heutige Sortiment ist somit ein Gang durch alle Stilepochen, vom frühen 18. Jahrhundert bis in die heutige Zeit. Und das ist in der Welt des Porzellans etwas Einmaliges. Was eben auch in solchen Ländern besonders geschätzt wird wie Japan, als einem der Heimatländer des Porzellans.

Welches Dekor mögen Sie besonders gern?
Das Service Perle, das wir im Jahr 2005 erstmals vorgestellt haben, mit vier verschiedenen Unterglasurdekoren und drei Aufglasurdekoren. Ein ganz interessantes ist das Dekor mit Goldrand, bei dem die Filigranität und die Vielseitigkeit der Meißner Malerei in ganz besonderem Maße zur Wirkung kommt. Man kann sich für jeden Gegenstand aussuchen, welche Schmetterlinge oder Insekten man denn am Ende dieses Goldrandes haben möchte.

Was heißt: Man kann sich das aussuchen?
Wir haben einen Katalog mit der ganzen Vielfalt an möglichen Schmetterlingen und Insekten, mit den Namen natürlich, und man kann dann wirklich auswählen. Wenn man also ganz bestimmte Schmetterlinge mag oder Insekten, kann man sich SEIN Service letztendlich zusammenstellen. Es ist die Individualität, die die Spezialität von Meißen ist. 

Meine Tochter hätte Spaß daran, aber Meißner Porzellan und Kinder passen nicht zusammen, oder?
Wenn Kinder frühzeitig damit in Verbindung kommen, dann gehen sie sehr sorgsam damit um. Ich habe auch eine Enkeltochter und auch unsere Kinder sind damit aufgewachsen. Die Schäden haben sich eigentlich in Grenzen gehalten. Ich glaube, Kinder haben ein Gespür dafür, wo sie mal laut und mit viel Bewegung sein können und wo sie auch mal ein bisschen zurückhaltender sein müssen.  

Das klingt wie Meißner Porzellan im Alltag. Für mich ist Meißner Porzellan immer noch etwas für festliche Gelegenheiten, für die Feiertage, für Weihnachten. Ist das so?
Ja sicher, nicht jeder Tag ist ein Feiertag. Aber man sollte sich schon im Laufe des Jahres seine eigenen Höhepunkte schaffen, und dazu kann sicher Meißner Porzellan immer wieder einen Beitrag leisten. Und wie kann man den Tag schöner beginnen, als mit einer Tasse guten Kaffees aus einer wirklich schönen Meißner Tasse. 

Meißner Porzellan setzen die meisten gleich mit teuer und Luxus. Gibt es denn auch preiswerte Sachen, bei denen Qualität und Preis in einem günstigen Verhältnis stehen?
Na ja, billig ist das eine, preiswert ist das andere. Ich glaube, Meißner Porzellan ist sein Geld wert. Damit ist der Begriff preiswert schon der richtige. Es war sicher nie unsere Aufgabe, die Menschheit mit Tellern und Tassen zu versorgen. Damit ist der billige Sektor sicher nicht der, der für Meißen vorgesehen ist oder den wir bedienen. Wir wollen ganz bewusst auch im Bereich der hohen Qualität, des hohen Aufwandes bleiben, und das kostet natürlich seinen Preis.  

Ich war damals dabei, als sich die thailändische Königin Sirikit eine Auswahl von Meißner Porzellan in ihr Hotel bringen ließ, um sich etwas auszusuchen. Ist es wirklich so, dass sich weltweit Monarchen, Präsidenten und Hollywood-Größen ihren Haushalt von Ihnen ausstatten lassen?
Ja, das ist eigentlich immer wieder so gewesen. Wobei uns natürlich Liebhaber und Sammler genauso wichtig sind, die keine gekrönten Häupter sind, sondern die sich eben diese Freude aus ihrem kulturellen Anspruch heraus machen.

Das Interview führte Anja K. Fließbach für Disy TV.