Komm, mein Schatz! Der Traumschiffkapitän und seine Lady

Andreas Greulich ist seit 33 Jahren Kapitän. Ein Traumjob auf dem (echten) Traumschiff. Disy hat Andreas Greulich bei seinem Besuch in Dresden getroffen und interviewt.



Was ist das Wichtigste an Ihrem Schiff?

Andreas Greulich: Ich mache das seit vielen Jahren, bin
vorher auf Tankern gefahren, seit zehn Jahren bin ich in der
Passagierschifffahrt. Als Kapitän arbeiten Sie natürlich 24
Stunden mit dem Schiff, personifizieren es sogar. Wenn ich ein Anlegemanöver
im Hafenbecken fahre und muss das Schiff dort drehen …
Sie kennen das vielleicht beim Einparken, dass man sagt: Komm mein
Schatz, jetzt komm ein bisschen schneller. Oder wenn wir schweres
Wetter haben, richtig schwere See, dass man sagt: Komm, da noch mal
drüber. Das Schiff hat eine Seele. Jeder Seemann, jeder Kapitän hat
ein besonderes Verhältnis zu seinem Schiff. Mein Schiff fährt sich am
schönsten.

Was lieben Sie an dem Schiff am meisten?

Andreas Greulich: Die MS Deutschland ist ein warmes Schiff. Wenn
sie die Räume sehen, ist da viel Holz, sind da warme Farben, nicht so
grell, nicht so bunt, nicht so viel Stahl oder Plexiglas. Die Deutschland
liegt bei schwerem Wetter sehr gut in der See. Das mag ich an meiner
guten Lady.

Wohin fahren Sie am liebsten?


Andreas Greulich: Jeder Seemann hat seine Lieblingsecken. Ich fahre
gern nach Südamerika, bin schon wegen der Mentalität sehr gern in Chile
und Argentinien. Die Antarktis hat mir auch gefallen. Von dort bin ich
sehr berührt wiedergekommen. Grönland, Spitzbergen, es gibt überall
schöne Ecken.

Gibt es ein Erlebnis, an das Sie sich besonders gern erinnern?

Andreas Greulich: Am 23. Mai 2010 brannte es im Maschinenraum der
MS Deutschland, vielleicht haben Sie das sogar in den Nachrichten gehört.
Wir haben in einem ganz kleinen norwegischen Fjord gelegen, im
Eidfjord. Wir haben den Brand gelöscht. Es ist alles gut gelaufen. Aber
ich hatte zwei Tage lang ein sehr enges Verhältnis mit den Dorfbewohnern,
die uns da geholfen haben. Wir hatten ja keinen Strom, kein Wasser
mehr. Das war ein sehr schönes Erlebnis von Hilfsbereitschaft. Da
war ich richtig happy.

Wie läuft so ein Tag im Leben eines Traumschiffkapitäns ab?


Andreas Greulich: Es gibt Seetage und es gibt Hafentage. Normalerweise
stehe ich früh 5.30 Uhr auf, da wir 6.30 Uhr meist den Lotsen bekommen.
Dann fahre ich das Anlegemanöver, liege 7.30 Uhr meist fest. Danach kommen
die Behörden an Bord. Das dauert bis 8 Uhr. Dann gehe ich frühstücken
mit meinen Offizieren, dem ersten Ingenieur, dem Chief, dem ersten Offizier.
Dann spricht man so den Tag durch. Tagsüber gibt es viel Papierkram.
Auch in der Seefahrt hat das sehr zugenommen - Dienstberichte, Audits.
Abends laufen wir aus. Später habe ich meist noch einen Kapitänstisch oder
eine Veranstaltung. Manchmal kommt in den Ländern auch der Bürgermeister,
man hat repräsentative Sachen, empfängt Delegationen. Der Seetag
läuft ein bisschen ruhiger ab - wenn wir schönes Wetter haben. Auf See
habe ich tagsüber mehrere Veranstaltungen. Das organisiert der Kreuzfahrtdirektor.
Sobald schlechtes Wetter ist oder Seegebiete angesteuert werden,
die nicht so einfach sind, wie die Antarktis, bin ich natürlich viel auf der
Brücke. Aber ich habe sehr gute Leute auf der Brücke, den ersten, zweiten
und dritten Offizier. Aber wie gesagt, bei Nebel, schlechtem Wetter, vielem
Fischereiverkehr werde ich oft auf der Brücke gebraucht.

Wer war Ihr prominentester Gast?

Andreas Greulich: Da waren viele. Die Fußballer waren alle da. Udo
Lindenberg fährt sehr oft bei uns mit. Ich dachte anfangs, das passt doch
gar nicht: „Sonderzug nach Pankow“ und die „MS Deutschland“. Es war
für mich eine tolle Geschichte, wie er sich da reingefunden hat. Der Prominenteste
für mich war sehr emotional, weil dieser Mann für mich und
wahrscheinlich auch für Sie in der ehemaligen DDR die Welt verändert
hat: Gorbatschow war bei uns an Bord. Als ich ihm die Hand gegeben
habe – ich kann noch ein paar Brocken Russisch – war das für mich sehr
rührend.

Stammen Sie aus der ehemaligen DDR?


Andreas Greulich: Ich komme aus Thüringen, aus den neuen Bundesländern,
obwohl man das heute fast gar nicht mehr sagt. Ich habe bei der DSR,
der Deutfracht/Seereederei Rostock, als Matrose gelernt, bin ein paar Jahre
als Matrose gefahren, ein paar Jahre als Bootsmann, bin zur Seefahrtsschule
in Warnemünde gegangen. Russisch kann ich noch ein bisschen von früher. Man verlernt das nicht so schnell. Dann war die Wende. Ich bin rüber
zu der großen Seereederei Hapag/Lloyd, bin viele Jahre auf Tankern, auf
großen Hochseeschiffen gefahren. Wie es so im Leben ist, habe ich eines
Tages gedacht: Das kann nicht alles sein! Jetzt bin ich seit zehn Jahren auf
dem Passagierschiff. Man muss es mögen. Man muss sich zwar dreimal am
Tag umziehen. Aber ich bin sehr gern mit Menschen zusammen.

Wie geht Ihre Familie mit Ihrem Job um?

Andreas Greulich: Auf dem Passagierschiff kann man die Familie ab und
zu mal mitnehmen. Da ist aber nicht so viel Zeit, denn der Dienstbetrieb
läuft ja weiter. Wir kennen es nicht anders. Ich habe meine Frau 1982 in
Wustrow an der Seefahrtsschule kennengelernt. Ich bin jetzt zwei Monate
auf See, zwei Monate zu Hause. Früher war ich zwischen sechs und acht
Monaten weg. Man arrangiert sich. Wir genießen jetzt, dass die Zeiträume
nicht mehr so lang sind. Die Kinder sind groß. Ich denke allerdings, dass
ab und zu mal der Vater gefehlt hat. Es läuft eben alles ein bisschen anders
in einer Seefahrerfamilie. Aber vor Kurzem hatten wir Silberhochzeit. Es
funktioniert noch. Das Wichtigste ist, dass Sie, wenn Sie nach Hause kommen,
immer noch Schmetterlinge im Bauch haben.
Deshalb sind Sie auch gemeinsam mit Ihrer Frau nach Dresden gekommen.

Was verbinden Sie mit Dresden?

Andreas Greulich: Mein Klimatechniker hat in Dresden geheiratet. Ich
kenne Dresden auch von früher. Ich habe meine halbe Familie hier. Da
gibt es noch viele Greulichs. Allerdings war ich lange nicht da. Wir waren
angenehm überrascht, wie sich die Stadt verändert hat. Sie ist sehr schön
geworden.

Wo haben Sie sich in Dresden besonders wohl gefühlt?

Andreas Greulich: Wir sind einmal quer durch die Stadt, wir hatten nicht
viel Zeit und haben eine schnelle Kulturrunde gemacht. Die Brühlsche Ter
rasse hat mir sehr gefallen. Auf jeden Fall kommen wir dieses Jahr wieder.
Haben Sie da schon einen Plan, wann?
Andreas Greulich: Im Juli. Ich mache da eine Tour und Veranstaltungen für
die Reederei in der Nähe.

Was für Veranstaltungen sind das?

Andreas Greulich: Die Reederei macht in den großen Hotels Veranstaltungen,
Kapitänstische oder mal eine Talkshow. Wir sind zwei Kapitäne.
Einer ist an Bord, einer zu Hause. Wenn ich an Land bin, muss ich auch
mal zu einer Messe, wie das Manager auch tun.

Was ist das Schönste am Kapitän-Dasein?


Andreas Greulich: Wenn einer sagt, so viele Menschen, so viel Verantwortung
– da wächst man rein. Allerdings liebe ich, auch wenn das theatralisch
klingt, unwahrscheinlich die See. Nach 33 Jahren stehe ich früh um sechs
Uhr immer noch mit einer großen Tasse Kaffee draußen, um in Ruhe das
Meer zu genießen. Ich freue mich auch heute noch unwahrscheinlich über
jeden schönen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Man kann da draußen
noch richtig durchatmen.

Na dann: Ahoi, Herr Kapitän!

Andreas Greulich: Auf ein Wiedersehen auf dem Traumschiff, der „MS
Deutschland“.


Das Traumschiff
Die DEUTSCHLAND ist das Flaggschiff der norddeutschen Traditionsreederei
Peter Deilmann, die 1972 in Neustadt an der Ostsee
gegründet wurde. Die DEUTSCHLAND fährt als einziges Kreuzfahrtschiff
unter deutscher Flagge. Mit maximal 520 Passagieren gilt sie
im Kreuzfahrtmarkt als „klein – fein – luxuriös“. Sie bietet exquisiten
Service auf Fünf-Sterne-Superior Niveau und zieht mit ihrer klassischen
Seefahrts-Tradition im Stile der großen Oceanliner eine Reihe
von prominenten Gästen an: Gudrun Landgrebe, Vicky Leandros, Max
Raabe und Ulrich Tukur kommen an Bord. Die Reederei versteht ihr
Schiff als Treffpunkt für interessante und interessierte Menschen, die
Freude am Entdecken der Schönheiten unserer Erde haben. Bekannt
ist die DEUTSCHLAND zudem als Drehort der TV-Erfolgsserie „Traumschiff“,
die seit 30 Jahren von Wolfgang Rademann produziert wird.
Gegründet vom Familienunternehmer Peter Deilmann († 2003), gehört
die Reederei seit Sommer 2010 der Münchener AURELIUS Gruppe,
die sich als langfristige Eignerin des deutschen Traditionsschiffes
engagiert hat.