Prof. Dr. Heinz Reichmann

Dekan der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus Dresden und Direktor der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus

Erfolg, Macht und Einfluss - wie stehen Sie zu den Attributen des modernen Mannes?
Reichmann: Es ist anachronistisch zu fragen, ob Erfolg, Macht und Einfluss Attribute des modernen Mannes sind, wenn gerade die Europäische Union beschlossen hat, dass 40% aller Aufsichtsratsposten von Frauen eingenommenwerden sollen. Das so genannte starke Geschlecht ist somit nicht mehr allein in seinem Anspruch, bei entsprechender Qualifikation Einfluss zu gewinnen, um für ein Unternehmen und zugegebenermaßen auch für sich selbst erfolgreich zu werden. Dadurch entsteht automatisch Macht, die aus meiner Sicht in diesem Falle notwendig und positiv belegt werden kann. Anders ist es, wenn zur Unterdrückung von Mitarbeitern Macht ausgeübt wird, ein Vorgehen, das ich rundweg ablehne.


Was ist heute erstrebenswert, welche Werte sind aktuell? Steht die Karriere immer noch ganz oben auf der Wunschliste?
Reichmann: Man spricht mittlerweile von der Generation Y und unterstellt ihr, dass sie im Rahmen der Work-Life-Balance sich davon verabschiedet hat, durch immer mehr Arbeit auf der Karriereleiter aufzusteigen. Es wird somit beschrieben, dass die junge Generation leistungswillig, aber eben nicht um jeden Preis leistungshungrig ist. Dies hängt mit vielen Faktoren zusammen, unter anderem damit, dass die meisten richtige Entbehrungen und gefährliche weltpolitische Krisen nicht kennen gelernt haben und somit familiär eine gewisse Basis vorfinden, auf der sie aufbauen können, ohne wie besessen zu arbeiten. Diese Sichtweise unterstütze ich in gewissem Maße, weil sie vernünftig ist und dem Grundsatz folgt: "Man sollte arbeiten, um leben zu können und nicht umgekehrt". Andererseits gibt es nach wie vor genügend Menschen, die in ihrer beruflichen Karriere Erfüllung finden und somit bereit sind, Außerordentliches zu leisten, um dem Gesamten damit zu dienen. Ich würde somit aus meiner Erfahrung konstatieren, dass bei den meisten Akademikern und Menschen, die einausreichendes Einkommen haben, die steile Karriere nicht mehr ganz oben auf der Wunschliste steht.


Autos, Frauen und Geld - sind das Klischees?
Reichmann: Grade als Neurologe kenne ich die Cartoons, die ein so genanntes männliches und weibliches Gehirn unterscheiden. Beim Mann wird in der Tat Sex, Autos und Geld sowie Fußball ganz groß im Gehirn kartiert, während bei Frauen Geborgenheit, Einkaufen und soziale Kontakte oben auf der Liste stehen. Das sind Klischees, die aber doch eine gewisse biologische Basis u.a. aufgrund unserer hormonellen Ausstattung (der "Testosteron-Mann") aufweisen, ohne dass dies negativ zu sehen ist, da wohl die meisten zustimmen werden, dass die Zweigeschlechtlichkeit mit das attraktivste der Menschheit darstellt.


Welche Prioritäten haben Familie, Freund und Freizeit?
Reichmann: Bei mir selbst hat die Familie den höchsten Stellenwert, weil ich hier Geborgenheit, Zuwendungund ehrliches Interesse an meiner Person erfahre. Neben den vielen schönen gemeinsamen Erlebnissen in der Familie kann ich hier Probleme und Sorgen offen ansprechen und erhalte ernsthafte Ratschläge und Kritik. Ähnliches gilt für echte Freunde, die einen in schwierigen Zeiten helfen sollen, Problemsituationen zu überstehen und die einem in kritischen Lebenssituationen weiterhelfen werden. Somit sind echte Freunde nicht nur Partyvolk, sondern eben auch Kummerkasten. Freizeit ist ein hohes Gut, das mir persönlich viel zu selten vergönnt ist, da ich zu viele Aufgaben zu erfüllen habe. Ich habe aber gelernt, mit Freizeit sehr effektiv umzugehenund die freien Stunden vielleicht etwas mehr zu genießen als andere, die vor lauter Freizeit sich bereits wieder gelangweilt fühlen.