Spiel für die Menschen an Land
„Spiel für die Menschen an Land, nimm dir eine nette Frau, habe Kinder und all die Dinge, die nicht gewaltig sind, aber der Mühe wert.“ Das war der Rat, den der Freund dem Ozeanpianisten in der gleichnamigen Novelle gegeben hat. Das ist der Rat, den mir die wenigen Menschen geben, mit denen ich über meine Zerissenheit spreche (nur statt Frau Mann, versteht sich). Schiff oder nicht Schiff, das ist hier die Frage. Mal bin ich bei 90 Prozent „Nein“, dann wieder bei 30 Prozent „Ja“. Es sind kleine Episoden und Momente in meinem momentanen Alltag, die mich jedes Mal in eine andere Richtung schieben. Mir ist schon ganz schwindelig vom vielen Hin und Her. Auf dem Schiff war es „Hoch und runter“, hier geht es „hin und her“. So ist zumindest immer Bewegung drin. Ich will gar nicht wissen, was passieren würde, wenn ich mit voller Energie mal geradeaus laufen würden.
Novecento konnte es nicht. Er ließ sich lieber freiwillig mit seinem Schiff in die Luft sprengen, als dass er sich an Land begeben hätte. Ich kann es schon, schließlich bin ich schon sechs Monate wieder hier und wollte es auch bleiben. Fleißig habe ich mein Laufrad angeschoben, um mit Speed meine Runden zu drehen – volle Beschäftigung. Aber je näher der Termin der Weltreise rückte, desto mehr rückte mein Herz wieder Richtung Schiff. Je kälter die Temperaturen wurden, je dunkler es morgens und je ungemütlicher es abends wurde, desto drüber wurde unser Mut. Ich kenne nämlich noch eine, der es ähnlich geht: Anke. Meine liebe Artdirektorin ist die einzige, die ein paar Wochen mit war auf dem Schiff. Zweimal schon. Sie sagt zur neuen Weltreisechance: „Rational – no go. Emotional – nichts wie los!“
Ich habe beim Veranstalter mal leise angefragt, ob noch Plätze frei wären auf dem Schiff. Keine Ahnung, ob ich auf die Möglichkeit hoffte oder es mir davor bangte. Wäre nichts mehr frei gewesen, hätte ich meine Gewissheit gehabt, es wenigstens versucht gehabt zu haben. Aber Fakt ist: Zwar ist der erste Abschnitt über Weihnachten ausgebucht, aber ab dem 8. Januar könnten wir mit. Fakt ist auch: Louisa würde in der Schule nichts verpassen. Sie lernen gerade Zahlen schreiben, was Lieschen als Rechenfan enttäuscht hat und langweilt. In den höheren Klassenstufen wird es dann schon anders aussehen. Ich müsste zwar einen Antrag bei bestimmten Behörden stellen und es könnte immer noch sein, dass er abgelehnt würde, aber warum sollten sie. Es gäbe einen neuen Blog, ein neues Buch, neue Magazinserien, viel Arbeit, aber es gäbe auch Zeit für mein Kind und mich. Es gäbe Meer, Sonne und viel Luft zum Atmen. Frische Luft. Viel frische Luft.
Und was gibt es hier? Ähm einen An&Verkaufstand auf dem Weihnachtsmarkt morgen in Louisas Schule. Das wollte ich doch schon immer mal machen…
