Ein Coach
Ein Coach also, ich habe einen Coach. Okay, er ist noch nicht wirklich einer, aber auf dem Weg (siehe letzter Eintrag). Ich als Versuchsobjekt? Na, viel kann bei mir nicht schief gehen. Das Kind ist schon in den Brunnen gefallen oder wie heißt das…”
Zuerst sollte ich ihm beschreiben, warum ich meiner Meinung nach einen Coach brauche. Was sollte ich sagen? „Alle leben auf einem anderen Stern, nur ich auf der Erde?“ Keine Ahnung, was so ein Coach da normalerweise zu hören bekommt. Vielleicht auch: „Ich will in drei Jahren Millionär sein.“ oder “Keiner hat mich lieb?” Was wollte ich also? Ha, genau das war doch mein Problem. Ich wusste es nicht. Und wenn ich dachte, „es“ gefunden zu haben, wollte „es“ mich offensichtlich nicht. „Falsch“, sagt der Coach. „Du wolltest es nicht.“ Also, was würde ich von einem Coach wollen, wäre er ein echter und würde mich einen Haufen Geld kosten. Ich würde es so formulieren: „Ich habe das Gefühl, meine Energie zu verschwenden, weil ich sie nicht zielgerichtet einsetze. Warum? Weil ich mein Ziel nicht kenne.“ Das war schon mal etwas. Bestimmt sogar ziemlich wichtig. „Außerdem passieren mir die gleichen Dinge scheinbar immer wieder: Immer die falschen Männer. Immer der gleiche Ärger mit der bösen Tante. Immer wieder wird die Zeit vor der Deadline knapp. Immer wieder vertraut man fälschlicherweise dem gleichen Menschentyp. Immer wieder denkt man, das Leben auf Schiffen kann man an Land weiter führen. Immer wieder schafft man den Absprung nicht. Die gleichen Mechanismen und logischerweise ähnliche Ergebnisse.“ Erst als ich es ausgesprochen hatte, merkte ich, dass ich mir die Erklärung schon selbst gegeben hatte. „Du weißt alle Antworten bereits“, bemerkte mein Trainer. Verblüffend einerseits, unbefriedigend auf der anderen. Ich wollte einen, der mir Tipps gibt und keinen, der wie ein Psychologe nur eine Stunde zuhört, kein Wort sagt und nachher kassiert. Oder ist das nur ein Klischee?
Eigentlich wollte ich meinen Freund doch lieber als Freund und nicht als Coach. Da er 600km weit von hier entfernt wohnte, wollte ich die Zeit mit ihm unbeschwert genießen. Früher haben wir uns unterhalten und eigentlich gegenseitig gecoacht. Er erzählte seinen Kram und ich sagte ihm meine Meinung und brachte ihn auf neue Ideen und Sichtweisen und umgekehrt. Aber ist so gesehen nicht jede Freundschaft ein gegenseitiges Coaching? Ich könnte das auch gut. Aber bei einem selbst funktioniert das irgendwie nicht. Das kann er nicht und das kann ich nicht. Außerdem musste er üben und gesagt, war gesagt.
„Also Coach, was soll ich machen oder nicht machen?“ Er trank an seinem Radler und schaute mich lächelnd an:
„Wenn du Dinge nicht tust, bist du nicht bereit, den Preis dafür zu zahlen. Oder noch nicht.“ Stimmt. Aber wie hoch war der Preis für was und wie konnte man seine Bereitschaft stärken? Wie immer war ich ungeduldig. Ich wollte es und zwar jetzt. Die Lösung. „So schnell geht das nicht“, erklärte er. Schön und gut, aber mein Leben ging so schnell vorbei. Ich sah es ja an jenem Menschen in meiner Familie, dessen Leben plötzlich zur Debatte stand. Es konnte so ratzbatz gehen und selbst wenn man das durchschnittliche Alter erreichen sollte, war das auch schnell Da. Mensch, heute ist doch schon wieder Sonntag. Wie viele Sonntage seit dem Schiff? Der Sommer ist gleich um, schon fast wieder Weihnachten und noch immer nicht gelebt. Was ich schon wusste war, dass man das Leben gefühlt verlängern konnte durch Veränderungen. Im täglichen Leben tat man viele Dinge automatisch und schon fast unbewusst. Man war mit den Gedanken sonst wo , aber nicht im Augenblick. Bei Veränderungen wie einem Wohnungs- oder Berufswechsel, bei einer neuen Beziehung, Freundschaft oder einem neuen Kind, musste man sich auf das „Jetzt“ konzentrieren, weil die Handgriffe noch nicht gewohnt waren. Man war bewusst auf einer gewissen Entdeckungstour und war gezwungen, im Moment zu sein. Deshalb schienen die Tage länger, die Zeit flog nicht so extrem. Wobei die Weltreise direkt auf dem Schiff scheinbar schnell verging, weil es abwechslungsreich war. Aber rückblickend kommen mir die Erlebnisse vor, als wären sie vor einer Ewigkeit passiert und das wir vor einem reichlichen halben Jahr erst losgefahren sind, scheint mir völlig unglaubhaft. Die ersten Tage an Bord könnten gefühlt zweieinhalb bis drei Jahre zurück liegen. Das wäre also eine Versechsfachung der Lebenszeit. Vorausgesetzt man kreiselt um die Welt und müsste dann wohl auch noch jährlich das Schiff wechseln und Mann und Maus verlassen und andere neu kennen lernen. Das würde man dann effektiven Lebensstil und optimal ausgereizte Lebenszeit nennen. Aber das hält auch keiner aus. Zurzeit habe ich eine Phase, wo ich manchmal am liebsten auf meiner Couch liege, schlafe, Löcher in die Luft gucke und von einem Kanal zum anderen zappe. Man könnte das regelrecht als faul bezeichnen. Zum Glück arbeite ic so effektiv, dass ich trotzdem (fast) alles schaffe. Aber diese Phase ist sicher ein Ausgleich zur Weltreise. „Oder eine chronische Unterforderung“, hat neulich mal ein Bekannter in den Raum gestellt. Mag sein. Unterforderung kann genauso lähmen, wie das Gegenteil. Zwar habe ich durch viele neue Projekte versucht, die Langeweile nach der Weltreise zu bekämpfen und der Begriff „Langeweile“ ist sicher nicht das richtige Wort. Aber alle meine Projekte bewegen sich in einem bestimmten Rahmen und der ist immer gleich.
Genügend Aufgaben für einen Coach also. Na dann…
