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Disy weblog » Die Leute von der Amadea

Die Leute von der Amadea

Die meisten Menschen haben Pläne. Sie wissen heute schon genau, was sie nächste Woche tun werden, im Sommer, zu Silvester. Sie wissen, sie werden noch das Studium beenden, danach heiraten und ein Kind bekommen. Sie wissen, noch zwei Jahre müssen sie den Stellvertreterposten ausfüllen, dann werden sie Abteilungsleiter und wenn es gut läuft, dann schaffen sie es in die Chefetage. Leute vom Schiff sind anders. Drei Beispiele …

“Was machst du nach der Weltreise”, habe ich drei Leute am Vorabend vor Venedig gefragt. Sie wussten, mit welchem Verkehrsmittel sie nach der Ankunft der “Amadea” auf welcher Route an welches Ziel kommen. Aber weiter als diese zwei Tage reichten ihre Pläne nicht. Alle Ziele waren Zwischenstationen: die Eltern. “Und dann?” Gelassenes Schulterzucken. Dabei wirkten sie nicht deprimiert, unsicher oder gar ängstlich. Im Gegenteil. Sie freuten sich auf das unbearbeitete Feld, das vor ihnen lag. Sie waren glücklich über die leeren weißen Seiten, die sie beschreiben konnten, wie sie wollten. Nicht festgelegt. Nicht eingeengt. Nicht gleichförmig. Damit ihr ein bisschen besser versteht, was ich meine, wenn ich von Gleichgesinnten spreche, habe ich die drei Leute für euch befragt: einen Kellner, einen Künstler und eine Friseurin.

Letzter_abend_weltreise_073 Beginnen wir mit Korbinian Arendt. Der Künstler vom “Amadea” - Showensemble hat eine Ausbildung zum Bühnendarsteller in den “Performing Arts Studios” in Wien absolviert und hat danach ein Engagement nach dem anderen angeschlossen (”Saterday Night Fever” in Köln, “Crazy for you” in Linz, “Evita” in Liechtenstein). Er blieb nie länger in einer Stadt als nötig. “Das Leben bietet doch viel mehr, als man an einem Ort oder mit einer Person erleben kann”, erklärt er. “Ich habe so viele Träume und ich liebe meine Freiheit.” In die TV - Branche würde er jetzt gern wechseln oder doch lieber eine Tour mit seinem Bruder durch Südamerika? “Die Welt steht einem offen”, meint er. “Wenn man sich festlegt und Letzter_abend_weltreise_079 unflexibel wird, verpasst man die besten Chancen.” Vielleicht fährt er auch noch mal mit der “Amadea” um die Welt, vielleicht nur zwei Monate, vielleicht niemals mehr. “Lass sehen, was das Leben für mich bereit hält” ist seine Devise und er geht zuversichtlich in seine Zukunft.

Angst hat auch André nicht. Der Kellner von der “Amadea” ist ähnlich wie Korbinian nie lange an einer Stelle geblieben. Wie bei den Künstlern zieht es Köche, Kellner und Hotelfachkräfte je nach Jobangebot phasenweise in verschiedene Häuser und Länder. “Das liebe ich an meinem Beruf”, so André. “Ich kann an verschiedenen Orten arbeiten und verdiene immer mein Geld.” Das braucht er nicht zum Sparen, zum Kaufen oder für das ruhige Gewissen. Das braucht er nur zum Leben im Letzter_abend_weltreise_089_2 Augenblick. “Eine Familie will ich schon irgendwann haben, aber das raubt einem natürlich die Freiheit. Dann muss ich meine Entscheidungen immer absprechen und viele Dinge kann man dann einfach nicht mehr machen.” Wie es für ihn weiter geht? “Erstmal mache ich Urlaub und dann werde ich sehen.”

Ähnlich ist es auch bei Friseurin Sandra. Ein strahlendes und zuversichtliches Lächeln bei der Frage nach der Zukunft. Eine Antwort aber hat sie nicht. “Erstmal freue ich mich darauf, meine Familie wieder zu sehen”, sagt sie. “Danach würde ich gern mal etwas ganz anderes machen, nicht mehr als Friseurin arbeiten.” Die Palette der Möglichkeiten, die sie in Erwägung zieht, reicht vom Glamour-Job einer Stylistin für Theater oder Film bis zur sozialen Helferin für Hartz 4 - Empfänger. “Mir ist gerade nach irgendwas Sozialem”, erklärt sie und würde sich gern noch mal neu erfinden. “Zuhause fragen sie schon immer, wann ich mal zur Langer_abschied_138Ruhe komme. Ich will gar nicht zur Ruhe kommen. Nach einer gewissen Zeit am selben Ort und im selben Job wird es mir langweilig.” Sie mag die Abwechslung, mal ruhige Zeiten, dann Partywochen, mal legere Arbeit, dann wieder ein stressiger Job. Familie schon auch, aber… Mit Mitte 30, wenn andere langsam “die Uhr ticken hören”, ist sie absolut gelassen. “Meine Freiheit ist mir sehr wichtig. Wie es kommt, kommt es.”

Drei Beispiele für Leute, die mit mir auf der “Amadea” fast fünf Monate um die Welt gefahren sind. Drei von 300. Vielleicht habt ihr nun eine kleine Ahnung, was ich meine, wenn ich manchmal die Leute vom Schiff vermisse.

PS: Nächster Eintrag - “Die Geheimnisse der Crew” und Antworten auf eure Fragen.

“Amadea” - Spruch des Tages: “Wer heute das tut, was er schon gestern tat, wird morgen bleiben, was er schon heute ist.”

Musiktipp zur Stimmung: Titel “Delmenhorst”, Mittelpunkt der Welt, Album: “Mittelpunkt der Welt”

Anja Fliessbach | 3. Juni 2007 | 00:53

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