Für 160.000 Euro durch den Suez-Kanal
Wer durch den Suez-Kanal fährt, braucht Geduld und starke Nerven. Besonders, wenn er zur Besatzung gehört. Denn wie man seine größte Einnahmequelle ausreizt, weiß die ägyptische Regierung. Eine Durchfahrt durch den Kanal kostet die MS Amadea 160.000 Euro. Und wehe, wir kämen zu spät…
Dann gebe es noch kräftige Zuschläge. Aber Kapitän Jens Thorn ist pünktlich. Nur die Behörden nicht. Um sechs Uhr morgens sollte unsere Passage beginnen. Viele Passagiere haben sich um diese frühe Stunde aus dem Bett gequält, um die Einfahrt in die legendäre Wasserstraße zu beobachten. Doch mit ägyptischer Gelassenheit setzte sich der Konvoi, bestehend aus 22 Schiffen erst gegen neun in Bewegung. Für mich war es gut. So habe ich nicht zu viel verpasst und war nicht zu wütend auf Reiseleiter Linus, der über Lautsprecher (wie der Wortteil "Laut…" schon ahnen lässt, kann man bei den Durchsagen selbst wenn sie nicht in die Kabinen geschickt werden, nicht gut schlafen)Wissenswertes über Geschichte und Aktuelles des Suez-Kanals mitteilte.
Als wir gegen halb zehn verschlafen auf unseren Balkon schlurften, waren wir schon überwältigt. Lautlos, auf einem schmalen, türkisfarbenen Wasserbändchen glitt die Amadea durch die Wüste. Später als ich drinnen an meinem Schreibtisch saß und aus dem Fenster blickte sah ich sogar nur Sand. Verrückt.
Wir aßen unser Spätaufsteherfrühstück an diesem Tag zwischen intellektuell diskutierenden Passagieren, staunenden Gästen und wild fotografierenden Opas. Sonst waren wir mit unserem Frühstück um diese Zeit fast allein. Aber die Atmosphäre war eigentlich sehr angenehm. Wäre hier nicht so viel Sand gewesen, von den Militärposten am Ufer und der prallen Sonne abgesehen, hatte die Passage etwas von einer gemütlichen Rheinfahrt gehabt. Cool, wenn die Landschaft sich einem so präsentierte. Wir saßen bequem auf unseren Stühlen auf dem Lidodeck. Manche Passagiere lagen auf den Sonnenliegen oder standen lässig an der Reling und die Sehenswürdigkeiten kamen serviceorientiert bequem vorbei: Oasen, Palmen, Militärposten, eine Kalaschnikow als Denkmal für die Kämpfe um den Kanal, ein Tunnel, der Afrika mit Asien verband, ein paar Fähren.
Nach dem Frühstück spazierten wir nach vorn an die Spitze des Schiffes. Natürlich dauerte der Fünf-Minuten-Weg heute zwei Stunden. Es waren aber offensichtlich alle Passagiere an Deck. Es wäre unhöflich gewesen, die ganzen Bekannten stehen zu lassen, die alle mit einem Kanal-Thema einstiegen und dann das Gespräch dezent auf die Fragen des Lebens, des Essens an Bord und der Frage nach Louisas Vater lenkten. Raffiniert. Als wir es dann an die Spitze geschafft hatten, hatten wir es wirklich an die Spitze geschafft. Ich meine an die Spitze des Konvois. Die ägyptischen Behörden hatten bei den deftigen Preisen zumindest den Anstand, Passagierschiffe an die ersten Stellen der Schiffsparaden zu
setzen. Die Amadea war heute ganz vorn. Ha, wir waren der Leader, der Chef und die anderen mussten uns folgen. Vorbei kamen sie in dem 195 - 345m breiten Kanal jedenfalls nicht und woanders lang fahren konnten sie auch nicht. Wir bestimmten den Weg, na ja, aber zumindest das Tempo. Wobei das der Lotse angab, der während der ganzen Durchfahrt neben dem Kapitän auf der Brücke war. Übrigens befand sich auf jedem Schiff des Konvois hinter uns ein Lotse, was meiner Meinung nach völlig unnötig war. Aber es war wohl Pflicht und kostete natürlich auch.
Mir wurde es an Deck zu heiß und zu voll und während Louisa zum Kidstreffen ging, setzte ich mich für eine halbe Stunde auf unseren Balkon und lauschte den Ausführungen von Linus. Ich erfuhr, dass der künstlicher Wasserweg vom Mittelmeer zum Roten Meer, der die zwei Hafenstädte Port Said und Sues miteinander163 km lang ist und den Schiffen den langen Weg um Afrika erspart, wenn sie von Europa nach Asien oder wie wir anders herum fahren wollen. Okay, bis auf die Länge hätte ich das als Quizfragen auch beantworten können. Aber dann lernte ich doch noch was. Der Kanal wurde von der französischen Suezkanal-Gesellschaft unter der Leitung von Ferdinande de Lesseps erbaut und am16. November 1869 freigegeben. Die Pläne dafür übrigens hatte schon 1838 ein Österreicher entworfen, Alois Negrelli. Ähnlich wie beim Bau des Panamakanals gab es viele Widrigkeiten: Das für den Bau benötigte Holz, Maschinen, Werkzeuge und anderes Material musste aus Europa nach Ägypten transportiert werden. Außerdem musste zuerst ein Süßwasserkanal gebaut werden, der vom Nil abzweigte, um die Arbeiter und Lastkamele mit Trinkwasser zu versorgen. Unfälle und Krankheiten wie die Cholera rafften 120.000 der 1,5 Millionen am Bau beteiligten Menschen dahin und es gab finanzielle (Baukosten 19.000.000 Pfund Sterling) und politische Probleme.
Die politischen Probleme ließen auch nach der Fertigstellung des Kanals nicht nach. Nachdem Großbritannien 1875 Ägyptens Aktienanteil am Kanal übernommen hatte, häuften sich die
Auseinandersetzungen: Ein Aufstand der Bevölkerung gegen die Briten 1882, im 1. Weltkrieg wollten mehrere Länder den Briten die Kontrolle über den Kanal abnehmen, im 2. Weltkrieg verteidigte das Königreich den Kanal gegen die Italiener und 1941 gegen die Deutschen. Als 1956 der Kanal verstaatlicht wurde vor Ablauf der Konzession, griffen britische Truppen, israelische und französische Ägypten an (1956) und im Sechstagekrieg, 1967, besetzte Israel das Ostufer.
Okay, kein Wunder also, dass sich ein militärischer Posten rechts und links des Ufers neben dem anderen befindet. Die Soldaten hocken auf Sandhügel, beobachten unser Schiff durch Ferngläser, winken. Die armen Kerle haben kein Fleckchen Schatten. Sie schützen Ägyptens größte Einnahmequelle. Angeblich soll das Land durch den Suez-Kanal im letzten Jahr rund 3,5 Milliarden US-Dollar eingenommen haben.
Ich gönne es den Ägyptern, denn wir hatten eine entspannende nicht Ma-, sondern Passage. Gegen neun Uhr abends erreichten wir das Mittelmeer und nahmen Kurs auf unseren letzten Hafen vor Venedig - Dubrovnik in Kroatien.
"Amadea"- Spruch des Tages: "Die größte Gefahr des Lebens ist, dass man zu vorsichtig wird." (Alfred Adler)
Musiktipp zur Stimmung: "Als ich jung war" aus dem Musical "Elixier"
