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Disy weblog » Das Gift des Fugu

Das Gift des Fugu

Frierend und mit müden Gesichtern trafen sich nachts um 4.30 Uhr zwölf Verrückte zum Morgenkaffee im Restaurant "Vier Jahreszeiten" auf der Amadea. "Los geht´s", forderte Chefkoch Rupert Kien die müde Truppe zum Aufbruch auf. Aufbruch in ein neues Abenteuer. Ziel: Der größte Fischmarkt der Welt - in Tokio…

Wir fuhren von Yokohama eine halbe Stunde mit einem kleinen Bus, nutzten eine der zig Autobahnen (wer als Deutscher selbst fahren will, muss vorab eine japanische Übersetzung des Führerscheins bei der diplomatischen Vertretung in Tokio oder Osaka bestellen) und staunten über die Geschäftigkeit zu so früher Stunde. "Da ist er", erklärte Surgino, der Chefeinkäufer von "Fuji Trading" (die Firma, die in Japan als Einkäufer für die "MS Amadea" zuständig ist) mit wichtiger Miene und deutete auf ein ganzes Stadtviertel mit Hallen und Gebäuden. Es war der legendäre Tsukiji - Fischmarkt, der größte der Welt.

Yokohama_080 Hektik, Aufregung, ein Hauch Rücksichtslosigkeit und prickelnde Geschäftsatmosphäre erwartete uns. Die Händler waren konzentriert und schauten mit ernsten Mienen. Kein Lächeln, keine sonst in Japan so typischen Höflichkeitsfloskeln - hier ging es um´s Geschäft. "Aufpassen", rief Chefkoch Rupert und riss eine Person seiner Gefolgschaft am Arm. Die kleinen Wagen, mit Yokohama_074denen die Käufer und Verkäufer durch die Hallen sausten, flitzten ohne Ankündigung und ohne Rücksicht auf alberne Touristen mit Fotoapparaten oft haarscharf an uns vorbei. Wir "Küchenfremden" staunten nur und ich war sehr angespannt wegen der frühen Stunde, der Hektik, die ich nach den ruhigen Wochen in der Südsee nicht mehr gewohnt war und der Sorge um mein Kind, das ich eng an meinen Körper gepresst vor mir herschob.

  Während wir staunten und schauten, kaufte unser Chefkoch, begleitet von seinem Sous Chef, dem Yokohama_053Proviantmeister und den japanischen Einkäufern Surgino und Momosaki, Fisch. Wobei Fisch auf diesem Mark ein dehnbarer Begriff für alles Yokohama_061war, was sich zumindest zeitweise unter Wasser aufgehalten hatte. Eigentlich hatte ich mein Kind gewarnt gehabt, dass es hier sicher fürchterlich stinken würde. Das stimmte nicht, was offensichtlich an der Frische der Ex - Meeresbewohner lag. Die meisten waren so frisch, dass sie noch zappelten, müde eine Flosse hoben oder aufgeregt in Becken und Schüssel schwammen.

Man konnte die Meerestiere kaufen oder aber ersteigern. Über 2500 Tonnen Seetiere werden auf  Yokohama_006dem Tsukiji - Fischmarkt jeden Tag verauktioniert. Das sind mehr als 30 Prozent aller Meeresprodukte des Landes. Rupert nahm uns mit zu solch einer Thunfischauktion, bei der die Männer mit Handys am Ohr und Notizblöcken Yokohama_013 versuchten, den besten Fang zu ersteigern. Ein großer Thunfisch (60 bis 80 Kilo schwer) kann mehrere Tausend Euro kosten (an diesem Tag rund 12500 Yen pro Kilo). Irgendwie standen wir ständig im Weg bei dem geschäftigen Treiben, dem An- und Abtransport der riesigen Fische und dem dynamischen Hin- und Herschreiten der Käufer und Händler.

Beim weitern Rundgang durch die Hallen hatten wir es schwer, dem Chef zu folgen. Zielstrebig und Yokohama_051 mit großen Schritten ging Rupert Kien begleitet von den beiden Japanern voran, wir anderen alle wie seine Gefolgschaft eifrig hinterher. Ich hatte alle Hände voll zu tun, Yokohama_066 Louisa vor den schiebenden Männern, schnellen Wagen und manchmal nicht so schönem Anblick der gerade noch lebenden Ex-Tiere zu bewahren. Aber es war ein faszinierendes Erlebnis, prickelnd, aufregend, völlig neu. Und: Mein Respekt vor unseren Köchen wuchs wieder mal, denn solche Touren über die Märkte dieser Welt standen bei ihnen an der Tagesordnung. So früh aufstehen…

Heute kauften sie unter anderem 40 lebende Aale, 50 Makrelen, zehn lebende Bonito (eine Thunfischart), sechs Stück japanischen Lachs á 3,5 Kilo, clams, Jacobsmuscheln und essbare BlumenYokohama_032_1 Yokohama_047wie Gänseblümchen und Margariten. Der Chef handelte, diskutierte, fuhr sich nachdenklich mit der Hand durch die Haare, schöpfte kritisch in Tanks mit kleinen Fischen, begutachtete Langusten und Muscheln. Und - er gab mit ein paar Fingerzeigen so viel Geld aus, wie wir uns alle nicht vorstellen können.

"Der Markt hier in Tokio ist auch für uns immer wieder ein Erlebnis", erklärte Rupert und zeigte uns Schildkröten und Krabben. Surgino zeigte uns Anago, Medai, Tamago und Ebi. Alles klar.

Auch den sagenumwobene Fugu gab es in den Hallen. Jeder von uns hatte von dem "japanischen Yokohama_065Roulette" gehört, der mit dem Verzehr des giftigen Kugelfisches zu tun hatte. Doch der Japaner beruhigt uns: Nur Fischköche mit Sonderlizenz durften den teuren Fisch servieren. Für die Lizenz mussten sie viele Jahre üben, bis sie mit ihrem spitzen Messer niemals die Leber oder die anderen Eingeweide des Kugelfisches verletzten. Darin befand sich das Tetrahydrotoxin, das schnell wirkende Gift. Schon lange soll kein Gourmet mehr am Verzehr eines Fugu gestorben sein, was auch daran liegen kann, dass heute meistens der Toso - Fugu serviert wird. Er ist kaum kontaminiert, wird nur in der ungefährlichen Wintersaison gefangen und als fein geschnittene Sashimi serviert.

Yokohama_079 Überall in den Hallen des Fischmarktes in Tokio war es nass und lagen Schläuche, mit denen Wagen, Fässer und Schüsseln abgewaschen wurden. Eine riesige Eismaschine spuckte Eiswürfel aus, die die Händler mit Wagen abholten. Koch Christian trug eine große Tüte, in denen sich viele kleine Fische bewegten. "Lebende Seetiere zu kaufen ist zwar teurer, aber so kann man den Passagieren den Fisch so frisch wie möglich servieren", erklärt Chefkoch Kien. Nach zwei Stunden waren wir es, die Marktneulinge, die durchgefroren und müde auf einen heißen Tee warteten.

Yokohama_111 Den gab es dann auch in einer Sushi - Bar neben dem Markt, eines von 400 umliegenden Esslokalen und Geschäften, in denen es laut meinem "Marco Polo Reiseführer" das "frischeste Sushi der Welt" gab. Das schmeckte auch köstlich und wir aßen reichlich - wohlgemerkt, es war morgens 9 Uhr. Aber es fühlte sich an wie Mittagessen nach einem anstrengenden und befriedigenden Arbeitstag. Dabei waren wir nur Begleitung gewesen und hatten selbst nichts geleistet.

Bevor wir am Abend den gekauften Fisch auf einem Buffet mit köstlichen Sushi, Sashimi und lebender Dekoration in der Atlantik Lounge unserer "MS Amadea" genießen durften, nahm uns Surgino noch mit zu einer Tour durch Tokio. Das erste Ziel war der Kaiserpalast . Mehr zu Tokio - morgen.

Anja Fliessbach | 11. März 2007 | 23:40

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