Die Sonne geht auch morgen unter
Euphorisch rief ich mein Kind auf den Balkon unserer Juniorsuite 132 auf Deck 10 der "MS Amadea". Louisas kleines Gesicht schob sich durch die Tür. "Komm raus und sieh wie schön die Sonne aussieht." Ich winkte ihr. "Die Sonne geht auch morgen unter", antwortete mein Kind und ließ mich verblüfft zurück. Stimmte das?…
Dieser Satz wäre mir nie im Leben eingefallen und ehrlich gesagt war ich überhaupt nicht dieser Meinung. Okay, die Sonne ging vielleicht wieder unter. Aber: Gab es die Menschen morgen noch? Das war angesichts der militärischen Präsenz und der atomaren Basen auf den Inseln hier im Pazifik eine angemessene Frage. Würden wir morgen noch gesund sein und die Sonne genießen können? Gab es morgen Regen? Würden schwarze Wolken die Sonne verdecken oder Nebel sie verhüllen? Würde ich morgen das gleiche Lied in meinem iPod finden? In was für einer Stimmung würden wir morgen sein und wären die Farben die gleichen?
Okay, die Sonne würde sicher wieder untergehen. Aber der Sonnenuntergang würde nie mehr so sein wie jetzt. Andere Wolkenformationen werden die Sonne umrahmen, teils verdecken, vielleicht besser präsentieren als heute. Vielleicht würde die Sonne aber neben ihnen kleiner wirken und unscheinbarer. Vielleicht würde sie wieder gut mit ihren Wölckchen zusammenspielen, sich necken, sich liebkosen, sich streiten.
Auch der Wind wäre anders. Andere Richtung, andere Stärke, andere Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Das Schiff würde mit einem anderen Kurs fahren und den Blickwinkel verändern. Wir sind ganz sicher an einem anderen Ort, wir haben uns fortbewegt und mindestens einen Tag lang neue Erfahrungen gemacht, Gespräche geführt und vielleicht neue Leute getroffen. Also auch wir würden uns weiterentwickelt haben und wären nicht mehr wie heute, wie jetzt.
Es ist schade, um jede vergeudete Minute. Jede Minute, die wir nicht optimal genießen. Jede Minute, wenn wir mit Menschen am Tisch sitzen, mit denen wir eigentlich nicht zusammen sein wollen. Jede Minute abwägen, aufschieben, verpassen. Jede Minute, in denen uns das Geld vielleicht leid tut, wir erwarten, dass die Umstände später besser sind oder wir sogar hoffen, es besser zu haben, woanders zu sein, glücklicher zu sein. Es gab an Bord schon mehrere Todesfälle, was normal ist auf einem Schiff und auf so langen Reisen. Warten und denken, morgen ist auch noch Zeit? Nächste Woche, nächste Reise, nächstes Leben? Wer weiß das schon sicher?
Die Sonne geht auch morgen unter? Bestimmt. Hoffentlich. Aber es wird nie wieder so sein wie jetzt in diesem Augenblick. Niemals mehr. Ich erklärte das meiner Tochter und sie saß auf meinem Schoß, als die Sonne ihre letzten Strahlen über den Pazifik zu uns auf den Balkon schickte.
Entschuldige, Vasco, dass ich den Tanzkurs abgesagt habe, aber die Sonne ging unter. Einmalig.
Musiktipp zur Stimmung: Gerhard Gundermann, Album: "Das letzte Konzert", Titel: "Morgen, morgen"
