Der Deputy Premierminister und ich
Die Geschichte war verrückter als sie sich ein abgedrehter Autor hätte ausdenken können. Schon mal was von Pretty Woman gehört? Ich habe es erlebt, nur dass der Mann kein Prinz war, sondern der Deputy Prime Minister von Samoa…
Der Tag begann nicht gut. Louisa war mit ihrem kleinen Freund Victor und dessen Eltern zur Rundfahrt auf Samoa unterwegs. Victor hatte Geburtstag und Louisa war sein Gast. Plötzlich stand ich nach dem Abschied und dem Winken völlig allein vor der "MS Amadea". Meine Freunde kamen gerade an mir vorbei. "Einen schönen Tag", wünschten sie noch und waren verschwunden. Na, toll! Nun stand ich mutterseelenallein auf Samoa und hatte keinen Plan. Ich wollte gerade frustriert ins Bett gehen, als eine Gruppe Einheimischer die Gangway betrat, gefolgt von einem Kamerateam. Mein Instinkt und meine Neugier trieben mich in ihre Richtung und - bling - saß ich mit ihnen in der Kopernikus - Bar. Kreuzfahrtleiter Christian Adlmaier stellte uns vor. "Das ist Misa, Telefoni Retzlaff, der Deputy Premierminister von Samoa." Ah, okay - na dann Prost!
Ich wollte schon immer mal mit einem Premierminister einen Drink nehmen. Der
von Samoa auf Samoa? Bestens. Dazu kam, das Misa, wie wir ihn nennen durften, Gefallen an uns und unserem Gespräch fand und mich anschließend gleich noch mit zum Essen in das Restaurant "Amadea" einlud. Naja, er war ja selbst vom Kapitän und Kreuzfahrtleiter eingeladen, aber immerhin.
Misa fragte uns, ob wir gemeinsame Freunde hätten, zum Beispiel Ex-Finanzminister Hans Eichel. Klar, unsere Politiker sind doch alle unsere Freunde. Er erzählte von seinen Verhandlungen mit Frau Heidemarie Wiecorek-Zeul und offenbarte uns seine positive Meinung über Frau Merkel. Kraft meiner Wassersuppe (wie meine Oma immer sagt), also mit der nötigen Portion an frecher Selbstüberschätzung gab ich mal dem Deputy Prime Minister von Samoa auf einem Schiff vor Samoa ein paar Tipps für seine Verhandlungen mit der deutschen Regierung. Innerlich lachte ich so laut, dass ich mir ein immer mal wiederkehrendes breites Grinsen nicht verkneifen konnte. Offensichtlich gefiel das dem Deputy Prime Minister von Samoa (sorry, aber ich muss diesen wunderbaren Titel
immer wieder ausschreiben) und er begann, mir Gedichte aufzuschreiben. Sie erzählten von der Schönheit Samoas und er meinte, sie hätten auch für mich geschrieben sein können. So ein Charmeur.
Letztlich erzählte mir Misa Episoden aus seinem privaten Leben, von der Liebe und seiner Diät, die auf Seafood basierte und mit der er schon sechs Kilo abgenommen hatte. Was einem so ein Deputy Prime Minister eben so erzählt. Wobei mir da natürlich auch mein Job half. Ich rede gern mit Leuten und die Leute reden gern mit mir. Als Gesprächsartner hatte ich schon viele Staatsoberhäupter, Könige und wichtige Politiker vor der Nase.
Trotzdem war die Situation hier auf Samoa eine ganz andere. Es war kein abgesprochenes Interview oder ein offizieller Staatsbesuch. Auf diesem Schiff war ich Anja, nicht die Disy-Chefredakteurin. Und in diese Situation war ich durch Zufall reingetrudelt. Wie es mir oft passierte auf solchen Reisen. Genau wie auf den Osterinseln. Erst läuft alles schief und daraus ergeben sich die verrücktesten Episoden. Und es wurde noch verrückter.
Während wir so zu dritt im Gespräch saßen (ich bewunderte die Souveränität mit der Christian Adlmaier hier auftrat), unterbrach uns der Deputy Prime Minister plötzlich und fasste mich am Arm: "Anja, das Fernsehen von Samoa möchte gern mit dir ein Interview machen." Genau. Das war das, was ich nun erwartet hatte. Ich drehte mich zu dem Kamerateam um und die Leute nickten. Nun gab es keine Steigerung mehr. Doch hatte ich nicht schon mal hier auf dieser Seite behauptet, es gäbe immer
noch eine Steigerung (beim Bericht über die Beach-Party auf Fakarawa)? Da ich immer Recht habe, was meine Mitarbeiter zu Hause bestätigen können (liebe Grüße), gab es natürlich auch hier noch eine Stufe mehr. Aus dem Interview wurde eine Reportage über mich, wie ich als Special Guest of the Deputy Prime Minister of Samoa über die Insel geführt wurde und in Begleitung von jeweils 10 bis 12 Offiziellen die Sehenswürdigkeiten der Insel gezeigt bekam.
Zuvor gab Misa noch an meiner Seite ein Interview in das er mich einbezog. "Lächeln und winken" hatte ich von der Besatzung der "MS Amadea" schon gelernt. Also lächelte ich und winkte im TV von Samoa. Dann begann unsere Tour über die Insel. Christian Adlmaier rief mir an der Gangway nach: "Vertritt Deutschland gut" - und die Kameras gingen an.
Wie die Sache sich noch weiter steigerte, wie ich einen Mann zum Weinen brachte und wie ich als Pretty Woman (prominent für einen Tag) Samoa entdeckte - erzähle ich euch morgen.
Das ganze Gespräch mit Misa, Telefoni Retzlaff könnt ihr wie immer demnächst auf www.disy-magazin.de lesen.
Heute ein Gedicht zur Stimmung, das der Deputy Premierminister ausgewählt hat (hat er auch in seinem Buch "Love and Money", ISBN 982-9071-16-2, veröffentlicht):
The Truth About Love
"When it comes, will it come without warning
Just as I´m picking my nose?
Will it knock on my door in the first morning
Or tread in the bus on my toes?
Will it come like a change in the weather?
Will its greeting be courteous or rough?
Will it alter my life altogether?
O tell me the truth about love."
W.H. Auden, Twelve Songs
