Parpadelle und Wagner
Heute ist Gala-Abend anlässlich der Hälfte des vierten Abschnittes unserer Weltreise. Das Motto ist Moulin Rouge. Die Restaurants sind festlich geschmückt, auch die Kellner passend zum Thema gekleidet, die Küche hat ein 9-Gänge-Menü vorbereitet und das Amadea-Showensemble eine entsprechende Vorstellung. Und ich? Ich sitze auf meinem Balkon mit Parpadelle und Wagner…
Es ist diese besondere Art der Freiheit auf einem Schiff, auf diesem Schiff. Es ist diese besondere Form von Luxus, selbst zu entscheiden, was man gerade machen möchte.
Ich war schon frisiert, gestylt und in Galarobe. Der Empfang vor dem Essen mit Musik und Sekt fand auf allen Etagen statt. Gerade wollte ich nach dem Sektglas greifen, das ein Kellner mir anbot, als ich dachte: "Warum?" Ich war heute nicht im geringsten in Stimmung für eine Feier. Ist doch keiner jeden Tag. Zuhause gehört es zu meinem Job zu Empfängen, Galas und Bällen zu gehen. Gesellschaftliche Verpflichtungen. Doch hier war ich keinem verpflichtet. Okay, ein schlechtes
Gewissen hatte ich natürlich gegenüber der Küche, den Dekorateuren und Planern des Abends wegen ihrer Mühe - aber es würde keinem auffallen, wenn einer von der Vielzahl der Passagiere fehlen würde. Schließlich war ich nur irgendein Passagier und konnte genauso gut einen Abend mit mir und meiner Tochter allein verbringen.
Also fragte ich mich selbst wonach mir der Sinn stand und ich fand mich auf meinem Balkon wieder. Während Louisa im Bordfernsehen "Madagaskar" schaute, bestellte ich zwei Gänge des Menüs auf die Kabine: Parpardelle mit Chardonnay Sauce und Kartoffel-Steinpilz-Lasagne mit Trüffelöl. Und weil ich, wenn es mir nicht wirklich gut geht, einen Hang zur Dramatik habe, gönnte ich mir zum Essen Wagner. Ich hatte den "Ring der Nibelungen" auf meinem iPod und startete die Walküre. Ich liebte Wagner. Vor ein paar Jahren hatte mich der Sohn meiner Patentante eines Sonntages in die Dresdner Semperoper eingeladen. Nach dem ersten Schock, die Oper ginge fast fünf Stunden, war ich sofort in den Bann dieser Musik gezogen und war fasziniert von der Geschichte des Wandels. Wie die alte Götterwelt versucht, ihre Daseinsberechtigung zu behalten, wie sie kämpfen und letztlich untergehen. Weil es einfach eine andere Zeit ist, weil etwas Neues anbricht.
Die Walküre war der erste Teil des Ringes, den ich eben damals an jenem Sonntag sah. Völlig unvorbereitet, nur eine grobe Vorstellung von Wagner und mit verschüttetem Schulwissen. Ich schlitterte hinein und fand mich schluchzend und schniefend wieder, als sich Wotan von seiner geliebten Tochter verabschiedete. Er liebte sie über alles, aber er verbannte sie und zog um sie diesen Feuerkreis. War mir das peinlich - Heulen in der Oper. Aber diese Kraft in der Musik, das Kämpferische, die Hoffnung und letztlich das Aufgeben und die Trauer. Wunderbar.
Und solch einen wunderbaren Abend gönnte ich mir auf meinem Balkon. Wissend, dass die anderen zusammen waren. Wissend, dass sie Spaß hatten und ich traurig war. Wissend, dass es völlig in Ordnung war, sich auch mal zurückzuziehen, um die Erlebnisse und die Gespräche zu verarbeiten. Und all das in der zehnten Etage über dem Pazifischen Ozean, beschienen vom Mond und begleitet vom Rauschen der Wellen mit Parpadelle und Wagner. Es war okay, nur irgendein Passagier zu sein.
Fotos: AKF
Musiktipp zur Stimmung: Richard Wagner, Die Walküre: Wotans Abschied und Feuerzauber, Album: Die Grosse Operngala (Disc3)
