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Abschied mit Tränen

"Nicht weinen, Mama. Sonst muss ich auch anfangen", schluchzte Louisa und umarmte mich. Wir sahen dem Bus hinterher, der mit unserer Freundin Anke und anderen Passagieren zum Flughafen fuhr. Schnell gingen wir die Gangway hinauf, damit keiner unsere Tränen sah. Genau das hasste ich am Schiffsleben. Immer wieder Abschied…

So eine Weltreise auf einem Schiff, wie wir sie unternehmen, ist meistens in mehrere Abschnitte unterteilt. Nur einige Passagiere bleiben während der ganzen Weltreise auf dem Schiff. Auf der "MS Amadea" sind es 42 Gäste. Wir kennen bisher nur die Zahl, noch nicht die Passagiere. Jeder, der nicht so lange Zeit hat wie wir, kann Teilabschnitte buchen. Diese sind zwischen zwei und vier Wochen lang, können auch kombiniert werden.
Das bedeutet für uns, dass wir es ständig mit neuen Passagieren zu tun haben. Anstrengend. Auch die Crew- und Staffmitglieder wechseln ständig. Schon altersmäßig sind wir lieber und öfter mit denen zusammen, als mit den Gästen. Doch hin und wieder sind auch tolle Passagiere dabei. Man lernt sich kennen, freundet sich an, genießt wenige Tage, graust sich vor dem nahenden Abschied und leidet, wenn es heißt "Good bye."
Das hört sich für Außenstehende wahrscheinlich albern an. Wenn man auf so einem Schiff lebt – und dieses Gefühl bekommt man schon nach ein paar Wochen – reagiert man anders als an Land, anders als zu Hause. Man ist sehr viel offener für andere Menschen, fühlt sich ihnen schneller und intensiver verbunden. Mag es daran liegen, dass man auf einem kleinen Schiff im Verhältnis zu den großen Ozeanen ein gemeinsames Schicksal teilt. Oder, dass der Alltag und die meisten Probleme weit weg sind und man Platz hat im Herzen. Man verbringt fast 24 Stunden miteinander, sieht sich beim Essen, Schwimmen, bei Shows und Ausflügen, trifft sich an Land, unterhält sich, sitzt abends an der Bar zusammen. Intensiver als zu Hause mit der Familie oder Freunden. Mehr als bei einem "normalen" Urlaub im Hotel. Und wenn man an Seetagen ringsherum nichts als Wasser sieht (herrlich!), unterhält man sich eben mit den Leuten. Außerdem trifft man ähnliche Menschen. Gleichgesinnte. Manchmal sogar Seelenverwandte. Eint uns doch diese Abenteuerlust, das Fernweh, das Genießen, das Kennenlernen neuer Länder und Personen, Kulturen und Traditionen. Diese gewisse Flucht. Diese gewisse Suche.
Nun, Anke sehen wir in Deutschland wieder. Trotzdem. Als wir so langsam die Gangway wieder hinauf schlichen, dumpf in der Kabine standen und anschließend zusammen auf einer Liege auf Deck 8 kuschelten, wäre ich am liebsten mit nach Hause geflogen. "Sieh mal Mama, es sind doch noch so viele andere an Bord", tröstete mich mein Kind. Sollte das nicht anders herum sein und die Mutter das Kind trösten? "Die Andrea, der Herr Adlmaier, der Rupert und die Sandra. Der Kapitän ist noch da und der Holger." Ich zuckte zusammen. Mein Kind irrte sich. Der Holger, einer der Vize-Restaurant-Chefs, war auch überraschend ausgestiegen. Er war einer der zwei Menschen an Bord gewesen, die sich herzlich um Louisa gekümmert hatten. Er hatte ihr ein Ufo geschenkt, in seiner Mittagspause mit ihr "Mensch ärgere dich nicht" gespielt, hatte immer eine kleine Überraschung für sie. Er hatte ihr versprochen, mit ihr eine Flaschenpost zu basteln, wollte mit ihr an Land Pizza essen gehen. Seit gestern wusste ich und wohl auch er erst, dass er das Schiff plötzlich verlassen würde. Warum, wollte uns keiner sagen. Wir hatten ihn nicht mehr zum Verabschieden getroffen. Schweren Herzens erklärte ich es Louisa und benutzte ihre Argumente. "Dafür sind ja noch auf dem Schiff die Andrea, der Rupert, der Herr Adlmaier…"
Das erste Abendessen ohne Anke war traurig, aber wir hatten uns im Griff. Bis Kellnerin Silke zu uns kam: "Einen lieben Gruß von Holger und er hätte sich gern noch von euch verabschiedet." Sie gab Louisa ein Geschenk von Holger. Den Model-Hubschrauber, der echt fliegen konnte. Louisa war glücklich und traurig. Ich war glücklich und traurig. Aber als einer nach dem anderen zum Schwatzen und Trösten an unseren Tisch kam, vom Kellner bis zur Vize-Restaurantchefin, vergaßen wir unsere Sorgen und fühlten uns schon weniger einsam.
"Es dauert ein bis zwei Tage", versprach uns einer der Kellner. "Ich leide auch jedes Mal, wenn einer geht", so eine andere. "Man gewöhnt sich daran, wenn man auf einem Schiff arbeitet", kam meistens. Wir werden uns nie daran gewöhnen.

Anja Fliessbach | 17. Januar 2007 | 03:40

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