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Rios Slums

"In die Favelas gehe ich nicht mit", erklärte André an unserem nächsten Tag in Rio de Janeiro. Wir hatten gehört, dass man Rocinha, das größte Slumviertel Rios besuchen könnte…

"Selbst die Polizei vermeidet es, in diese unübersichtlichen, verwinkelten Viertel zu gehen", sagt André entsetzt. In diesen Gegenden regieren organisierte Banden von Drogendealern, die mit den modernsten Waffen ausgerüstet sind. Immer wieder werden Menschen dort ermordet oder kommen aus Versehen ums Leben. "Die Lebenserwartung in den Favelas liegt bei 48 Jahren", erklärt André. Krankheiten und das fehlende Geld für Medikamente tragen auch zu dieser Zahl bei. Wir fahren mit dem Auto dicht an die Favelas heran. "Besser nicht fotografieren. Das mögen die Drogenbosse nicht", sagt der Fahrer und André übersetzt. "Warum? Die können uns doch nicht sehen.“ Mein Einwand stößt auf Kopfschütteln. "Sie sehen alles. Auf einem Berg sind Bretterbuden aneinander gereiht. Es sieht aus, als klebten sie wie Streichholzschachteln am Berg. An vielen Hütten hängt Wäsche, manche Häuschen haben Wellblechdächer, einige sind orange, andere hellblau. Doch die meist verbreitete Farbe ist Grau. "In den meisten Städten wohnen die Reichen auf den Hügeln, bei uns ist es genau anders herum", so André. Eigentlich galten die steilen Hänge der Stadt als unbebaubar, aber als die Stadt schnell wuchs, war es den ärmeren Familien nicht mehr möglich, die Mieten in der Stadt zu bezahlen oder das Geld für Busse auszugeben, um von den Vororten in die Stadt zur Arbeit zu fahren. Also entstanden die illegalen Hütten auf den Hügeln. So sind die 700 Favelas, in denen mehr als drei Millionen Menschen leben sollen, überall in der Riesenstadt präsent. "Es herrschen schlimme Lebensbedingungen in den Elendsvierteln", so André und Louisa bekommt entsetzte Augen. "Familien mit vier oder fünf Kindern haben nur ein Zimmer zur Verfügung. Meistens schlafen die Kinder auf dem Boden", sagt er. Mich beeindruckt, dass die Favelas dicht bis an die guten Wohngegenden reichen, man von Luxusappartements auf die Slums schaut. "Das ist schlimm, aber wir haben uns daran gewöhnt", behauptet André. Ich erinnere mich an Patricia, die wir in Salvador de Bahia kennen gelernt hatten. Das Kindermädchen für ihre Tochter wohnte in solch einem Armenviertel. "Ja. Viele der Einwohner haben Jobs, über 80 Prozent. Sie sind Arbeiter, verdienen sich Geld als Zimmermädchen oder im Hafen." Manchen Familien stehen nur rund 150 Real im Monat zur Verfügung (rund 50 Euro).André erzählt, dass früher Geld für Essen oder Lebensmittel für die Favelas gesammelt wurde. "Heute weiß man, dass vor allem Geld für Bildung ausgegeben werden muss. Nun gibt es oft Sammlungen für Bücher." Wir bekommen die Empfehlung, uns den Film "City of God" anzusehen, der in einer echten Favela gedreht und von echten Slumbewohnern gespielt wurde. Es ist André wichtig, zu unterstreichen, dass nicht nur Drogen, Morde und andere Kriminalität in den Favelas geschehen oder aus den Favelas kommen, sondern auch viele Künstler, Maler und Tänzer aus den Armenvierteln Rios stammen. So auch die berühmten Sambaschulen, die den Karneval in Rio bekannt gemacht haben. Ob wir so eine besuchen könnten? "Morgen", verspricht André und entschuldigt sich noch mal, dass er uns eine Favela nicht näher gezeigt hat. "In Rio ist man zwar nirgends sicher", erklärt er. "Aber wir haben gelernt, uns nicht absichtlich in Gefahr zu begeben."

Anja Fliessbach | 11. Januar 2007 | 21:51

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