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Kabine mit Balkon

"Mama, wir haben sogar einen Balkon", jubelte Louisa und wirbelte durch die Kabine 865, welche bis Rio de Janeiro unser Domizil sein würde. Danach müssen wir umziehen, leider. Kein Wunder, wenn man sich "last minute" für eine Weltreise entscheidet und das Schiff fast ausgebucht ist …

Auf den ersten Blick war die "MS Amadea" ein großartiges Schiff mit der richtigen Mischung aus Eleganz und legerer Urlaubsfreude. Mit einer Größe von fast 29.000 BRZ hatten die maximal 600 Passagiere viel Platz.

 

Es ist eine tolle Kabine, ca. 25 qm groß. Während Louisa nach unserer Ankunft in vier Stunden Mittagsschlaf die Anstrengungen der Reise und die Klimaumstellung verarbeitete, packte ich unser Gepäck aus. Es war wie versprochen vollständig auf dem Schiff angekommen. Die Kabine erwies sich als klug ausgetüfteltes Platzwunder, denn der Inhalt von drei Koffern, einem Kinderkoffer, einer Reisetasche und zwei Rucksäcken verschwand spielerisch in den Schränken. Trotzdem staunte ich beim Auspacken, was ich da alles so fand. Hatte ich all diese Sachen mitgenommen?

Ich erinnere mich genau, wie ich am Anfang unserer ersten Weltreise in der Kabine saß und mich fragte, wie ich das fünf Monate aushalten sollte. Umso überraschter und glücklich war ich über dieses Domizil hier auf der "MS Amadea": eine relativ neuwertige First-Class-Einrichtung, stilvoll, großzügig, mit Sat TV, DVD-Player, Klimaanlage, Telefon, Bar und Safe. Der schönste Teil aber war der Balkon. Zwei Liegen, Blick aufs Meer und große Fenster, die die frische Seeluft in die Kabine lassen. Auf dem anderen Schiff konnten wir die Fenster fünf Monate lang nicht öffnen. Eine Tortur.

Auf der "MS Amadea" war alles anders. Auch die Besatzung. Nachdem wir als offizielle Passagiere anerkannt waren, begegneten wir vielen netten und herzlichen Mitarbeitern. Das Klima an Bord wirkte freundlich und entspannt.

Als das Schiff um sechs Uhr abends von Lanzerote ablegte, standen wir an Deck. Die Sonne ging gerade unter, die Lichter der Uferpromenade von Arecife leuchteten und bei mir stellte sich endlich dieses feierliche Gefühl ein. Schnell riefen wir über Handy Louisas Oma an, die gerade bei ihrer Schwester in Thüringen Bescherung hatte. Dann den Opa, der erzählte, wie der Weihnachtsgottesdienst in der Kirche war. So weit weg, nicht nur territorial. Für mich hatte dieses Abschiednehmen etwas ganz Besonderes. Eine gewisse Trauer und Melancholie, aber auch ein Zurücklassen von vergangenen Dingen und der Aufbruch zu neuen Abenteuern. Wie die erste Seite eines Buches, das noch geschrieben werden muss.

 

Xmas_1An der Rezeption konnten wir Geschenke für die Bescherung abgeben und so kam es, dass nach dem weihnachtlichen Abendessen, den besinnlichen Geschichten von Kapitän und Kreuzfahrtleiter in der Atlantik-Lounge, der Weihnachtsmann meine Tochter Louisa gleich vier Mal auf die Bühne holte. Schamvoll rutschte ich fast unter meinen Tisch. Wer konnte auch ahnen, dass sie die Geschenke einzeln ausgaben. Bei jedem Gang nach vorn begleitete ein Raunen und "Ah" und "Oh" vom Publikum meine Tochter mit der Konsequenz, dass nun jeder Louisa kannte. Kein Wunder, sie war das einzige kleine Kind auf dem Schiff. Mal wieder.

 

Am nächsten Tag hörte sie dann bestimmt auch hundert Kommentare von den Mitreisenden mit fast gleichem Wortlaut: "Na, du hast aber viele Geschenke bekommen."Mein höfliche Kind nickte stets freundlich.

 

Danach besichtigten wir das "coole Schiff", wie Louisa es nannte. Es gibt acht Passagierdecks, zwei Restaurants, den Aussichtssalon "Vista-Lounge" für Nichtraucher, den "Havanna Club" für Raucher, Bars, eine Bibliothek und ein Kaminzimmer, ein japanisches Zimmer, ein Internet-Café, eine Shopping-Arkade und sogar ein Kino, das auch für Vorträge genutzt wird. Wir warfen einen Blick in das Schiffshospital, fuhren mit einem der fünf Aufzüge zum Spa und ich nahm mir schon mal das Massageangebot mit. Die Decks wirkten offen und großzügig. Ein paar Passagiere spielten Shuffleboard. Für den Swimmingpool war es noch zu kalt, doch in Gedanken sah ich mich schon unterm Sternenzelt in diesem gemütlichen Jacuzzi sitzen, der gleich nebenan war. Weniger optimistisch ging ich an das Vorhaben heran, jeden Morgen den Joggingpfad ums Schiff herum zu nutzen. Das hatte ich mir fest vorgenommen, aber ich kannte mich nun schon seit 32 Jahren.

 

"Wie ein richtiges Hotel", meinte Louisa. Die "echten Balkons" an den Kabinen begeisterten sie, wie gesagt, am meisten. Mich auch. Schon. Doch ich wusste vom letzten Mal: Mit einem normalen Hotelaufenthalt hat das Leben auf einem Schiff über Monate hinweg nichts zu tun. Nichts!

Anja Fliessbach | 27. Dezember 2006 | 18:15

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