Alles ist relativ
"Relativ geht es mir wieder gut", erklärte meine Tochter gestern ihrer Ärztin. Wir lachten über die Wortwahl des Kindes mit seinen sechs Jahren. Außerdem ist es relativ sicher, dass wir in dieser Nacht endlich zu unserer Weltreise starten. Relativ gut sind auch die letzten Tage verlaufen. Relativ…
"Was machst du denn noch hier?" war die Standartfrage in dieser Woche. Oder: "Wieso bist du da?" Nun, das kann auch einen selbstbewussten Menschen auf Dauer zermürben. Als ich zum vierten Mal mit abwehrenden Handbewegungen erklärte: "Eigentlich bin ich gar nicht da", griff ich mir selbst an den Kopf, warum ich das Spiel mitmachte. Klar hatte ich mich schon von allen definitiv verabschiedet. Natürlich war mein Platz in dieser Woche auf dem Schiff und nicht hier. Projekte waren abgeschlossen, meine Redaktion übergeben und die Aufgaben verteilt. Mein Terminkalender war leer, genau wie meine Schränke. Die Einladungen waren abgesagt, ich stand auf keiner Gästeliste mehr. Das Handy klingelte nicht. Ich war eben "gar nicht mehr da." Eigentlich, relativ gesehen.
Da ich der Meinung bin, dass eine leichte Theatralik dem Leben Würze gibt, würde ich es mit dem klassischen Bild beschreiben: Es war, als würde ich als Engel auf die Erde zurück kehren und sehen, wie das Leben hier ohne mich gemütlich weiter läuft.
Also fiel ich schon am Dienstag wieder in Aktionismus, schreckte meine Leute auf, die sich innerlich schon leise auf Weihnachten eingestellt hatten und nicht auf den Wirbel, den ich doch hin und wieder veranstalte. Ich plante die nächsten Disy-Ausgaben noch mal neu, konferierte mit unserem Steuerberater mehrere Stunden, arbeitete mit den Mitgliedern der Leserredaktion an ihren Texten, kümmerte mich um ein neues Vertriebsprojekt, übernahm zwei Interviews selbst, mehrere Kundentermine, schloss Verträge ab… Fast wie immer eben.
Doch eigentlich war ich doch gar nicht da. Normalerweise hätte ich diese Dinge nicht mehr erledigt. Zumindest nicht persönlich oder nicht in dieser Woche. Hätte das einen großen Unterschied gemacht? Ein paar Anzeigen weniger, vielleicht nur fast perfekte Texte. War es das wert, letztlich doch wieder durch die Tage zu hetzen?
Erstaunlich wie relativ die scheinbar wichtigen Dinge sind.
Morgen jedenfalls geht es los. Dass wir unser Schiff auf Lanzerote doch noch erreichen, ist wirklich wichtig. Oder?
