Wo liegt die Verantwortung von Journalismus?

Foto: Disy

Jacob Augstein (Journalist und Verleger) und Nikolaus Blome (Journalist, Kommentator und Autor) diskutierten im Dresdner Haus des Buches über Deutschland. Lesen Sie mal! 

 

Wo liegt in den politischen Debatten die Verantwortung von Journalismus?

Jacob Augstein: Zur Verantwortung von Texten lassen Sie mich ein Beispiel nennen! Ich habe ganz viel über die Ukraine geschrieben und irgendwann kam eine ukrainische Schriftstellerin und wollte mit mir zum Essen gehen. Sie hat mir viele Vorwürfe gemacht. Sie hat gesagt: „Du schreibst hier irgendwelche Sachen, die für uns schlecht sind. Die Ukraine wird in ein schlechtes Licht gerückt.“ Dann habe ich versucht, mit ihr zu reden und habe gesagt, dass ich für deutsche Leser schreibe, im besten Fall vielleicht für deutsche Politiker. Jedenfalls für die Frage, wie wir Deutschen uns verhalten sollen. Irgendwo muss man Verantwortung begrenzen. Ich kann nicht grenzenlos verantwortlich sein. Wenn es in der Ukraine diese oder jene Wirkung gibt oder sie sich so oder so bedrängt fühlt, dann tut es mir irgendwie menschlich schon Leid. Das kann aber professionell keine Konsequenzen für mich haben. Ich muss irgendwo eine Grenze ziehen für meine Verantwortung und das nehme ich sehr ernst.

 

Sie erzählen das, weil es Sie bewegt hat?
Jacob Augstein: Ich kann nicht für alles verantwortlich sein. Sarrazin ist ein anderer Fall. Sarrazin hat Benzin gegossen in eine bestimmte Stimmung, hat Leuten Begriffe in die Hand gegeben, hat Sachen sozusagen vorformuliert und Gedankenbahnen gelegt, in die andere nachgegangen sind. Ich mache ihm das nicht zum Vorwurf, dass er die Verantwortung trägt. Und finde, dass er ein Mann ist, der sehr, sehr wirksam war und zu dieser Wirksamkeit auch steht. Verstehen Sie diesen Unterschied, den ich meine? Sarrazin hat nicht als Journalist gearbeitet, um da nochmal ganz klar den Unterschied heraus zu stellen. Sondern Sarrazin ist ein politisch wirkender Aktivist geworden. Er ist kein Journalist.

 

Nikolaus Blome: Auf die Gefahr, dass es jetzt irgendwie kleinkarriert klingt, ich glaube, zu unterscheiden zwischen Wirken und Verantwortung. Haftig stehe ich dafür, dass stimmt, was da steht. So bestreiten wir inzwischen, dass Fakten, Fakten sind. Ich hafte dafür, dass das Geschriebene nach bestem Gewissen stimmt. Und dann ist Schluss! Wir sind sehr gescholten wurden, als wir mal Statistiken ausgebuddelt haben, die jetzt frei verfügbar sind. Die Frage war damals zu klären, ob es bestimmte Immigrantengruppen gibt, die überproportional straffällig werden im Vergleich zur Größe ihres Anteils in der Gesamtbevölkerung. Dafür haben wir ohne Ende auf die Nuss gekriegt. Aber es hat gestimmt. Wir sagen ja, wir haben es schwer. Weißt du, wie viele Beschwerden wir in der Presse bekommen haben? Keine einzige ist durchgekommen. Weil es gestimmt hat.

 

Jacob Augstein: So leicht würde ich es nun nicht machen, zumal, wenn man im Meinungsgeschäft tätig ist. Das, was ich schreibe, stimmt dann oder nicht, wenn ich es schreibe und ich der Meinung bin. Dann verstecken Sie sich hinter einem aristokratischen Argument. 

 

Nikolaus Blome: Das ist keine Meinung! 

 

Jacob Augstein: Die Frage ist, welche Fakten Sie veröffentlichen. Zu welchen Zeitraum, in welchem Zusammenhang und in welcher Aufmachung.

 

Nikolaus Blome: Entschuldigung, mal ehrlich jetzt! Machen Sie sich doch nicht dümmer, als sie sind, bei aller Liebe! Aber das hat doch schon eine politische Kommunikation. Da brauchen Sie sich doch nur bei  ?Plus`anmelden. Dann fangen Sie Stimmungen an, unterdrücken Stimmungen, je nachdem, wie Sie lustig sind.

 

Jacob Augstein: Nur weil Ihnen die Wirkung einer solchen Geschichte bzw. die Debatte, die es vielleicht auslöst, nicht gefällt, habe ich meine Verantwortung nicht verletzt. Also, wenn ich Pro verfälsche, um die Wirkung zu verfehlen, bin ich angreifbar und in Ihrem Sinne. Und wenn Ihre Fakten stimmen, es sauber aufgeschrieben ist ohne Scham und Fleiß, dann ist es Teil einer Debatte, die einem nicht gefallen muss, die insbesondere auch eine Meinung hat, die abweicht. Aber ertragen müssen Sie es dann schon!

 

Was ist mit den Leuten, die dem öffentlichrechtlichen Fernsehen vorwerfen, dass sie viel zu wenig berichten über die Ausländerkriminalität?
Nikolaus Blome: Wie ist es eigentlich mit Leuten, die Informationen bewusst unterdrücken, weil sie glauben, dass die Veröffentlichung in irgendeine Richtung gehen würde? Also ich würde ja fast gegen meine Herzensüberzeugung sagen, das darf man nicht machen als Journalist. Das darf man nicht tun! Wenn man das macht, macht man sich schuldig. Wenn Sie irgendeinen Fall haben, irgendeine Geschichte und Sie wissen, der Täter hat die und die Nationalität, dann gehört das zur Geschichte dazu. Wenn Sie das unterdrücken, weil Sie meinen, die Veröffentlichung würde Rassismus befördern, dann befördern Sie den Rassismus dadurch, dass Sie das tun. Das halte ich journalistisch für ganz gefährlich.

 

Informationen unterdrücken? Erinnern Sie sich an Michele Biedermann, die ein Interview geführt hat mit dem britischen Minister und das wurde nach einer kritischen Frage komplett einkassiert? Warum, das weiß ich nicht. Die Frage war wahrscheinlich zu kritisch. Meine Frage: Wie wichtig ist es für die funktionelle Demokratie, dass man auch kritische Fragen stellen darf? 

Jacob Augstein: Ja, ich nde die Frage nicht zum Lachen, weil sie in ganz vielen Ländern nicht so beantwortet wird, wie wir es jetzt denken, wie man sie beantworten müsste. Zum Glück ist die Antwort in diesem Land klar. Das ist existenzieller Bestandteil. Da machen wir uns als Journalisten nicht größer als wir sind. Aber es ist schon ein wichtiger Bestandteil im großen Selbstwohl-Gespräch in dieser Republik. Und die Fragen, wo wir hingehen wollen, wo wir sein wollen, wer Mächtigen auf die Finger guckt etc. - mit allen Mängeln.

 

Nikolaus Blome: Aber das tun jetzt immer weniger. Das ist doch genau das Problem. Eigentlich...

 

Jacob Augstein: Das sehe ich nicht so! Um Ihren Satz zu beenden, es gibt ganz viele Länder, die sind auch nicht so weit weg wie Polen oder Nord Korea. Wo das nicht mehr selbstverständlich ist. Wo Zeitungen einfach zugesperrt werden, wenn sie freche oder vermeintlich freche Fragen stellen. Wo Leute, wie in der Türkei, eingebuchtet werden, weil sie eine Karrikatur über den Chef gemacht haben. Es ist schon irre!

 

Nikolaus Blome: Ja, ich lebe in Deutschland. Ehrlich gesagt, ist das für mich viel wichtiger, als was in China alles nicht funktioniert. Wir haben in Deutschland eine große Legitimationskrise des politischen Systems. Leute verlieren das Vertrauen und Medien helfen dabei, weil sie vergessen haben, auf welcher Seite sie eigentlich stehen.

 

Deutsche Medien haben einen systemstabilisierenden Job...
Nikolaus Blome: Das ist irgendwie ganz ehrenhaft. Im Gegenteil führt es dazu, dass das System destabilisiert wird. Das ist fast tragisch. Journalisten glauben, sie dürfen bestimmte Sachen. Gerade heute. Ich hatte gestern eine Veranstaltung, da war ein Journalist, der hat gefragt: „Was können wir tun, dass die Leute weniger AFD wählen?“ Ich dachte: „Äh, sorry Leute, wann ist es unser Job, dafür zu sorgen, dass irgendwelche Leute eine Partei mehr oder weniger wählen? Es ist nicht meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Leute nicht AFD wählen. Das ist einfach nicht meine Aufgabe!

 

Jacob Augstein: Spulen Sie doch mal ein Stück vor!

 

Nikolaus Blome: Übernehmen doch Sie! So etwas regt mich einfach auf. Ich habe das Gefühl, da wird die Funktion nicht mehr ernst genommen, die die Presse hat.

 

Jacob Augstein: Das ist nicht systemstabilisierend, sondern das ist einfach Ausleuchten dessen, was ist. Ich gehe morgens nicht los und sage: „Was kann ich heute gegen die AFD tun.“ Aber ich gehe morgens los und denke mir: „Gibt es eine gute Geschichte über die AFD. Gibt es eine spannende über die AFD, ob das, was sie erzählt, zu dem passt, was sie tut? Ob sie kluge Antworten auf irgendwelche Fragen hat oder doofe Antworten.“

 

Nikolaus Blome: Aber das ist anderer Text, eine andere Message, die Sie da haben, eine andere Mission. Dann machen Sie das schon als Journalist.

 

Jacob Augstein: Ich suche, das gebe ich jetzt offen zu, bei keiner Partei nach den Dingen, die funktionieren. Sondern ich suche natürlich nach den Fehlern im System. 

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