Jan Vogler: Wir kokurrieren mit uns selbst!

Jan Vogler zieht ein Resümee der diesjährigen dresdner Musikfestspiele 

 

Seit sieben Jahren betreut Jan Vogler die Dresdner Musikfestspiele. Wir trafen den Intendanten und Musiker nach den Festlichkeiten wieder und sprachen über seine große Leidenschaft für das Cello-Spiel und den internationalen Kulturaus-tausch. 

 

Dieses Jahr standen sie unter dem Motto „Feuer Eis“. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Jahr ausgerechnet dieses Motto zu wählen?

Vogler: Es stecken viele Begriffe dahinter. Zunächst natürlich der Kontrast von Skandinavien im Norden und Italien sowie Spanien im Süden. Ich wollte kein monochromes Thema. Mir war das zu einfarbig. Mich reizte der Kontrast zwischen dem Feuer des Südens und dem Eis des Nordens oder vielleicht dem inneren Feuer der skandinavischen Komponisten. Auch die Lage von Dresden, mitten an der alten Handelsstraße vom hohen Norden bis in den Süden, spielte eine Rolle. Die Idee war es, diese Kontraste nördlich und südlich von uns zu akzentuieren und auch in Dresden zu entdecken.“ 

 

Was waren die Highlights bei den diesjährigen Musikfestspielen? 

Vogler: Am Anfang natürlich die Eröffnungsgala. Es war wirklich eine Gala, die wir für alle ausgerichtet haben. Wir waren sehr bemüht, ein breites Publikum anzusprechen. Die spektakulärsten Highlights dieses Jahr waren die beiden großen Orchester. Ich konnte diese einfach nicht verpassen. Das Philadelphia-Orchester unter der Leitung des charismatischen Chefdirigenten Yannick Nézet-Séguin gab insgesamt zwei Konzerte: eins in der Semperoper, das andere im Berliner Konzerthaus. Das Orchestra di Santa Cecilia mit seinem Chefdirigenten Sir Antonio Pappano kam aus Rom. Auch dieses Orchester gab zwei Konzerte: eins in der Semperoper und eines in der Frauenkirche. 

Sie haben einmal gesagt, Ihr Cello sei ihre große Liebe…

Vogler: Ja, das Cello-Spiel ist das Zentrum meines Lebens. Das Festival zu machen, hat sich daraus erst ergeben. Zunächst in Moritzburg bei meinem Kammermusikfestival. Es war die Zeit, in der wir in das Musikleben eingreifen wollten. Wir wollten uns nicht nur als Produkt durch die Welt schicken lassen, sondern unser eigenes Festival machen, unseren eigenen Fingerabdruck auf diesem Musikleben hinterlassen. Daraus haben sich zwei Musikfestivals entwickelt, denn irgendwann wurden dann die Dresdner Musikfestspiele an mich herangetragen. Wir haben die Festspiele in den letzten Jahren sehr stark verändert und versucht, ein breites Publikum aus Dresden, Sachsen und der ganzen Welt hierher zu bringen. Dies ist uns gut gelungen. Es macht sehr viel Spaß. 

 

Sehen Sie sich auch als einen Kulturbotschafter für Dresden? 

Vogler: Das ergibt sich von selbst. Allerdings wäre es etwas hochtrabend, wenn ich mich so nennen würde. Wenn man Musik macht, ist es ganz natürlich, dass man sich darum kümmert, wie diese zu den Menschen kommt. Es ist vielleicht auch das Musikerbild des 21. Jahrhunderts, welches sich wieder an das Bild des Komponisten und Musikers des 19. Jahrhundert annähert. Damals fühlten sich diese viel mehr für die Vermittlung dieser Musik verantwortlich. Das ist etwas, was mich auch sehr interessiert, und was ich auch während des Festivals zu vermitteln suche. 

 

Wann begann ihre Leidenschaft für Musik?

Vogler: In der Kindheit. Meine Eltern sind beide Musiker und es war ganz natürlich, dass zu Hause viel musiziert wurde. Für mich war relativ früh klar, so mit elf, zwölf Jahren, dass ich auch Musiker werde. Ich habe es seitdem nicht bereut und bin immer noch mit derselben Begeisterung dabei wie vor 20 Jahren. 

 

Musik ist ja bekannt dafür, große Emotionen transportieren zu können. Das Cello-Spiel zeichnet sich durch seine breite Klangpalette aus. Was macht dieses Instrument Ihrer Meinung so besonders?

Vogler: Ja, es gibt diese Ausdrucksvielfalt im Cello-Spiel. Die Cello-Stimme ist eher wie eine Gesangsstimme und kann sehr gut die Bruchstelle zwischen Glück und Melancholie ausdrücken. Dies beherrscht das Cello besser als die Geige oder das Klavier. Dieses warme Timbre des Cellos, das ist etwas, was ich sehr gerne höre. Es ist das Arbeitsfeld, auf dem ich mich auch gern bewege. 

 

Sind Werke großer Komponisten wie Bach, Brahms und Schubert die einzigen, welche den Klang des Cellos am besten wiedergeben? 

Vogler: Natürlich gibt es Stücke von Schumann oder andere große Cello-Konzerte. Es gibt aber auch ganz kleine Stücke wie den „Schwan“ von Camille Saint-Saéns oder neue Stücke die diesen Facettenreichtum des Cellos hervorheben. 

 

Als Intendant der Dresdner Musikfestspiele trägt man eine große Verantwortung auf seinen Schultern. Nicht alles fällt einem leicht oder gelingt auf Anhieb. Wie gehen Sie mit solchen Hürden um? Treten Sie diesen eher spielerisch gelassen oder doch ernsthaft gegenüber? 

Vogler: Ich glaube, es steckt von beidem etwas in mir. Dennoch denke ich, dass ich mit den meisten Situationen sehr optimistisch umgehe. Es gibt natürlich aber auch Dinge, an die man einfach ernst herangehen muss. Generell finde ich es wichtig, eine optimistische Ausstrahlung zu vermitteln. Das ist für ein Festival absolut essenziell. Immerhin wollen wir jedes Jahr ein Fest feiern, ein Fest unserer und anderer Kulturen, ein Fest der Internationalität. Gerade in Dresden ist das wichtig im Moment. Dies alles natürlich, ohne den Holzhammer zu schwingen. Wir wollen zeigen, wie schön es ist, wenn verschiedene Kulturen aufeinander treffen und der Kulturaustausch gefördert wird. 

 

Sie beschäftigen sich während des Festivals auch sehr stark mit Weltmusik. Gibt es eine Nation, die hier noch nicht vertreten war? 

Vogler: Es gibt keine Nation, keinen Kulturkreis, der über die Jahre bei Musikfestspielen nicht aufgetaucht ist. Sie hören bei uns alles, vom finnischen Tango bis zum Fado. Es ist uns ein großes Anliegen, den Besuchern diese Vielfalt zu bieten. 

 

Welchen Stellenwert hat das Festival für die kulturelle Vielfalt der Stadt?

Vogler: Die Dresdner Musikfestspiele beinhalten viele Elemente da- von, was über das Jahr nicht so gelebt wird in Dresden. Es gibt ein sehr gutes Konzertleben hier, keine Frage. Vor allem durch die beiden Orchester und das Opernhaus. Was nicht gelebt wird, ist der internationale Kulturaustausch. Dies ist unser Hauptarbeitsfeld.

 

Welche Bedeutung würden Sie den Dresdner Musikfestspielen in der Welt zuordnen?

Vogler: Wir sind ein herausragendes Festival, da wir eine sehr gut entwickelte Stadt haben! Hier gibt es eine große Auswahl an Spielstätten und viele Hotels im Zentrum, sowas haben nur sehr wenige europäische Festival-Städte. Außerdem hat Dresden eine große Anzahl an wirklich hochkarätigen Museen. Für einen Besucher der Musikfestspiele ist das eine sehr gute Kombination. Den Tag verbringt er schlendernd in den wunderbaren Museen, ist direkt im Zentrum untergebracht, kann alles zu Fuß erreichen und dann am Abend ein wunderbares Konzert hören. Ich glaube, wir haben da viele Pluspunkte. 

 

Können Sie einschätzen, wohin sich das Festival noch entwickelt? 

Vogler: Wir bewegen uns sehr schnell vorwärts. Das heißt, wir haben einen starken Zuwachs, auch an jungen Zuhörern. Das erfreut mich sehr. Allerdings will ich mich nicht irgendwo einordnen. Sich an an- deren Musikfestivals zu messen hieße, wir würden mit anderen konkurrieren. Das tun wir nicht - in erster Linie konkurrieren wir mit uns selbst! 

 

Wie geht es weiter nach den Festspielen?

Vogler: Zuerst bin ich für eine Woche in New York, danach geht es nach Sankt Petersburg. Ich bin dieses Jahr Mitglied der Jury eines Wettbewerbs. Da habe ich die Chance, junge Cellisten unserer Zeit zu hören und zu schauen, wo vielleicht die neuen Begabungen sind. 

Das Video-Interview sehen Sie hier!