Editorial - Winter 2014

Ein Kunde gab mir das Buch "Unendliche Freiheit". Darin ist erklärt, dass es nie eine "Gute alte Zeit" gab. Heute ist heute und heute ist die "Gute alte Zeit" von morgen. Und auf der Trinkflasche meines Sohnes, die er in einem Sportstudio erhalten hat, steht: "Heul, nicht!" Ich kann ja hier an dieser Stelle auch nicht immer traurige Editorials schreiben. Aber wenn doch das Leben... Und meine Mutti meinte eh immer, dass sie hier auf der Seite im Gegensatz zu den anderen Familienmitgliedern immer etwas kurz gekommen ist. Dann sollte ich sie heute gerade hier würdigen. Aber ich kann noch nicht! Deshalb Hesses Gedicht, das ich sehr mag:





Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
(Hermann Hesse - Stufen)

Herzlichst!

Anja K. Fließbach

PS: Vielen Dank an Claudia Homberg, die die Schlusskorrektur dieser Ausgabe übernommen hat. Aber so eine Lungenentzündung mit drei verschiedenen Antibiotika haut die stärkste Chefredakteurin um. Merci für den kurzfristigen Einsatz!