Winter 2010

Es ist gut sieben Jahre her, da schrieb ich in Disy ein Editorial zum Thema Dankbarkeit. Schon klar, dass man mit Editorials nur zum Nachdenken anregen kann und kaum eine Volksbewegung auslöst und Massen zum Umdenken bringt. Aber etwas deprimierend ist es schon, dass sich in diesem Punkt nichts ändert. Schimpfen, muffeln, meckern – ist es übertrieben, wenn ich den meisten unserer Mitmenschen dieses Verhalten zuordne? Die Geschichte von Ex-Autohausmagier Gerhard Golze war zu diesem Thema immer: „Stehst du morgens an deiner Firmentür und schenkst jedem Mitarbeiter 50 Euro, meckern sie spätestens am nächsten Tag, wenn es nicht wieder 50 Euro gibt.“ Ich will jetzt nicht über Mitarbeiter schreiben, weil das Disy-Team ein überdurchschnittlich nettes ist. Aber in einigen Betrieben scheint es so zu sein.

 

Meine Bäckersfrau ist morgens oft so muffl ig, weil ich von ihr Brötchen haben möchte, dass ich mich fast wegen des Einkaufs und damit der Unterstützung ihres Arbeitsplatzes entschuldige. Wenn ich die Beraterin unserer Bank am Schalter konsultiere, antwortet sie widerwillig und weist mich immer darauf hin: „Das können Sie auch alles online erfahren und gleich im Internet erledigen.“ Aber ich komme doch zu ihr, damit ihr Arbeitsplatz eine Berechtigung hat (und weil ich mir ein Stück „Papierwelt“ erhalten möchte). Und beim Anruf wegen eines Arzttermines schimpft die Schwester, weil ich mich in den nächsten drei Monaten in den vollen Terminkalender ihrer Chefi n quetschen will. „Wie stellen Sie sich das vor?“ Ich kenne doch aber den Terminplan nicht.Situationen und Personen. Meine Kinder sagen es oft. Schon der Kleine mit einem Jahr fl ötet „Danke“ für alle Dinge, die man ihm gibt. Meine Tochter sagt oft am Abend: „Danke für alles, Mama.“ Es ist, als ob die Kinder sich das mehr trauen als die Erwachsenen. Fast scheint es, uns Alten (oder im Verhältnis Älteren) sei es manchmal peinlich, sich ehrlich zu bedanken.

 

Klar, das könnten alles unglückliche Beispiele sein. Aber ich hätte so viele, dass ich mehrere Bücher damit bestücken könnte. Allerdings sollte man nie Kritik üben, ohne auch sich selbst zu hinterfragen. Wie dankbar bin ich für alles, was ich bin, kann und habe? Das Ding ist, dankbar bin ich schon. Bewusst ist mir diese Dankbarkeit auch. Aber ich drücke sie viel zu selten aus und lege den Fokus auch sehr oft auf die Unzulänglichkeiten des Lebens, der verschiedenen Nicht so kühl professionell auf der Bühne: „Danke, dass Sie gespendet haben.“ Oder bei Reden: „Danke, dass Sie alle gekommen sind.“ Sondern so aus ehrlichem und tiefem Herzen. Ein „Danksage-Defi zit“ habe ich auf jeden Fall in Bezug auf meine Eltern. Meist grummle ich vor mich hin wegen mangelnder Unterstützung und fehlenden Interesses. Aber letztlich bin ich, was ich bin und wer ich bin, zu einem großen Teil ihretwegen. Also: Danke! Zeit, sich mal wieder zu bedanken, liebe Leser! Verstecken gilt nicht. Nur Mut!

 

Herzlichst!

Ihre

Anja K. Fließbach