Editorial Winter 2007

Reichtum, Ruhm und Ehre – ich gebe zu, dass ich das vor einigen Jahren als erstrebenswerte Ziele ansah, wenn ich sie nicht sogar als Werte definierte. Nun, das Leben lehrt einen nicht nur einige Dinge, es belehrt einen auch zuweilen.

Das Schönste an meinem Beruf ist, dass ich überall mal „hineinschnuppern" kann, dass ich viele dieser Menschen treffe, die die für mich einst scheinbaren Attribute eines sorgenfreien Lebens innehaben. Ich habe internationale Showstars und Schauspieler getroffen, deren Ruhm ihnen vorausgeeilt war, ich habe mit Monarchen diniert, vor denen die meisten Anwesenden vor Ehrerbietung zitterten, und ich habe viele Reiche, einige sehr Reiche und ein, zwei der reichsten Menschen dieser Welt getroffen. Und, wenn ich das so sagen darf und auch wenn ich es lieber nicht sagen sollte, mitunter war es recht enttäuschend. Ernüchternd. Nicht, dass das zum großen Teil nicht tolle Typen gewesen wären, sie interessante Geschichten zu erzählen gehabt hätten und ich von jedem Einzelnen wirklich viel gelernt hätte. Das habe ich! Aber wenn scheinbar Erstrebenswertes plötzlich so greifbar ist, wenn Unmögliches realisierbar wird, verschwindet der gewisse Zauber. Die Welt verliert für einen Moment die Farben, ist nicht mehr bunt und schillernd. Und man muss sich, das Leben, die Welt und die Mitmenschen wieder neu definieren. Wie nennt man das? Eine Umkehrung der Werte? Erkennen? Ernüchterung? Das Wesen des Lebens begreifen oder einfach nur: „bescheiden werden, zufrieden, ruhig".

Eine Weltreise, zwei Weltreisen, wieder auf dem Schiff … Eine dritte Weltreise würde mich nur einen Anruf kosten. Aber wer ist besser dran? Der, der mit glitzernden Augen und verklärtem Blick von dem Lebensziel Weltreise spricht, sich die Inseln und fernen Länder erträumt und jeden TV-Bericht mit einem sehnsuchtsvollen Seufzen aufsaugt? Oder einer, der die Schultern hebt und sagt: „Weltreise? Die wievielte?" Ich habe sie kennengelernt, die mit den zehn, elf, zwölf Weltreisen, die mit den zehn, elf zwölf Millionen auf dem Konto – nach oben offen. Tja und dann? Danach? Noch? Da funkelt oft nur noch der Brillant am Finger und nichts mehr in den Augen.

Nun, ich bin nicht zur Heldin geworden, die ausschließlich selbstlos für Frieden, Gerechtigkeit und Soziales kämpft. Ne, ne. Ich habe schon gern ein schönes Leben, genieße die Vielzahl der Möglichkeiten und die Freiheit, theoretisch fast alles überall tun zu können. Und ich beneide reiche und berühmte Menschen nach wie vor. Aber nicht um ihr Leben, sondern um den längeren Hebel. Sie können ihre Ideen einfach leichter umsetzen, haben große, funktionierende Systeme im Hintergrund, die schnell greifen, genug Geld, große Dinge zu bewegen, und durch Bekanntheit kann ihr Wort in großem Stil beeinflussen. Allerdings ist hier der Konjunktiv angebracht: Sie könnten. Denn hier scheiden sich die glücklichen VIPs von den abgestumpften. Die Glücklichen sind aktiv, setzen sich neue Ziele, suchen Herausforderungen und definieren immer mal wieder ihre Werte neu. Und so kommt es, dass die wahrhaft Mächtigen meist die bescheidensten und freundlichsten Menschen sind, mit Herz und Mitgefühl für die anderen (s. das Interview mit Hans Stern auf der Seite 48). Eine beispielhafte Entwicklung, ein erstrebenswerter Weg.

Und wenn es bei uns mit der Macht und dem Reichtum nicht klappt, können wir doch gleich ohne Umweg zu Bescheidenheit, Mitgefühl und Herzenswärme gehen.

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein wärmendes und herzliches Weihnachtsfest, und vielleicht überprüfen Sie anlässlich des neuen Jahres so wie ich, ob Ihre Werte „noch richtig sitzen" …

 

Herzlichst,

Ihre Anja K. Fliessbach