Spaziergang mit Matz Griebel

Von der roten Amsel zum Who‘s who der Berühmten

Der Maler Ludwig Richter (1803-1884) verbrachte fast 30 Sommer in Loschwitz und ließ sich von der einmaligen Umgebung inspirieren. Mit Ex-Stadtmuseumsdirektor Matthias Griebel wandelten wir auf Ludwig Richters Spuren.

Wir treffen uns an der roten Amsel." Rote Amsel? Nie gehört. „Am Leonhardi-Museum, Grundstraße", hilft Matz Griebel auf die Sprünge. „Ich erkläre es Ihnen an Ort und Stelle." Und tatsächlich: Auf der Laterne reckt eine kleine rote Amsel keck ihren Schnabel gen Himmel. Was bedeutet sie? „Früher war das die Hentschel-Mühle", erklärt Matz Griebel. Der Tintenfabrikant Eduard Leonhardi kaufte die Mühle als Künstlerquartier für sich und seine Freunde. Das Haus wurde für ihn, der vor allem als „Maler des deutschen Waldes" galt, umgebaut, bemalt und ein Ateliergebäude errichtet. Nun musste ein neuer Name her. Man zog in den Amselgrund und trank Rotwein, dabei entstand der Name „Rote Amsel". Und richtig: Über dem Mittelfenster der ersten Fensterreihe steht der Schriftzug „Rothe Amsel".

In Loschwitz gingen die Künstler jeden Sommer ein und aus. Auch Ludwig Richter verlebte hier fast 30 Sommer seines Lebens. Er brachte seine Schüler und Freunde mit und galt als deren Leitfigur. Deshalb stellte der Loschwitzer Ortsverein in Richters Todesjahr das Ludwig-Richter-Denkmal auf, übrigens das einzige noch in Dresden befindliche. Mit Efeu fast zugewachsen dürften es in der äußersten Ecke des Gartens nur Eingeweihte finden. Die Stiftungsinschrift seitlich des Medaillons mit dem Maler-Kopf ist verwittert und kaum noch zu entziffern.

Wir verlassen den Garten des Leonhardi-Museums und laufen die Grundstraße bergauf. Matthias Griebel wird über Gartenzäune und aus Autos gegrüßt. Man kennt ihn und er kennt die Loschwitzer. Vor dem Kirchgemeindehaus erzählt er, dass Eduard Leonhardi dieses Haus ursprünglich als Kinderbewahranstalt bauen ließ, um es der Gemeinde Loschwitz zu schenken. Von 1945 bis nach der Wende diente es als Gotteshaus. Ehe wir rechts in den Ziegengrund abbiegen, kündigt Matz

Griebel die heutige Route an: „Wie das so ist mit den Künstlern, Ludwig Richter hatte mit seinen Freunden und Kollegen natürlich einen Stammtisch. Der war unten an der Elbe im damaligen Alt-Demnitz, dort wo jetzt am Blauen Wunder gebaut wird. Seine Wohnungen aber, bis auf die erste am Veilchenweg, lagen alle hier oben." Er zeigt auf das rechts über uns liegende Oberloschwitz. „Und dann musste der Meister abends, mit schon einigen Schöppchen in der Gurgel, hier hoch. Er kriegte vom Wirt eine Laterne, und dann ging er den Weg nach Hause, den wir jetzt gehen …"

Aus dem Wald gelingt ein Blick durch die Bäume. Matthias Griebel fällt sofort eine neue Geschichte ein. „Würden wir jetzt links der Straße hinaufsteigen, gegenüber vom Gasthaus zur Eule, könnten Sie so ein Schweizer Haus sehen. Das hat Eduard Leonhardi als Armenhaus erbauen lassen und auch der Gemeinde geschenkt." Er zeigt Richtung Norden: „Dort oben ist das Dreiländereck. Jenseits des Säugrundweges ist Bühlau, das Schweizer Haus ist Loschwitz und die Eule ist Rochwitz, weil die auf der anderen Seite vom Loschwitzbach liegt."

Unser Weg hatte früher kein Geländer. Wir stellen uns schmunzelnd vor, wie Ludwig Richter mit seinem Freund, dem Münzgraveur Reinhard Krüger, den Weg hochgekraxelt sein mag. Nach wenigen Metern bleiben wir auf dem Oberen Ziegengrundweg stehen und genießen einen herrlichen Blick über Loschwitz und den Weißen Hirsch. „Wie viel Zeit haben wir?", fragt Matz Griebel. Wir beschließen: „So viel, wie wir brauchen." Zu jedem Haus fallen ihm 100 Geschichten ein. Warum Ziegengrund? „In dieser bergigen Gegend, wo nie die Sonne darauf scheint, konnte kein Wein gedeihen. Er wurde zur Ziegenweide genutzt, es gab sogar einen gemeindeeigenen Ziegenhirten", erklärt Matthias Griebel. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sollte der Ziegengrund bebaut werden. „Doch der Loschwitzer Ortsverein intervenierte, und der Hang ist bis heute nicht bebaut", triumphiert unser kundiger Führer. „An manchen Stellen sieht man Schleusendeckel im Wald liegen, da hatten die schon was vorbereitet, zum Glück ist es nichts geworden", lacht er. Von der ehemaligen Leonhardi’schen Tintenfabrik im Tal ist heute nichts mehr zu sehen, sie wurde nach 1930 aus Landschaftsschutzgründen weggerissen. 

Wir steigen weiter bergauf. Durch die dichten Bäume dringt wenig Sonne. Als Matthias Griebel einst diesen Weg zur Schule nahm, war der öffentliche Weg noch beleuchtet. Doch wir sehen auch so, worüber sich Matz Griebel gehörig echauffiert: 2002 wurden hier Bäume gefällt. Baumstümpfe ragen bis zu zwei Meter in die Höhe. „35 Bäume! Sicherlich waren welche krank, aber 35 Bäume! Das ist ein schlechter Beitrag zur wunderschönen Dresdner Umgebung …" 

„Hier entlang." Matthias Griebel lotst uns weiter. Wir gehen über holprige Wege, steigen verwitterte Treppen, und stehen plötzlich vor der Ziegengrundquelle. Zu DDR-Zeiten holten die Loschwitzer hier ihr Kaffeewasser, erfahren wir. Heute scheinen hier nicht viele Leute langzugehen. „Viele Menschen sind sehr träge geworden, nicht nur mit den Füßen …", bedauert Matthias Griebel. Früher stand hier eine Bank. Wir stellen uns vor, wie „Ludwig Richter mit dem Münz-Krüger die Füße hochgelegt, eine Zigarre geraucht und Rast gemacht hat. Wenn die nach unten schauten, fiel denen doch gleich wieder ein Bild ein", ist sich Matthias Griebel sicher.

Wenige Schritte weiter öffnet sich der Wald. „Was für eine herrliche Aussicht!" Matz Griebel bleibt stehen und zeigt zum Luisenhof. „Das Restaurant wurde 1895 erbaut, heute sehen wir den dritten Umbau." Namensgeberin war Kronprinzessin Luise von Toscana, die damals beliebteste und berühmteste Frau Sachsens. Auch das Café Toscana am Schillerplatz wurde nach ihr benannt.

Als der Wald sich lichtet, stehen wir im früheren Ortsteil Schöne Aussicht. „Zu Ludwig Richters Zeiten war das eine sehr einsame Gegend, es gab noch keine Straßen, nur Wege", erzählt Matthias Griebel und leitet uns zur Bergstation der Schwebebahn. „Wir gehen zur rechten Terrasse", schlägt er vor und fügt grinsend hinzu: „Das ist die Terrasse für die Loschwitzer, man hat einen schöneren Ausblick als von der linken Terrasse." Auf die Einheimischen lässt Matz Griebel ohnehin nichts kommen. „Hier oben wohnen die guten Menschen, nach unten nimmt es langsam ab", schmunzelt er. Während die Blicke über das Elbtal schweifen, erzählt Matthias Griebel, wie der technische Fortschritt das einst beschauliche Dorf Loschwitz veränderte. Innerhalb weniger Jahre baute man das Blaue Wunder, die Standseilbahn und die Schwebebahn. Kirchenglocken läuten aus der Ferne, als wollten sie bekräftigen, was für Matz Griebel ein Ding der Unmöglichkeit ist: „Alles Bauen an der Elbe – nitschewo …" Die einmalige Flusslandschaft müsse unbesuch gibt uns der Vollblutstadtführer einen Tipp: „Mit dem Aufzug kann man zu den Öffnungszeiten der Schwebebahn zu einer höher gelegenen Aussichtsplattform fahren und hat dort für einen Euro einen herrlichen Ausblick."

Den nächsten kurzen Halt machen wir an der Gaststätte Schöne Aussicht. Direkt gegenüber befindet sich die Stempelstelle 1 des Dichter-Musiker-Maler-Wanderweges, der am Blauen Wunder beginnt. Ein kleines Kästchen hängt an der Mauer, zugänglich für jedermann und zu jeder Zeit. Innen liegt ein Stempel, mit dem man in einem Wanderset verewigen kann, dass man da war. Hinweise zu den nächsten Stationen sind ebenso enthalten.

Sommersitze sind verbürgt. So auch das Haus Malerstraße 4. An einer Tafel am Haus ist verewigt, was Ludwig Richter hier fand und am 6.9.1870 seinem Tagebuch anvertraute: „Ein stilles, friedliches Daheim, ein kleines freundliches Asyl, mit einem Blick ins Weite, in das kleinste Stück Natur, ist alles, was ich noch wünsche." Auf der anderen Straßenseite, am Haus Malerstraße 5, erfahren wir, dass hier Ludwig Richters Sohn Heinrich, ein Musiker und Verleger, wohnte. In seinem Archiv stieß Matthias Griebel hierzu auf etwas Interessantes: auf Bilder von Wilhelm Busch. Er fand heraus, dass Ludwig Richter den viel jüngeren Wilhelm Busch auf einer Reise irgendwo in Süddeutschland kennenlernte. „Wilhelm Busch besuchte also eines Tages Ludwig und Heinrich Richter in Dresden. Heinrich verlegte schließlich den ersten Wilhelm-Busch-Band überhaupt, die sogenannten Bilderpossen." Gebündelte Kulturgeschichte. Der Weg führt uns weiter zur Hermann-Vogel-Straße 2. Ein Medaillon an der Hauswand verkündet, dass hier Ludwig Richters Sommerstätte von 1864 bis 1870 war. Im Haus Ludwig-Richter-Straße 8 starb Richters Frau Auguste. Der Maler war danach 27 Jahre Witwer. Der benachbarte Albert-Venus-Weg wurde nach Ludwig Richters Freund und Lieblingsschüler benannt. „Das sind so Dinge, die ich aus dem Computer nicht rauskriege …", freut sich Matthias Griebel. Viel Zeit verbrachte Ludwig Richter in seinem ersten Loschwitzer Sommer in seinem Arbeitsstübchen im Weinberg des Fotografen August Kotzsch, am heutigen Kotzschweg. Von dort dauert es nur einen Augenblick, bis wir im Wachwitzer Höhenpark spazieren. Durch einen Mauerdurchbruch gelangen wir auf das Gelände des früheren Dr.-Weidner-Sanatoriums, der heutigen Helios-Klinik. „Hier war früher das who‘s who der Berühmten. Alles voll Literaten, Filmschauspieler, Schauspieler, Opernsänger. Der Berühmteste war Gerhardt Hauptmann, der hier 1945 den Angriff auf Dresden erlebte."

Nachdem wir die klinikeigenen Weinberge bewundert haben, lädt uns Matthias Griebel auf einen Kaffee in sein Heim auf der Malerstraße ein. Das Arbeitszimmer beherbergt eine umfangreiche Bibliothek. Einen Computer sucht man vergeblich. „Ich habe es nicht so mit der Technik", erklärt Matz Griebel und zeigt uns Dutzende handbeschriebener Karteikarten. Im Wohnzimmer hängen viele Bilder, darunter auch einige mit Ludwig-Richter-Motiven. Für Matthias Griebel ist Ludwig Richter „der wohl volkstümlichste Maler Deutschlands". Der Hausherr bekennt sich als Sammler von Uhren, alten Steinen und Holzspielzeug. „Spielzeug ist was ganz Wichtiges im Leben", meint er. Oft kommen Loschwitzer mit Fotos, Materialien und Informationen zu ihm und fragen, ob er etwas damit anfangen kann. Meist ergeben solche Puzzleteile plötzlich Sinn in offenen regional-geschichtlichen Fragen. Wir sind optimistisch, dass Matthias Griebel auch die letzten Geheimnisse um Ludwig Richters Wirken in Loschwitz lösen wird.

Dagmar Möbius
Fotos: Daniel Scholz