Schlaf ohne Zeitgeber

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Schlafmedizinische Studien belegen, dass etwa zwei Drittel der westlichen Bevölkerung unter chronischem Schlafmangel leiden.Menschen bleiben immer länger wach, wobei die durchschnittliche Schlafdauer an Werktagen stetig abnimmt. Der Arbeitsrhythmus gewinnt die Oberhand über die eigene innere Uhr und führt zu einer Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus. Darunter leidet die Gesundheit, die natürlichen Bedürfnisse des Körpers werden ignoriert.Prof. Dr. Till Roenneberg, Leiter des Bereiches Chronobiologie am Institut für Medizinische Psychologie der LMU München,informierte in seinem Vortrag „Schlaf ohne Zeitgeber“ auf der 24.Jahrestagung der DGSM in Dresden darüber, was es bedeutet ständig gegen die innere Uhr zu leben.

 

Die Erforschung der inneren Uhr des Menschen geht auf die berühmten“Bunkerversuche” in Andechs zurück. Jürgen Aschoff und sein Kollege Rüdiger Wever bauten zwei Apartments tief in einen Hügel, in denen Versuchspersonen – abgeschirmt von der Umwelt– etwa einen Monat in zeitlicher Isolation lebten. Sie hatten dabei keine sozialen Kontakte, kein Radio oder Fernsehen, keine Umgebungsgeräusche und waren sogar gegen das Magnetfeld der Erde abgeschirmt. Der wichtigste Umweltfaktor, von dem die Versuchspersonen isoliert wurden, war jedoch der natürliche Tag-Nacht-Wechsel.Unter diesen Bedingungen entwickelten alle Versuchspersonen ihren eigenen Tagesrhythmus, der bei wenigen kürzer, beiden meisten länger als 24 Stunden war. Die Wissenschaftler interpretierten diese, allein von der inneren Uhr geschaffenen Bunkertage als die eigentlichen Innentage der inneren Uhr. Da diese meist von 24 Stunden abwichen, musste die innere Uhr regelmäßig mit der Außenwelt synchronisiert werden. Neue Interpretationen zeigen,dass diese beiden Annahmen korrigiert werden müssen.„Einerseits waren die Andechser Bunkerversuche Pionierarbeiten,die es erst ermöglichten, die innere Uhr des Menschen zu entdecken und wissenschaftlich zu beschreiben, andererseits stellten sie höchst künstliche Bedingungen dar, die so in der Evolution nie vorgekommen waren. Ironischerweise werden nun gerade diese‘höchst künstlichen’ Bedingungen im modernen Industriezeitalter zum Alltag. Wir schufen uns bunkerähnliche Bedingungen mit nahezu konstantem Licht: Tagsüber halten wir uns fast nur in Gebäuden auf, und wenn es draußen dunkel wird, machen wir Licht“,erklärt Till Roenneberg.

 

Im Gegensatz zur Terminfreiheit der Bunker-Probanden stehen moderne Menschen unter strengen Terminverpflichtungen. Daraus ergibt sich eine messbare Diskrepanz zwischen biologischer Innenzeit und sozialer Außenzeit – bezeichnet als ‘sozialer Jetlag‘. Diese Diskrepanz hat ernstzunehmende Konsequenzen. „Plakativ zusammengefasst macht uns sozialer Jetlag unausgeschlafen, langsamer,dümmer, dicker, depressiver und inkompetenter. Mit jeder Stunde sozialem Jetlag steigt zum Beispiel unsere Chance übergewichtig oder sogar fettleibig zu werden um 33 Prozent und wir erhöhen unsere Chancen Diabetiker zu werden“, warnt der Chronobiologe vor den drastischen Folgen.Gerade die innere Uhr von Jugendlichen ist vom sozialen Jetlag betroffen.„Teenager ab 15 Jahren gehören zu den spätesten Menschender Bevölkerung. Dennoch müssen sie sogar noch vor den meisten Erwachsenen ihre Arbeit beginnen“, so Roenneberg. „Die direkten und indirekten Konsequenzen von sozialem Jetlag und Schafproblemenwerden konservativ auf ein Prozent des Bruttoinlandprodukts geschätzt, das sind 35 Milliarden Euro pro Jahr allein in Deutschland.Wir müssen darüber nachdenken, welche Maßnahmen diese Belastungen des Individuums und der Gesellschaft verringern können. Flexiblere Arbeitszeiten und biologischere Beleuchtungen gehören dabei zu den sinnvollsten Lösungen.“