Realismus erfasst die Finanzmärkte

 

Analyse zur aktuellen Entwicklung. Die Sorgen um eine stärke Abkühlung der Weltwirtschaft sind derzeit groß. Unruhige Zeiten, aber kein Grund zum Verzagen! Die Flüchtlingskrise wirkt sich finanzpolitisch bisher nicht aus. Chefvolkswirt Dr. Alexander Krüger (Bankhaus Lampe) erklärt in Disy wie sich Aktien, Geldpolitik und Wirtschaftswachstum entwickeln werden. Lesen Sie mal!

 

"Ende der Einbahnstraße" - dies war der Titel unseres Kapitalmarkt-Ausblicks im Mai. Er hat sich in vielerlei Hinsicht bewahrheitet: Die Markterwartungen an ein robustes wirtschaftliches Auf in China und den Schwellenländern sind seither stark gesunken, und an den Aktien- und Rentenmärkten zeigt sich, dass eine üppige Liquiditätsversorgung letztlich nicht als Versicherung gegen Kursrückschläge taugt.

 

Unser Szenario hat weiter Bestand. Wir sind seit langem überzeugt, dass die Weltwirtschaft aufgrund der auf hohem Niveau steigenden Verschuldung (private Haushalte, Staat, Unternehmen) und kaum vorhandener Strukturreformen nur verhalten wachsen kann. Betroffen sind vor allem die wirtschaftlichen Schwergewichte: Das jahresdurchschnittliche Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in den USA wird 2015 mit 2,5 % klar unter der Markterwartung von ehemals knapp über 3 % liegen, und in China werden Raten deutlich unter 7% zum Normalfall. Revisionsbedingt haben wir unsere BIP-Prognose für den Euroraum von 1,2 % auf 1,4 % für 2015 angehoben. Da die das Wachstum belastenden Faktoren weltweit schwer wiegen und neue Konjunkturtreiber nicht in Sicht sind, erwarten wir für das Welt-BIP jeweils für 2015/16 weiter ein unterdurchschnittliches Wachstum von rund 3 %. Dies bedeutet auch, dass der Inflationsdruck niedrig bleiben wird. Aufgrund des Rohölpreisrückgangs im August und unserer etwas niedrigeren Rohölpreisprognosen (Jahresdurchschnitt 2015/16: 54 bzw. 58 US-$) haben wir unsere Inflationsprognosen vereinzelt leicht gesenkt. Deren Verlauf ändert dies aber so gut wie nicht: Aufgrund eines Basiseffekts durch den Rohölpreisabsturz vor einem Jahr erwarten wir für das Winterhalbjahr steigende Inflationsraten. Unseren Prognosen zufolge werden diese 2016 im Euroraum, in Großbritannien und in den USA zwischen 1 % und 1,6 % pendeln.

 


Bei verhaltener Wachstumsaussicht und niedrigem Inflationsdruck dürfte die Geldpolitik wichtiger Notenbanken expansiv ausgerichtet bleiben. Die Fed wird den ersten Schritt aus ihrer Krisenleitzinspolitik wohl erst 2016 wagen. Für die erste Jahreshälfte erwarten wir zwei „kleine“ Leitzinsanhebungen, denen sich eine abwartende Haltung anschließen dürfte. Die Bank of England wird mit einer Leitzinserhöhung wohl bis zum Juni 2016 warten. Für die EZB rechnen wir damit, dass sie ihr Wertpapierkaufprogramm durchziehen und im März neue Käufe (QE II) ankündigen wird. 

 

Die nun wohl für das erste Quartal 2016 anstehende Leitzinswende der Fed dürfte die Marktakteure kaum mehr aufschrecken. Bis dahin dürften sie darauf eingestellt bleiben, dass das Leitzinserhöhungspotenzial gering ist. Die Renditen 10-jähriger Staatsanleihen erwarten wir daher auf 3M-Sicht auf dem derzeit niedrigen Niveau. Das voraussichtliche QE II der EZB richtet den Renditeblick für Bundesanleihen und Peripherie- Staatsanleihen auf 6M-Sicht nach unten und spricht für einen etwas weiter werdenden Bund-Treasury-Spread. EUR-USD erwarten wir zunächst um 1,13, von der divergierenden Geldpolitik von EZB und Fed dürfte der Dollar auf 6M-Sicht profitieren. Der Kurseinbruch bei Aktien hat deren Bewertung deutlich verbessert. Da die Firmengewinne weiter steigen dürften, erwarten wir eine Kurserholung. 

 

Schwellenländer: Wir möchten hier nicht über die nächste Krise in Schwellenländern spekulieren. Fakt ist aber, dass viele Marktakteure die Wirtschaftskraft dieser Länder bisher überschätzt und ihre Erwartungen zuletzt in Richtung unserer unter dem Konsensus liegenden Prognose für die Welt angepasst haben. Abzulesen ist dies auch an den Währungsabwertungen gegenüber dem US-$ und dem Euro. Die gesunkene Aussicht auf eine baldige Leitzinserhöhung der Fed dürfte eine Kurserholung der Schwellenländer-Währungen nur vorübergehend unterstützen. Auf Dauer wird für Schwellenländer der Druck aber anhalten, ihren Zahlungsverpflichtungen in ausländischer Währung nachzukommen. Die mancherorts zur Währungsstabilisierung eingeleiteten Leitzinserhöhungen dürften zudem nachteilig auf die dortige Konjunktur wirken. Es besteht daher die Gefahr, dass Schwellenländer zeitweise stärkere Vertrauensverluste erfahren dies dürfte vor allem Staaten mit Leistungsbilanzdefiziten betreffen. Unsicher wird zudem noch eine Weile bleiben, ob China der Übergang zu einem binnenwirtschaftlich getriebenen Wachstum einigermaßen störungsfrei gelingen wird. Für unsere verhalten ausfallenden Welt-BIP-Prognosen von 3,1% für 2015 und 3,0% für 2016 bestehen daher Abwärtsrisiken. Treten sie ein, sähe sich die Weltwirtschaft zunehmend rezessiven Tendenzen gegenüber. Notenbanken: Die ausgebliebene Leitzinserhöhung der Fed bestätigt unsere Sicht, dass eine Rückkehr zu geldpolitischer Normalität (auch weltweit) noch lange nicht bevorsteht. Die Fed hält die Tür für eine Straffung ihrer Geldpolitik zwar ebenso wie die Bank of England offen. 

 

Ein allgemeiner Zinserhöhungszyklus klassischer Art wird unseres Erachtens daraus aber nicht erwachsen. Denn die Dynamik des globalen Wirtschaftswachstums dürfte 2016 auf verhaltenem Niveau noch abnehmen und der Inflationsdruck niedrig bleiben. Vor allem aber steigt die Verschuldung (private Haushalte, Staat, Unternehmen) auf erhöhtem Niveau meist noch an. Für nachhaltige Schritte heraus aus der ultra-expansiven Geldpolitik besteht daher kein Spielraum für die Bank of Japan und die EZB sowieso nicht. Was das Überleben mit niedrigen oder bei null liegenden Leitzinsen heute sichert, kann langfristig aber gravierende Nachteile mit sich bringen: Auf rezessive Tendenzen können Notenbanken zinspolitisch kaum bzw. nicht reagieren, und mit Niedrig(st)zinsen fördern sie Zombie-Strukturen. Perspektivisch stehen daher nahezu überall neue quantitative Notenbank-Maßnahmen auf der Agenda.

 

Griechenland: Wir rechnen weiter mit der Einführung einer Parallelwährung bis Mitte 2017. Maßgeblich hierfür wird aus unserer Sicht sein, dass sich die Lebenssituation der griechischen Bevölkerung aufgrund der Bedingungen, die zur Auszahlung der Gelder aus dem dritten Hilfspaket zu erfüllen sind, nicht bessern wird. Der Wunsch, die Krisenpolitik neu zu ordnen, dürfte daher größer werden ? eventuell ist dies auch das Ergebnis der Parlamentswahlen in Portugal und Spanien (20. Dezember). Wirtschaftlich wird der Euroraum einen Grexit-Light verkraften, politisch wäre er angezählt: Dass dieser überhaupt droht, unterstreicht das fehlende Verständnis der Staaten über das Wesen der Währungsunion. Für ihren Zusammenhalt ist dies ein schädliches Signal.

 

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