Radebeul - das sächsische Nizza

Vorbei an den Barockskulpturen von Schloß Wackerbarth geht der Blick hinauf zum Jacobstein. Dieses runde Lusthäuschen besteht aus einem einzigen, dafür aber unterkellerten Raum. Der Jacobstein ist nach dem Dresdner Hofböttchermeister Jacob Krause benannt, der es 1742 auf seinem Weinberg errichten ließ (Foto: Anke Mittelhäuser)

Disy-Redakteur Hans-Holger Malcomeß geht im ersten Teil unserer Radebeul-Serie der Frage nach, ob diese Stadt wirklich eine „Stadt der Millionäre“ ist und welche Parallelen zu Nizza bestehen.

Ähnlich wie Radebeul als einer der sonnigsten Flecken des Elbtals gilt, ist das an der Côte d‘Azur gelegene Nizza durch seine geschützte Lage nicht nur im Winter einer der wärmsten Orte der französischen Mittelmeerküste. Seine großen Hotels, mondänen Villen und weitläufigen Gärten zeugen von der seit dem 19. Jahrhundert bestehenden Vorliebe der „Reichen und Schönen“ für diese Stadt. Sind diese anfangs meist aus England angereist, ist die gehobene Gesellschaft heute dagegen international.

Doch Radebeul steht dem in keiner Weise nach. Drei Argumente sprechen für diesen Vergleich: erstens das südliche Klima, zweitens die prachtvollen Villen und Gärten sowie drittens die wundervollen Weinberge. Nirgends in Sachsen leben mehr Millionäre als hier – mindestens 250 sollen es mittlerweile sein. Wer hier wohnt und sich Haus und Grundstück gekauft hat, weiß genau warum: viel Sonne, zauberhafte Landschaft, guter Wein.

Aber es gibt mehr Rekorde, die Radebeul hält: Nirgends in Sachsen ist die Arbeitslosenquote so niedrig (9,8 Prozent im September 2006). Und nirgends in Deutschland werden mehr Ferrari verkauft als hier – in der einzigen Niederlassung der neuen Bundesländer, der Thomas Sportwagen GmbH, die mit Maserati und seit Kurzem auch Aston Martin weitere Nobelmarken exklusiv anbietet. Diese Standortwahl ist sicher kein Zufall gewesen, verfügen doch die gegenwärtig mehr als 33.000 Radebeuler statistisch gesehen über die höchste Kaufkraft im Osten der Republik – höher sogar noch als im benachbarten Dresden, das dafür in vielen anderen Bereichen an der Spitze liegt.

Auch beim Wein gibt es Parallelen zwischen Radebeul und der Stadt am Mittelmeer: Das nur 40 Hektar große und innerhalb der Stadtgrenzen von Nizza gelegene „Bellet“ ist zwar eines der kleinsten Anbaugebiete Frankreichs, aber dafür eines der ältesten – und feinsten. Aufgrund der relativ geringen Ertragsmenge (jährlich zwischen 800 und 1.100 Hektoliter) gelten Weine aus Nizza als Rarität, die Flaschenpreise beginnen bei ca. 12 bis 15 Euro.

Ähnliches gilt für Radebeul, auf dessen Fluren ein bedeutender Anteil der insgesamt 450 Hektar sächsischer Weinanbaufläche liegt. Das mediterrane Klima im Elbtal bietet ideale Bedingungen – so beginnt der Frühling hier eine Woche früher als im umliegenden Hochland und die durchschnittlich 1.570 Sonnenstunden pro Jahr gewähren dem Wein eine lange Reifezeit.

Zwar reicht die Winzertradition nicht ganz so weit zurück wie in Nizza, aber immerhin sind Radebeuler Weinberge schon 1271 das erste Mal urkundlich erwähnt worden. Nachdem Markgraf der Einäugige 1401 den Dohnaer Burggrafen die Hoflößnitz abkaufte, ging es aufwärts mit dem Weinbau in der Region – fortan bestimmten die Wettiner mehr als fünf Jahrhunderte dessen Entwicklung. Aber nicht nur die Hoflößnitz mit ihrem 1650 errichteten Lusthaus, sondern beispielsweise auch das Spitzhaus (1622) und Schloß Wackerbarth (1727-29) sind eng mit der Geschichte des sächsischen Hofes verbunden. Neben diesen tragen eine Reihe weiterer historischer Weinberghäuser bzw. Weingüter zur einzigartigen Ausstrahlung der Radebeuler Kulturlandschaft bei, beispielsweise das Bennoschlößchen (um 1600), das Meinholdsche Turmhaus (vor 1700), das Minkwitzsche Weingut (1729) oder die Villa Sorgenfrei (1786-89).

Das Belvedere ist ein achteckiger Gartenpavillon oberhalb von Schloß Wackerbarth und 1730 vom gleichen Architekten wie dieses erbaut worden - dem sächsischen Landbaumeister Johann Christoph Knöffel (Foto: Anke Mittelhäuser)

 

Der besondere Reiz dieser Gegend rührt aber auch von der deutschlandweit einzigartigen Mischung aus zehn alten Dorfkernen und den ab Ende des 19. Jahrhunderts errichteten großzügigen Villen her. Radebeul als Stadt, wie wir sie heute kennen, existiert erst seit 1935. Damals haben sich die beiden Städte Kötzschenbroda und Radebeul zusammengeschlossen – einschließlich der vorher schon eingegliederten acht Gemeinden Lindenau, Naundorf, Nieder- und Oberlößnitz, Serkowitz, Wahnsdorf, Zitzschewig sowie Fürstenhain. Paradebeispiel eines historischen und mittlerweile liebevoll sanierten Dorfkerns ist Altkötzschenbroda, und jedes Jahr Zentrum des bekannten Herbst- und Weinfestes. Dort konzentrieren sich heute viele Geschäfte, Galerien und Werkstätten sowie originelle Kneipen und Cafés.

Ganz anders dagegen die Atmosphäre in den Radebeuler Villenvierteln, die mit ihrer gelassenen Großzügigkeit nicht wenige Besucher an Nizzaer Verhältnisse erinnern. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, vor allem aber nach dem wegen der eingeschleppten Reblaus erfolgten Niedergang des Weinanbaus um 1890, erwarben wohlhabende Dresdner Fabrikanten und Beamte große Grundstücke in der Nieder- und Oberlößnitz. Dort ließen sie sich von Gärten umgebene Sommerhäuser sowie Alterswohnsitze bauen. Auch viele Künstler, Musiker, Schriftsteller und Lebensreformer schätzten das besondere Flair dieses Landstrichs und ließen sich hier nieder: Karl May, Ernst von Schuch oder Friedrich Eduard Bilz sind nur die bekanntesten Namen. Und die Liaison des Dramatikers Gerhart Hauptmann sowie seiner beiden Brüder mit den im Schloß Hohenhaus wohnenden schönen Thienemann-Schwestern ist heute nicht nur fester Bestandteil Radebeuler Stadterzählungen, sondern kann in jeder deutschen Literaturgeschichte nachgelesen werden.

Die vielen Villen, Schlößchen, Weingüter und Herrenhäuser sind es auch, die für zwei weitere Rekorde sorgen: Radebeul ist die Stadt in den neuen Bundesländern mit dem geringsten Wohnungsleerstand – und den meisten Villen in Privatbesitz. Daran wird sich in absehbarer Zeit nichts ändern, eher im Gegenteil. Denn eines ist klar geworden: Radebeul hat sich die Bezeichnung als „sächsisches Nizza“ redlich verdient. Wer hier wohnt, kann das mediterrane Lebensgefühl des warmen Südens in vollen Zügen genießen.

Autor: Hans-Holger Malcomeß (Disy Frühjahr 2007)

 

Das Spitzhaus ist eines der bekanntesten Wahrzeichen der Radebeuler Weinberge. 1622 errichtet und zwischendurch u.a. der Gräfin Cosel sowie August dem Starken gehörend, geht seine heutige Form auf Umbauten von 1749 und 1896 zurück. Seit mittlerweile zehn Jahren befindet sich darin wieder ein Restaurant mit einmaligem Rundblick. (www.spitzhaus-radebeul.de)
Links: Das Schloß „Wackerbarths Ruhe“ wurde 1727-29 als Alterssitz für den sächsischen Generalfeldmarschall Graf August Christoph von Wackerbarth gebaut und ist seit 1991 Sitz des Sächsischen Staatsweingutes. (www.schloss-wackerbarth.de)
Rechts: Die 1786-89 erbaute spätbarocke Villa Sorgenfrei, die von Kunsthistorikern dem „Übergang vom gemäßigten Rokoko zum Zopfstil“ zugeordnet wird, ist eines der schönsten Herrenhäuser Radebeuls und wird heute als exklusives Hotel sowie Restaurant geführt. Bemerkenswert ist der historisch restaurierte Fest- und Gartensaal und die romantische Parkanlage im französischen Stil. (www.hotel-sorgenfrei.de)

Fotos (2): Anke Mittelhäuser

 

Links: Das Meinholdsche Turmhaus wurde nach einem um 1750 erfolgten Umbau 1792 vom Hofbuchdrucker Carl Christian Meinhold erworben. Heute befindet sich hier das Weingut von Karl Friedrich Aust. (www.weingut-aust.de)
Rechts: Das Schlösschen Hoflößnitz, 1650 in seiner heute noch zu bewundernden Renaissance-Architektur als Berg- und Lusthaus der Wettiner errichtet, ist das zentrale Gebäude des gleichnamigen Weingutes und beherbergt seit 1914 das Radebeuler Weingutmuseum. (www.hofloessnitz.de)

Fotos (2): Philipp Döhler

 

Links: Die Villa Sonnenhof wurde 1883 vom Schinkel-Schüler Gustav Ziller erbaut. Heute befindet sich im Garten sowie im Erdgeschoss der Villa eine von weltweit neun Vertretungen der Firma GARPA, eines Herstellers hochwertiger Garten- und Parkmöbel. (www.garpa.de/de/radebeul)
Rechts: Der Bismarckturm wurde 1907 nach Entwürfen von Wilhelm Kreis (u.a. auch Architekt des Hygiene-Museums) auf der Weinbergshöhe oberhalb der Hoflößnitz errichtet. Von seiner Terrasse aus kann man bei gutem Wetter einen Panorama-Rundblick bis in die Sächsische Schweiz genießen.

Fotos: Philipp Döhler (links), Anke Mittelhäuser (rechts)

 

Der zweite Teil der Serie „Radebeul – das sächsische Nizza“ erscheint in der Sommer-Ausgabe der Disy und wird ausgewählte Villen und Weingüter näher vorstellen.

 

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