Prinz Asfa Wossen Asserate über Flucht und Integration

Prinz Asfa Wossen Asserate im Gespräch mit Disy

„Interkultur und Integration- eine große Herausforderung im 21. Jahrhundert“

 

Prinz Asfa Wossen Asserate von Äthiopien tourt im Moment mit seiner persönlichen Botschaft durch Deutschland. Er widmete sich angesichts der großen Flüchtlingsströme dieser aktuellen Fragestellung, berichtete aus dem Blickwinkel der eigenen Erfahrung von Flucht und Integration in die Deutsche Gesellschaft. Disy-Reporterin Christine Salzer hat ihn interviewt.

 

Wie sieht der Alltag des Prinzen von Äthiopien aus?
Ich arbeite. Arbeiten und arbeiten und arbeiten.

Was genau arbeiten Sie?
Ich bin Unternehmensberater für Afrika und den Mittleren Osten. Ich beginne den Tag, indem ich alle Treffen an diesem Tag durcharbeite. Abends ist dann Zeit, um über Literatur nachzudenken.

Worum geht es bei den literarischen Arbeiten?
Literarische Arbeit besteht nicht nur aus Schreiben, sondern auch aus Lesen.
Insofern habe ich natürlich auch mein Pensum an Lesestoff zu erfüllen.

Was sind für Sie die wichtigsten Eckpunkte, wenn Sie sich an Ihre Zeit in Deutschland erinnern?

Das war meine Zeit in Tübingen, wo ich studiert habe. Das war meine Zeit des Berufes in Düsseldorf und natürlich die sehr lange Zeit, die ich in Frankfurt verbringe und verbracht habe.

Woran erinnern Sie sich in Bezug auf Ihr Studium besonders gern?
An die Zeit des Kampfes. Wenn ich „Kampf“ sage, dann gegen den Trend der 68er, den ich nie akzeptiert habe. Und die Zeit des Lernens der Philosophie von verschiedenen großen europäischen Denkern sowohl in Tübingen als auch in Frankfurt und in Cambridge.

Wo sehen Sie die größten Unterschiede, wenn Sie Tübingen und Cambridge vergleichen?
Das sind im Grunde genommen beide sehr altehrwürdige Universitäten mit großartigen Namen. Ich mochte den Stil, der in Cambridge in den 60er- und 70er-Jahren gepflegt wurde. Er war sehr konservativ und mit traditionellem Gedankengut und Lebensart verbunden.

Ist von den Einflüssen, die Sie in Tübingen und Cambridge mitgenommen haben, für Sie im Augenblick noch etwas wirksam?
Man ist natürlich von all diesen Sachen geprägt. Ein Kollege von Ihnen hat mich mal als anglogermanophilen Äthiopier beschrieben. Das sind diese drei Länder, die mein Denken, mein Dasein geprägt haben – Äthiopien, Deutschland und England. Ich bin ein Produkt dieser drei großen Kulturen.

Wie sind Sie auf den Autoren Mosbach aufmerksam geworden?
Wir haben zusammen studiert und sind große Freunde geworden. Ich halte ihn für einen der größten deutschsprachigen Schriftsteller derzeit.

Wie würden Sie sich selbst beschreiben?
Ich bin ein Mensch, der gläubig ist, vielleicht ein schwacher, aber ein gläubiger Christ.

Was macht in Ihren Augen einen gläubigen Christen aus?
Er versucht, in der Gnade Gottes zu leben. Es ist das ständige Bemühen, trotz Schwierigkeiten und manchmal auch Verzweiflung. Glaube, dass man umgeben ist von der Gnade Gottes!

Was sind Ihre persönlichen Schwierigkeiten?
Klar habe auch ich manchmal Probleme, weil mein Glaube nicht so stark ist. Das treibt einen in Versuchung. Nicht nur mich, sondern alle Menschen. Darum müssen wir ständig daran arbeiten und beten, dass der liebe Gott unseren Glauben stärken möge.

Wenn Sie jetzt diese Passion, den Glauben zu beleben, auf der einen Seite sehen und diese abgrenzen müssten von der Aufgabe, die Sie im Augenblick real haben, wo wären da die hauptsächlichen Unterschiede?
Da gibt es überhaupt keine Unterschiede. Man muss in dem, was man tut, auch nach den christlichen Wertvorstellungen handeln.

Was machen Sie als Unternehmensberater?
Ich berate mittelständische deutsche Firmen, was ihre Beziehungen zu Afrika und den Mittleren Osten angeht. Ich versuche ständig, den europäischen Kontinent meinem afrikanischen Kontinent wieder nah zu bringen.
Darin sehe ich meine Hauptaufgabe, damit dieser Kontinent nicht marginalisiert und vergessen wird, wie es schon mal der Fall war.

Bekommen Sie auch von Seiten Ihrer Familie Unterstützung?
Moralische Unterstützung, aber sie lebt in London, ich lebe hier.

Ist der Zusammenhalt in Ihrer Familie trotzdem stark?
Natürlich. Wir sind eine äthiopische, eine afrikanische Familie. Die Beziehungen in einer afrikanischen Familie sind sehr intensiv.
Die sind nicht so wie in Europa.

Was lieben Sie an Dresden?
An Dresden liebe ich den Weißen Hirsch. Das ist ein wunderbarer Ort mit wunderschönen Häusern. Die Architektur und der Wald, den
Sie dort haben, sind einfach entzückend. Ich liebe die kulturelle Vielfalt, die Dresden bietet, vor allem die unglaublich schönen,
wertvollen und interessanten Museen, die Sie haben, wie das Grüne Gewölbe. Das sind Kleinodien der deutschen Geschichte und
Kultur.

Was haben Sie vom Leben gelernt?
Dass nichts ewig bleibt. Ich denke besonders an die begrenzte Zeit der Menschen auf dieser Welt. An die Tatsache, dass im Grunde genommen nicht diese Welt unsere Berufung ist. Die Ewigkeit gibt es in einer anderen Welt.

Wobei wurde Ihnen das besonders deutlich?
An der Geschichte der Menschheit. An der Tatsache, dass auch die allergrößten Menschen, die unsere Welt produziert hat, sterben mussten und müssen. Nichts ist ewig. Lesen Sie von Andreas Gryphius „Es ist alles eitel“ - ein wunderschönes Gedicht. Da haben Sie die gesamte Philosophie der Menschheit.

Was gibt Ihnen die meiste Kraft?
Energie und Kraft ziehe ich immer aus meinem Glauben und aus der Unterstüzung meiner Freunde.

Wer gibt Ihnen den meisten Halt?
Meine Familie. Ich schätze ihre Liebe zu mir natürlich und ihre Solidarität.


Was ist Ihr größter Wunsch?

Dass eines Tages die Europäer ihre Außenpolitik gegenüber Afrika verändern und aufhören, afrikanische Gewaltherrscher zu unterstützen.

Was müsste der erste Schritt sein?
Der erste Schritt müsste sein, die bisherige Politik Europas gegenüber Afrika, die auf der sogenannten Realpolitik basiert, vollkommen zu verändern und eine neue, dynamische und vor allem mit Menschenrechtsgedanken erfüllte neue gemeinsame Afrikapolitik zu etablieren.

Wo sehen Sie die meisten Reserven? Wer könnte da Protagonist sein?
Damit ist jeder Europäer gemeint. Auch das europäische Volk, das auf seine gewählten Vertreter in den jeweiligen Parlamenten Einflussüben muss. Und denen zu sagen, macht es wahr, dass afrikanische Diktatoren nicht mit unseren Geldern anderen Menschen schaden. Wir leben in einem demokratischen Europa. Mit etwas gutem Willen kann man die Entwicklung Afrikas durchaus positiv beeinflussen. Vergessen wir nicht: Die größten Produzenten von Migranten sind afrikanische Gewaltherrscher.

 

Asfa-Wossen Asserate,
Prinz aus dem äthiopischen Kaiserhaus, wurde 1948 in Addis Abeba geboren. An der Deutschen Schule bestand er als einer der ersten Äthiopier das Abitur. Er studierte Geschichte und Jura in Tübingen und Cambridge und promovierte in Frankfurt am Main. Die Revolution in Äthiopien verhinderte die Rückkehr in seine Heimat. Er blieb in Deutschland und ist heute als Unternehmensberater für Afrika und den Mittleren Osten und als politischer Analyst tätig. Sein Buch »Manieren« wurde von der Kritik gefeiert. Bei Scherz erschienen  seine Bücher „Ein Prinz aus dem Hause David“ und „Draußen nur Kännchen – meine deutschen Fundstücke“.