Prinz Friedrich von Homburg

Fotos: Andreas Pohlmann

Residenztheater München

 

Das Theaterstück kam als Überraschung des Abends, denn eigentlich stand das „Goldene Vlies“ auf dem Programm, das wegen Erkrankung wichtiger Schauspieler ausfiel. Das den Zuschauern ersatzweise angebotene Stück „Prinz von Homburg“ wird unter Regisseur David Bösch seit seiner Premiere im September letzten Jahres am Residenztheater aufgeführt. 

Die erste Szene zeigte den Prinzen von Homburg im Zustand der Erschöpfung nach verlorener Schlacht. Shenja Lacher verkörperte ihn als impulsiven Jungkämpfer, der die Realität gern und häufig in eine Traumwelt des Heldendaseins und der Liebe verlässt. Spott und Kritik seiner Kameraden bleiben nicht aus, die dennoch begeistert unter seiner Führung gegen die schwedischen Armeen in den Krieg ziehen. Mehr gegenüber den Umständen resignierend als beherrschend, erscheint da der Kurfürst und Vater des Prinzen, der die abzusehende Schlacht mit unmissverständlichen Befehlen zu steuern versucht. Im archaisch-steinernen gerahmten, abgetreppten Bühnenbild Falko Herolds verschmelzen Prinz, brandenburgische Krieger und der Kurfürst graugekleidet zu einer Einheit. Eben noch Führungsbunker, der diese Schicksalsgemeinschaft einfasst, schließt sich der Bühnenraum mit fortschreitender Handlung und Vorhangwechseln zum hermetisch geschlossenen Kerker. Der Zuschauer sieht den Prinzen jetzt als Gefangenen, vom eigenen Vater zum Tode verurteilt, nachdem er im Kampf gegen die Schweden zwar siegte, dies aber nur durch spontane Befehlsverweigerung erzielt hatte. Der Zuschauer erlebt die geballte Intensität des Kampfes im Innern des Prinzen, der zwischen Todesfurcht und Gehorsam gegenüber des Staatsraison tobt. Indem der Kurfürst den Sohn ermächtigt, selbst über die Geltung des Todesurteils zu entscheiden, wird die Grausamkeit des reinen Prinzips im Zuschauersaal noch fühlbarer, denn es kann für den Prinzen nur eine Entscheidung geben: Nach eigener Wahl opfert er sich der Staatsraison. Er geht vom militärischen zum tragischen Heldentum, von dem ihn auch die verzweifelten Bemühungen seiner angebeteten Natalie und seiner Kameraden nicht abhalten können. Die Absicht Kleists, das von aller persönlichen Willkürentscheidung befreite Prinzip des allgemeingültigen Rechts in all seiner fatalen Konsequenz für individuelle Lebensentwürfe vorzuführen, wird damit eindrucksvoll deutlich. In der regulären Kleist’schen Fassung wird dem Prinzen die Begnadigung durch den Vater kurz vor dem Exekutionsschuss gegönnt. Die Inszenierung Böschs hingegen bietet dem Zuschauer zusätzlich die vollzogene Exekution als alternatives Ende an. Letztlich verlässt das Publikum das Haus zufrieden über Message, sowie schauspielerische und dramaturgische Leistung. 

 

Dr. Kai Krauskopf