Fast 20 Jahre lang stand das geschichtsträchtige Kutscherhaus auf dem Gelände der ehemaligen Nordmannvilla leer – bis sich Architekt Gerd Priebe dem Anwesen annahm. Unter der Prämisse Denk-Mal-Anders saniert er das Gebäude und Anwesen (Disy berichtete). Ein Ortsbesuch von Witalij Winogradow und Andreas Otto. 

 

     Vollkommen entkernt verblieb nur die Außenfassade als stiller Zeitzeuge der Vergangenheit. Innerhalb des Gebäudes entstanden drei Kammern, in die jeweils ein Holzbaukörper eingebaut wurde. Dieser Teil des Kutscherhauses ist modern, ökologisch und nach dem neuesten Stand der Technik entwickelt.

 

Die Wände der Holzkonstruktion bestehen aus verleimter Buche. Die Herangehensweise an die Sanierung ist in Dresden einmalig. Priebes Konzept ist nachhaltig und preiswert. „Der Mensch ist in seinem Wesen nicht nur begeisterungsfaähig, er ist auch ein Zweifler! Deshalb brauchen wir Beispiele, die neue Wege, Lösungen und Herangehensweisen vermitteln und für Jeden begreifbar machen“, erklärt Gerd Priebe. Im fertig sanierten Kutscherhaus wird Priebe nicht nur seine persönlichen Wohnräume einrichten, er wird auch sein Büro integrieren. Das Gebäude wird dann Anschauungsobjekt und Akademie zugleich sein. Mit der Wahl des Materials Holz und der Herangehensweise an die Sanierung verbindet der Architekt mehrere Disziplinen. Die natürlichen Baustoffe sind nachhaltig und wiederverwendbar. Dank des minimierten Materialeinsatzes, der Solaranlage und des innovativen Temperierungskonzeptes ist das Haus ohne klassische Wärmedämmung in Ressourcen- und Energieeffizienz herkömmlichen Bauwerken weit voraus. 

 

Auf dem Gebiet der Denkmalsanierung geht Gerd Priebe damit neue Wege. „Wir brauchen offene Menschen mit Neugierde und dem Bedürfnis zum individuellen Gebäude. Architektur ist eine Disziplin, welche nicht nur an eine Person gebunden ist. Es ist eine Gemeinschaftsleistung.“ Berücksichtigt man die weltweite Ausbeutung von Ressourcen, so ist sein Konzept zukunftsweisend. Sein Budget ist ein Drittel niedriger gegenüber einer herkömmlichen Sanierung. „Mir war wichtig, ökologische und ökonomische Ziele miteinander in Balance zu bringen und ein zukunftsweisendes Objekt zu erschaffen“, erläutert der Architekt. „Ich möchte Erfahrungen im komplexen Zusammenwirken der Materialien, der Technik und der Sinneswahrnehmung sammeln, um sie bei künftigen Neubauten und Sanierungen einzusetzen.“ Laut Zeitplan ist die Sanierung des Kutscherhauses im Sommer 2016 beendet. Danach beginnt die Planung des zweiten Bauabschnitt: die Errichtung der Villa Priebe. Unter dem Motto „Ort der Begegnung“ entsteht auf dem Grundstück ein weiteres Unikat. „Bauen ist für mich Kultur. Architektur drückt für mich den aktuellen Stand der technologischen und spirituellen Entwicklung einer Gesellschaft aus. Ich stelle mir immer die Frage, was wollen wir baukulturell nachkommenden Generationen hinterlassen? Gebäude die inspirieren oder die nur inhaltlos unseren Lebensraum in Anspruch nehmen“, resümiert Priebe. Wie schon beim Kutscherhaus, setzt der Bauherr bei der Villa auf kologische Materialien und ein innovatives Baukonzept.

 

Die Villa wird aus Textilbeton bestehen. Das Haus wird mit einem speziellen Herstellungsverfahren geschaffen. So entsteht ein sich selbsttragender, runder Baukörper. Das futuristisch wirkende Gebäude schwebt wie schwerelos über dem Gelände und ruht auf dem höherliegenden Grundstücksteil „Wenn der linsenförmige Bau fertig ist, wird er ein echter Hingucker, in der Straße werden“, freut sich Priebe. Dass solche Ideen auch Mut benötigen, ist für den Architekten nichts Neues. „Sich mit neuen Dingen zu beschäftigen, ist meine Berufung. Je höher die Herausforderung, desto interessanter wird es für mich“, erklärt er. „Mich reizt es, an diesem Ort 140 Jahre Baugeschichte zu vereinen. Gerade in Dresden fehlt es an identitätsstiftenden architektonischen Zeugen unserer Zeit. Nachhaltigkeit ist für den Architekten ein wichtiger Faktor. In einer Akademie auf dem Gelände werden in Zukunft Seminare, Workshops und Dialogabende stattfinden. In Vorträgen sollen nicht nur architektonische Fachthemen zur Sprache kommen. Es soll Seminare für ein neues Miteinander und eine förderliche Kommunikationskultur geben. „Außerdem wollen wir diametral denkende Menschen zusammenführen.“ Dort, wo unterschiedliche Denkweisen aufeinander treffen, entstehen Reibungsflächen, die zum Nachdenken anregen, aus denen sich neue Betrachtungen, Vorgehensweisen und Lösungen entwickeln können“, so Priebe. Mit dem Projekt erfüllt sich Gerd Priebe einen Lebenstraum. Der erste Schritt ist schon gemacht. Noch vor dem Winter wird das Dach auf dem Kutscherhaus fertiggestellt. Bis zum Tag der Architektur 2016 sollen auch die Innenräume fertig sein. „Gedanken schaffen Realität. Dieses Kreative und Erfinderische ist mir in die Wiege gelegt worden“, erzählt er zum Abschluss.