Potenz- und Kontinenzerhaltung

Foto: Ben Gierig

Nervenerhaltende Operationen im Prostatakarzinomzentrum 


Als Leiter des Prostatakarzinomzentrums am Diakonissenkrankenhaus haben Sie langjährige Erfahrungen bei der Behandlung von Patienten mit Prostatakrebs in allen Stadien. Wie gehen Patienten mit der Diagnose um? 

Dr. med. Stefan Bulang: Die Diagnose Krebs ist für Patienten nach wie vor eine gravierende Zäsur. Allerdings haben wir in der Tumortherapie seit Jahren stetig steigende Heilungsraten. Zu den Anfängen meiner Tätigkeit wurden Tumore oft in weit fortgeschrittenen Stadien diagnostiziert. Mit der verbesserten Früherkennung gibt es heute viel öfter die Möglichkeit der Heilung. Das schlägt sich auch auf die Erwartung der Patienten nieder. 

 

Inwiefern hat dies den Umgang der Patienten mit der Diagnose verändert? 

Dr. med. Stefan Bulang: Neben Krankheitsstadium und Therapieaussichten gewinnt die Frage nach den Folgen einer Operation, den Nebenwirkungen und der Leistungsfähigkeit nach der Behandlung an Bedeutung. Im Falle von Prostatakrebs steht für Patienten ganz zentral die Frage im Raum: Drohen Impotenz und Inkontinenz? 

 

Von welchen Faktoren hängt es ab, ob Kontinenz und Potenz erhalten bleiben? 

Dr. med. Stefan Bulang: Für die Heilungsaussichten ist es wichtig, dass der Tumor sich nicht über die Grenzen der Prostata hinweg ausgebreitet hat. Bereits vor der OP stellen wir fest, ob der Eingriff nervenerhaltend durchgeführt werden kann und damit die Voraussetzungen für den Funktionserhalt der Potenz gegeben sind. Darüber hinaus ist die nervschonende Operation aber auch für den optimalen Kontinenzerhalt sinnvoll. Um Inkontinenz zu vermeiden, wenden wir außerdem kontinenzerhaltende Operationstechniken an, bei denen der muskuläre Beckenboden und die Strukturen des Blasenhalses bestmöglich erhalten und geschont werden. Eine weitere wichtige Rolle spielen die Voraussetzungen, die der Patient mitbringt – also dessen Konstitution und das Vorhandensein von Potenz und Kontinenz vor der Operation. 

 

Wonach entscheiden Sie, ob eine Operation notwendig und welche Technik die beste ist? 

Dr. med. Stefan Bulang: Am Anfang steht die Diagnostik. Auch wenn heute die Bildgebung an Bedeutung gewonnen hat, bleibt die Punktion der Prostata für die sichere Diagnose unverzichtbar. Mit der Diagnose des Prostatakarzinoms in der feingeweblichen Untersuchung stellt sich die Frage nach dem Therapieverfahren. An DKG-zertifizierten Organkrebszentren wie am Diakonissenkrankenhaus wird dieses in einer prätherapeutischen Tumorkonferenz besprochen. Hier laufen alle Daten aus der Diagnostik zusammen und Experten aller beteiligten Disziplinen beraten gemeinsam über die geeignete Therapie. 

 

Wenn eine Operation notwendig erscheint, wie wahrscheinlich ist eine anschließende Kontinenzstörung? 

Dr. med. Stefan Bulang: Eine gravierende Inkontinenz kann heute in den meisten Fällen verhindert werden und bleibt nur im niedrigen einstelligen Prozentbereich zurück. Eine geringgradige Inkontinenz kann bei Belastungssituationen auftreten. Einige Patienten tragen zur Sicherheit eine Vorlage, die aber meist trocken bleibt. Erfreulicherweise hat die große Mehrheit der operierten Patienten keine wesentlichen Probleme mit einer Inkontinenz. 

 

Wenn es doch zu einer Inkontinenz kommt, welche therapeutischen Möglichkeiten gibt es? 

Dr. med. Stefan Bulang: In Prostatakarzinomzentren schließt sich nach der Operation die posttherapeutische Tumorkonferenz an, in der wir interdisziplinär das weitere Vorgehen festlegen. Oft sind die Funktionseinschränkungen zeitlich begrenzt und verbessern sich bereits nach den ersten Tagen deutlich. Anschließend helfen physiotherapeutische Maßnahmen. Wenn eine schwere Inkontinenz zurück bleibt, gibt es operative Möglichkeiten, die Kontinenz wiederherzustellen. 


Wie wahrscheinlich ist nach einer Operation eine Potenzstörung? 

Dr. med. Stefan Bulang: Die Erhaltung der Potenz ist oft eine graduelle Frage. Das heißt, dass eine ausreichende Potenz nach der Operation mitunter auch einer medikamentösen Unterstützung bedarf. Auch für diese Frage ist es von entscheidender Bedeutung, dass der Krebs früh erkannt wird und die Operation nervenerhaltend durchgeführt werden kann. Wichtig ist daher die Früherkennung.