Gott ist kein Erbsenzähler

Schön, dass du dir so viel Zeit für Disy und unser Gespräch nimmst.
Hagen:
Sehr gern. Wir sind vom Guten zusammengefügt worden. Ich nenne ihn „Gott“. Die Atheisten sagen „das Gute“. Das ist dasselbe. Hella von Sinnen sagt immer: Warum kannst du nicht „die Liebe“ statt „Gott“ sagen? Kann ich auch machen, Hella, wenn es dir besser dabei geht. Das sind doch nur menschliche Worte, die wir für etwas benutzen.



Es ist schon schön, wenn es ein direkt greifbares Gegenüber ist, auf das man sich verlassen kann.
Hagen:
Auf den kann man sich verlassen. Den gibt es. Den kann man auch kennenlernen, Stück für Stück. Eines Tages, wenn wir keine Menschen mehr sind, wenn wir rübergehen in den Himmel, werden wir alles verstehen. Jetzt ist alles nur Stückwerk. Dann werden wir der Liebe in die Augen sehen, der Liebe in Person, unserem Schöpfer, deinem Schöpfer, der dich über alles liebt. Wir sind hier leider in einer Welt gelandet, wo es Gut und Böse gibt. Das wird es in der Ewigkeit nicht mehr geben. In der Ewigkeit werden alle unsere Tränen getrocknet sein. Und wir werden immer glücklich.

 

Warst du schon mal unglücklich?
Hagen:
Ich habe mich mal jahrelang verrannt und war in jemanden verliebt, von dem nichts zurückkam. Das ist, als ob man ein kleines Häschen ist und in die falsche Richtung hoppelt, in Richtung Flughafen, wo die immer starten und landen. Dann sitzt man dort rum und hofft, man kommt irgendwann wieder auf die andere Straßenseite zu den anderen Hoppelhasen. Aber nein, da kommt ständig ein Flugzeug.


 
Wie hast du dir da helfen können?
Hagen:
Es gibt doch noch ganz andere Männer auf der Welt, die im Sturm erobert werden könnten. Man darf sich nicht so festbeißen in den einen Mann, der so weit weg ist. Guck dir die Leute da draußen an. Da genügt ein Blick von einem Menschen.



Und wenn das Zeichen kommt?
Hagen:
Und dann? Weißt du, was ich dann machen würde? Ohne Gott ist immer alles so bekloppt und eindimensional auf dieser Welt. Da versucht man, durch irgendwelche merkwürdigen Mittel an Informationen heranzukommen. Dabei kannst du doch einfach vorm Einschlafen beten. Zu deinem Schöpfer gehen, mit dem du zur Zeit ein bisschen Sendepause hast. Sag ihm, du möchtest gern die Sendepause beenden. Lieber Schöpfer, der hört sowieso jetzt zu, unser süßer Liebster. Denn ohne den Weinstock sind wir nichts, werden wir vertrocknete Weintrauben. Vielleicht Rosinen. Ich habe ein fettes Buch. Da steht drin, dass ich Gott immer um Hilfe angeschrien habe.



Das klingt so einsam.
Hagen:
Ich sag´s dir. Das Leben ist beschissen. Aber mit Gott ist es einfach richtig gut. Dann ist man plötzlich zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle und kann sich nur noch wundern, wie der liebe Gott uns alle richtig zusammenfügt, wie sogar unsere verborgenen Herzenswünsche mit Gottes Hilfe in Erfüllung gehen. Den dürfen wir aber nicht vergessen. Den müssen wir zwischendurch immer wieder um Hilfe rufen und bei kleinen Sachen immer mal wieder „Danke!“ ausrufen. Du kannst das nennen, wie du willst.


Interreligiöse Beziehungen sind Dir wichtig?
Hagen:
Speziell unter uns Christen. Es ist so bekloppt, dass wir nicht mehr gemeinsame Aktionen miteinander machen und dass die Katholischen und die Evangelischen immer so tun, als ob wir an zwei verschiedene Götter glauben.



Du sagst, es gibt Christen, die gar keine sind, die nur behaupten, Christen zu sein.
Hagen:
Das siehst du an ihren Früchten. Zum Beispiel George Bush hat behauptet, ein Christ zu sein. Er war nur vom Munde her Christ. Das hat er nur gesagt, damit er damals die Wahlen gewann. Der ist aber auf der absolut antichristlichen Seite. Der war ein ganz schlimmer Kriegsverbrecher.



Hast du politisch eine andere Meinung?
Hagen:
Wir leben immer noch in einer Demokratie. Wir müssen aber dafür sorgen, dass die Menschenrechte eingehalten werden. Es ist ein Menschenrecht, dass wir Redefreiheit und Informationsfreiheit haben, nicht so wie in Ungarn jetzt, wo die rechtslastige Hauptpartei ein Gesetz erlassen hat, wo die Pressefreiheit nicht mehr besteht, wo freie Journalisten richtig Ärger kriegen. Wenn die irgendwas in ihrem Artikel formulieren, was der gegenwärtigen Regierung nicht in den Kram passt, müssen die hohe Geldstrafen bezahlen. So weit dürfen wir das nicht kommen lassen. Deswegen müssen wir wach und nüchtern bleiben.



Wem vertraust du da besonders?
Hagen:
Den Leuten, mit denen ich zusammenarbeite im Haus der Demokratie, der Liga für Menschenrechte. Ich bin Schirmfrau bei der antipsychiatrischen Berliner Irrenoffensive der Psychiatrieerfahrenen. Mit dem René Talbot war ich in einem Boot und da beschäftigt für die Einhaltung der Menschenrechte, sprich des Grundgesetzes.



Der Unantastbarkeit der Menschenwürde...
Hagen:
Gesetze müssen einfach immer wieder eingefordert und eingehalten werden. Auf Englisch sagt man law enforcement, Gesetze wieder bekräftigen wie die Wahrung der Menschenwürde.



Stimmt es, dass du auch mal Stimmen gehört hast, die es gar nicht gab?
Hagen:
Ich hatte das mal, weißt du. 1979. Lies mal in meinem Buch das Kapitel über meinen Kokainmissbrauch. Ich war von dem Zeug aufgewühlt. Nach vier Wochen habe ich nur noch 45 Kilo gewogen, weil ich nichts mehr gefressen habe. Das ist ein Appetitshemmer. Ich habe Stimmen gehört. Die haben mir die blödesten Scheißwörter gesagt. Ich hatte vorher schon immer geglaubt, mit Gott zu kommunizieren, mich aber in etwas hineingesteigert, alles, Zahlen, Worte. Ich habe Botschaften aus dem Universum gekriegt. Ich dachte: Ach, die sind für mich, wie schön, wie toll.



Jedes Autokennzeichen ist ein Roman? Jedes einzelne Wort zersplittert in einzelne Buchstaben?
Hagen:
Jaja. Ich sage dir, lauter so ´ne blöden Sachen. Weißt du, wer das ist? Das sind irgendwelche negativen Kräfte. Die wollen versuchen, einen aus dem Leben ins Dunkel zu reißen. Die wollen einen nur dazu verführen, dass man glaubt, dass es vielleicht etwas Interessantes, Gutes oder Schönes ist. Zack, sind die da. Man denkt, das hat alles etwas mit einem zu tun. Aber man vergisst total, Gott um Hilfe zu rufen. Denn das ist der Klingelknopf, das ist der Notdrückknopf. Das erzählt dir auch kein Arzt oder kein Doktor. Wenn die Leute in der Psychiatrie anfangen würden zu beten, wäre das heilend, aber das macht keiner.



Wie bist du da wieder rausgekommen?
Hagen:
Ich habe daraufhin angefangen, mich hinzulegen, flach auf den Rücken aufs Bett, und habe Gott um Hilfe angeschrien. Ich habe die ganze Nacht gerufen: Gott, hilf mir, oh mein Gott, hilf mir doch. Ich wollte diese Stimmen loswerden. Ich wollte nie wieder Kokain anfassen, ich wollte nie wieder Drogen anfassen. In dieser Nacht haben viele Leute mit mir gebetet, die plötzlich Angst, bekommen haben, wie schlimm ich aussah. So schrecklich gebeutelt, wie ich war. Ich sagte: Ich bin in Not, ich höre Stimmen, mir geht es schlecht und dass ich das seit Wochen schon hatte. Ich hatte ja gedacht, das wäre etwas Tolles.



Fühltest Du Dich auserwählt?
Hagen:
Jajaja, aber das will der blöde Teufel, der Widersacher von dem Guten. Der will einen wuschig machen, damit man dann gar nicht mehr funktionieren kann. Deswegen ist es am allerwichtigsten, den lieben Gott um Hilfe zu rufen.



Mir ist es lieber, wenn es Menschen sind, die ich sehe, die ich sprechen kann.
Hagen:
Ja, genau. Da kann man auch zusammen um Hilfe rufen. Einfach um Hilfe beten, es kommt schon. Manchmal dauert es ein bissel. Manchmal geht es schneller. Je nachdem, wie arg sich die negativen Egel da hineingefressen haben. Aber die verschwinden wie das Laub auf der Straße im Herbst, wenn der Wind kommt. Weg sind sie.



Das klingt nach Liebe!
Hagen:
Gott hat uns so viel Schönheit gegeben, die wir hier schon sehen können in der Liebe zu unseren Kindern, den Armen der Welt. Wir können diese Liebe auch richtig anfassen. Dann wird es auch gute Fügungen geben, wo man oft gegen Wände rennt, um irgendeinen Herzenswunsch in Erfüllung zu bringen und das allein gar nicht schafft. Dann gehen sogar die verrücktesten Herzenswünsche in Erfüllung. Mit Gott ist alles möglich. Er kann nicht eingreifen, wenn du es nicht willst. Gott ist kein Zwangspsychiater.



Du hast auch einmal eine Gospel-CD aufgenommen...
Hagen:
Das waren uralte, traditionelle amerikanische Gospeltexte und -gesänge. Die kommen von den Sklaven. Im alten Amerika waren die Weißen ihre Herrschaft. Die Weißen haben sich immer sonntags in den Kirchen versammelt, haben das Evangelium gepredigt, die gute Nachricht von Jesus, dass sie alle gleichwertige Geschwister sind und dass keiner mehr oder weniger wert ist als der andere. Diese tolle Botschaft haben die schwarzen Sklaven heimlich, still und leise mit ihren Öhrchen an den Kirchentüren mitgehorcht, mitgelauscht und sind dann wieder auf ihre Felder gegangen, haben geschuftet und haben sich das Evangelium vorgesungen.



Wie kommt es, dass das so beruhigend ist?
Hagen:
Weil Gott darin beschrieben wird, Treue und Liebe, Gottes Heilkraft. Gott ist kein Erbsenzähler. Gott ist das Liebste, das Beste und das Gutste, das es jemals gegeben hat und immer geben wird. Zurzeit sind wir auf dem blauen Planeten und müssen einfach zusammen beten.



Worauf freust du dich in Dresden am meisten?
Hagen:
Auf dich und dass wir zusammen in der Frauenkirche auf unsere Knie gehen und beten.



Ich habe aber noch nie gebetet.
Hagen:
Dann wird es aber mal Zeit.



Hast du keine Zweifel?
Hagen:
Die katholische Kirche ist natürlich sehr versaut. Aber es gibt ein paar gute Katholiken, wirklich. Wir können manchmal nichts dafür, dass das Böse die Chefetagen unterwandert. Aus den besten Menschen werden plötzlich die bösesten Stalinisten. Das Böse schleicht sich überall ein. Die Guten müssen sich organisieren.



Gibt es einen Menschen, der für dich Geborgenheit ausstrahlt?
Hagen:
Du wirst dich wundern. Mein kleines Adoptivkind Klausi Mausi, dem in der Psychiatrie so übel mitgespielt wurde. Der Kleine strahlt Geborgenheit aus. Und mein leiblicher Sohn Otis strahlt für mich die absolute Geborgenheit aus. Und meine Tochter. Das sind so bodenständige Menschen geworden. Ich kann mir mal auf die Schulter klopfen. Ich habe mit Gottes Hilfe wirklich einen guten Job gemacht. Diese Kinder sind selbstständig und selbstbewusst. Die sind so lieb, bei denen läuft es auch manchmal über, die Liebe. Die helfen anderen Leuten genau wie ich auf ihre eigene Art und Weise.



Und deine Mutter, die berühmte Schauspielerin Eva-Maria Hagen?
Hagen:
Sogar meine Mutter, meine verrückte, durchgeknallte Mutter, selbst die gibt mir Geborgenheit von Ferne. Die ist trotz unserer kleinen Reibereien immer ein verlässlicher Hafen. Wenn alle Stricke reißen, meine Mutter ist immer da, in der Geborgenheitszentrale.



Was hast du von ihr gelernt?
Hagen:
Sie hat mir die Unabhängigkeit vorgelebt. Die habe ich von ihr gelernt.                       

Interview: Christine Salzer/Disy