Neuseeland auf eigene Faust entdecken

Fotos: Sandra Petrowitz

Drei Highlights einer Selbstfahrertour: Zu Fuß durchs Vulkan-Wunderland von Tongariro, per Schiff in den Milford Sound und mit dem Helikopter auf den Gletscher

Text: Sandra Petrowitz

Vulkanwandern auf der Tongariro Crossing

Die Tongariro Crossing ist die beliebteste Tageswanderung Neuseelands. Manche zählen sie sogar zu den schönsten Tagestouren der Welt. Auf jeden Fall führt die sieben- bis neunstündige Wanderung zu einigen der spektakulärsten Plätze in den Vulkanbergen des Tongariro National Park auf der Nordinsel. Krater, Seen, Fumarolen: Hier kommt man dem Erdinneren ganz nah. Denn sowohl Tongariro (1967 m) und Ngauruhoe, an deren Flanken der Weg verläuft, als auch der Ruapehu (2797 m) weiter südlich sind aktive Vulkane. Ihr Befinden wird überwacht; für den Ernstfall gibt es ausgeklügelte Evakuierungspläne. Etwas Anstrengung ist vonnöten, ehe man nach dem Aufstieg ausgehend von der Mangatepopo-Hütte den Fernblick genießen kann. Bei gutem Wetter schaut man vom Sattel bis zum weit entfernten Vulkan Taranaki an der Westküste. Aber auch in der Nähe gibt es jede Menge Sehenswertes: Vom Aussichtsplatz am Rande des South Crater, eines riesigen Kessels mit topfebenem Boden, erweisen sich Vulkane als überraschend bunt. Dunkelbraune Hänge, gelbe Steine, smaragdgrüne Seeaugen am Fuße des rostroten Red Crater, schwarz die erkalteten Lavaströme im Central Crater, blausilbern der Blue Lake, dunkelrot der Ngauruhoe-Kegel ... Der Rand des Red Crater ist die mit 1886 Metern höchste Passage der Tour. Der Wind pfeift, Schwefeldünste quellen aus einzelnen Fumarolen. Nirgendwo auf der Tongariro Crossing ist man dem Erdinneren so nah wie hier, und es stellt sich unweigerlich das Gefühl ein, nicht auf der Erde zu wandern, sondern in ihr. Die Nase indes meldet, von der Szenerie gänzlich unbeeindruckt: Das Erdinnere besteht größtenteils aus faulen Eiern. Der Abstieg zu den Emerald Lakes fällt in die Kategorie Hinuntermogelei: Das feine Geröll auf dem steilen Rücken macht sich unter den Sohlen gern selbstständig. Die smaragdgrünen Seeaugen, eine der Hauptattraktionen der Tongariro Crossing, sind alte, voll Wasser gelaufene Explosionskrater. Ihre Farbe rührt von Mineralien her. Der weitere Abstieg zur Ketetahi-Hütte beruhigt die aufgewühlten Sinne. Die langhaarigen Grasbüschel glänzen golden in der Sonne, in der Ferne blinken Lake Rotoaira und Lake Taupo. Von hier wandert man noch zwei Stunden bergab, bis Shuttlebusse die müden Wanderer einsammeln und sie zum Ausgangspunkt zurückbringen, wo der eigene Mietwagen steht.

Auf „Nature Cruise“ im Milford Sound

Unterwegs in einer Farbpalette: Abstieg zu den Emerald Lakes, Tongariro National Park.

Puh, ist das frisch! Die morgendliche Kälte am Milford Sound zwickt in der Nase. Auf den Gipfeln ringsum liegt eine zarte Schneedecke; die ersten Sonnenstrahlen tasten vorsichtig darüber. Morgennebel kriechen an den bewaldeten Berghängen entlang. Der Mitre Peak, das Wahrzeichen von Milford, trägt eine blütenweiße Schneemütze. Der Südwesten der Südinsel ist eine von Neuseelands wilden Ecken - und eine der schönsten. Den Milford Sound, einen Fjord mit 15 km Länge, Teil des Fiordland-Nationalparks und UNESCO-Weltnaturerbes, wollen wir uns vom Schiff aus ansehen. Wir haben uns für einen "Nature Cruise" entschieden, eine zweieinhalbstündige Rundfahrt mit Schwerpunkt Natur. Auf dem Vordeck der "Milford Mariner" ist es am schönsten. Hier hat man die beste Sicht auf den gesamten Fjord und auf unzählige kleine und große Wasserfälle, die in Kaskaden zerstäuben und Regenbögen bilden. Einmal fahren wir so nahe an die steile Wand heran, dass der Bug fast die Felsen berührt. Die grünen Berge rings um den Fjord haben beinah senkrechte Flanken. Unglaublich, an welch steilen Felsen sich noch Pflanzen ansiedeln. Sogar einzelne Bäume wachsen von winzigen Felsvorsprüngen empor. Am Ausgang des Fjords setzen wir Segel und steuern ein Stück aufs offene Meer hinaus. Die "Mariner" wiegt sich in den Wellen, und wir können an der Küstenlinie entlang weit nach Norden sehen. Nach einer kleinen Ehrenrunde dreht das Schiff den Bug wieder landeinwärts, das Segel wird eingeholt. Jetzt besuchen wir eine Kolonie Neuseeländischer Seebären, die faul auf ihren Felsen liegen und nur die Köpfe heben, als sich das Schiff nähert. Dann geht es wieder in den Fjord hinaus - die Crew hat Delfine gesichtet. Die Tiere scheinen regelrecht auf die "Mariner" zu warten, vielleicht weil sie wissen, wie gut es sich in der Bugwelle spielt. Sie begleiten uns einige Minuten lang. Das ultimative Highlight der Fahrt aber ist ein Dickschnabel- oder Fiordlandpinguin, der zu den seltensten Pinguinarten überhaupt gehört und auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten als gefährdet eingestuft ist. Er steht auf einem Felsen inmitten von Büschen, Bäumen und Gras und scheint in seinem schwarzweißen Federkleid auf irgendein feierliches Ereignis zu warten. Aber die zwei lustigen Streifen aus gelben Federn, die sich vom Schnabel zum Hinterkopf ziehen, machen das kleine Kerlchen zum Punk.

Mühelos zum Mount Cook

Charakterberg mit Schneemütze: der Mitre Peak, das Wahrzeichen am Milford Sound

Dort, wo die Neuseeländischen Alpen ihre Gletscherfinger fast ins Meerwasser tauchen, liegt ein besonders beeindruckendes Stückchen UNESCO-Weltnaturerbe: Vier Nationalparks sowie weitere geschützte Naturlandschaften bilden an der wilden Westküste der Südinsel die "Te Wahipounamu World Heritage Area". In den Örtchen Fox und Franz Josef kommt man den beeindruckenden Gletschern von Mount Cook und Mount Tasman ohne große Mühe nahe. Man kann zur Gletscherzunge wandern, auf ihr herumstiefeln und in ihren Eisschlünden klettern, zu den weiß gepanzerten Dreitausendern hinaufschauen, von denen der Mt. Cook mit 3.754 Metern der höchste ist - oder man nimmt den Helikopter. Unser 30-Minuten-Flug wird uns zu den Westwänden von Mount Cook und Mount Tasman führen, und eine Landung auf dem Gletscher ist ebenfalls dabei. Bis es losgeht, bleiben uns noch einige Stunden Zeit. Wir spazieren zum Lake Matheson, der in keiner Neuseeland- Postkartensammlung fehlt. Es gibt keinen schöneren Spiegel für die Bergriesen der Südalpen als diesen traumhaft gelegenen Teich südlich von Fox. Kein Lüftchen streicht über seine Oberfläche; still und klar zeichnen sich Bäume, Berge und Wolken im Wasser ab. Ab und an bringt eine vorbeischwimmende Ente das Bild ins Wanken, aber schon kurze Zeit später hat es sich wieder beruhigt. Als wir pünktlich am Helikopter-Startplatz erscheinen, teilt der Pilot die Plätze zu. Wir haben Glück und dürfen auf dem Hinflug neben ihm sitzen. Anschnallen, Kopfhörer, Einweisung, Abheben - wir sind in der Luft! Unter uns gleitet die Landschaft dahin, es geht hinauf, der Gletscherwelt entgegen. Beinahe sekündlich ändert sich der Blick. Wir fliegen direkt über den Gletscherbruch, über eine Welt aus graublauen Eiszacken, und dann steigt aus dem oberen Ende der weißen Wirrnis der Mt. Cook empor, den die Maori Aoraki nennen, "Durchbohrer der Wolken". Benannt ist der Berg nach dem britischen Entdecker James Cook, der 1769 als Erster die neuseeländischen Inseln umsegelte. Und während wir noch denken, dieser Anblick sei nicht zu übertreffen, fliegen wir schon weiter, bis über den Grat, und mit einem Mal können wir auf der anderen Seite hinabsehen. Dort liegt türkisblau der Lake Pukaki, und der Kontrast zum blendenden Weiß hier oben könnte nicht größer sein. Auf dem Weg zurück zum Fox Glacier reicht der Blick dann plötzlich bis zum Meer, das unter einer Wolkenschicht für einige Sekunden zu erkennen ist. Dann landen wir auf einem ebenen, spaltenfreien Fleck inmitten der Gletscherwelt. Ein leichter Wind weht, Wolkenfahnen steigen über den Bergen auf. Wir stehen auf einem riesigen Gletscherplateau, an dessen Ende der Mt. Cook in die Höhe ragt. Etwas benommen vertreten wir uns die Beine im Schnee. Es fühlt sich seltsam unangemessen an, den höchsten Bergen Neuseelands mit Hilfe der Technik auf so lächerlich einfache Weise nahe zu kommen. Und doch ist es schlicht großartig, inmitten eines hochalpinen 360-Grad-Panoramas zu stehen...

Sandra Petrowitz

Die Journalistin Sandra Petrowitz hat gleich drei ihrer Leidenschaften zum Beruf gemacht: Schreiben, fotografieren und reisen. Sie ist Mitherausgeberin des Fotomagazins "fotoespresso" (www.fotoespresso.de), leitet Fotoreisen unter anderem nach Botswana und Jordanien sowie in die Polarregionen und arbeitet als Guide auf Expeditionskreuzfahrtschiffen in der Arktis und der Antarktis. Ihr Buch "Reisefotografie - 20 Tipps für bessere Bilder" ist im dpunkt-Verlag erschienen.

www.sandra-petrowitz.de