Reich sein allein reicht nicht!

Gesellschaftsreporter Michael Graeter traf sich mit dem Disy-Team in der Redaktion am Prinzregentenplatz, plauderte über Frauen, Sex und Leidenschaft genauso wie über berufliche Erfolgsrezepte, Berufsethos und Arbeitszeiten. Dabei erläuterte er die Vielseitigkeit der Münchner Gesellschaft mit all ihren Facetten und betont, wie schwer es ist, in jene Kreise einzutreten.

 

Was ist für Sie ein Powermann der Münchner Gesellschaft?

Graeter: Da haben Sie mich voll erwischt. Ich weiß gar nicht, was ein Powermann ist. Entweder es ist ein Mann oder es ist keiner. Außer Arnold Schwarzenegger habe ich noch keinen Powermann gesehen. Der ist hier durch die Stadt gegangen und hat versucht, aus der Ebene der Bodybuilder seine Karriere aufzubauen. Das hat er erfolgreich geschafft, das muss ich neidlos anerkennen.

 

Wann ist ein Mann ein Mann?

Graeter: Ein Mann ist ein Mann, wenn ganz deutlich zu erkennen ist, dass er nicht aus dem Glockenbachviertel direkt stammt. Er ist ein richtiger Kerl, wenn er die Damen anspricht und erfolgreich in seinem Beruf ist.

 

Das heißt, männliche Attribute sind Frauen, Geld und Auto?

Graeter: Grundsätzlich gibt es zwei Säulen im Leben eines Mannes – Sex und Geld. Sie können alles runterdividieren, sie bleiben bei diesen zwei Punkten hängen. Natürlich tausendfach verästelt – aber letztlich ohne Geld kein Sex.

 

Sind das auch Ihre Werte?

Graeter: Nein. Aber damit ich meine Phantasie spazieren führen kann, muss ich versuchen, Geld zu haben. Sonst beschäftigt mich das zu sehr. Existenzprobleme haben schon viele Leute zu einem schlimmen Ende gebracht. Wenn ich finanziell unabhängig bin, kann ich lockerer denken und leichter den wirklichen Lebensgenüssen fröhnen.

 

Sie sind schon viele Jahre in Ihrem Beruf erfolgreich. Was ist Ihr Rezept?

Graeter: Sie müssen den Beruf, den Sie ausüben, lieben. Sie brauchen Biss. Sie sollten auf jeden Fall anständig und nicht korrupt sein. Sie müssen wohl erzogen sein. Sie brauchen Fingerspitzengefühl und sollten sich bewusst sein, dass das gedruckte Wort sehr viel Macht hat und sehr viel Schaden anrichten kann. Wenn Sie wissen, dass der Beckenbauer mit der Heidi Brühl ein Verhältnis angefangen hat, sollten sie überlegen, ob Sie das sofort ins Blatt heben. Man muss da schauen, was es da für familiäre Hintergründe gibt. Das muss man vorher abklären. So habe ich immer gearbeitet.

 

Und deshalb sind Sie so lange erfolgreich?

Graeter: Ja, deswegen gibt’s vielleicht bei mir die begründete Langlauftendenz. Aber das ist doch in jedem Beruf so. Beim Leichenwäscher ist es genauso, wenn er den Beruf liebt. Der Zahnarzt muss jeden Tag in den Mund von verschiedenen Leuten schauen, das muss ihm ja gefallen, sonst würde er den Beruf nicht ausüben. Beim Gynäkologen sehe ich es nicht anders.

 

Weil Sie Ihren Beruf lieben, nehmen Sie auch die ungewöhnlichen Arbeitszeiten gern in Kauf?

Graeter: Ich war noch nie ein gewerkschaftlich orientierter Mensch. Ich habe auch festgestellt, dass die Leute, die während des Arbeitsablaufes auf die Uhr schauen, ihren Beruf nicht lieben können. Der muss die ja langweilen. Ich hab noch nie auf die Uhr geschaut. Ich will nicht sagen, dass ich unpünktlich bin, nur weil ich heute zum Disy-Interview zehn Minuten zu spät gekommen bin. Aber da war dieser Stau auf der Straße.

 

Zusammengefasst ist man erfolgreich, wenn man ...?

Graeter: ... all die genannten Vorraussetzungen erfüllt und wenn man resolut ist. Man muss schauen, dass das Wohl das wichtigste Kapital ist. „Die Eitelkeit ist eine gesunde Krankheit. Wer sie nicht hat, kann sich gleich auf den Friedhof legen, weil sonst nichts passiert, weil man sonst nichts werden will.“

 

Wie passen Ihre Familie, Freunde und die Freizeit in dieses zeitlich verschobene Leben?

Graeter: Also darüber habe ich eigentlich noch nie nachgedacht. Meine Frau war nie an Society-Events interessiert, was ich gut fand. Sie zieht es vor, wenn man sich mit zwei anderen Paaren trifft. Übrigens sollten es bei solchen Treffen immer maximal sechs Leute sein, denn ab acht bilden sich automatisch zwei Viererpaare – das sind Erfahrungswerte. Also Tische für acht Personen sind schlecht, bei sechs wird jeder mit einbezogen, es ist ergiebig.

 

Bekommen Sie bei solchen fast privaten Treffen Ihre wichtigen Insider-Informationen?

Graeter: Ja, da kann ich einen interessanten Menschen kennenlernen, ihn ein bisschen aushorchen oder mir Tipps geben lassen. Auf großen Veranstaltungen stellen die Leute allgemeine Fragen nach dem Wetter oder wo die Krawatte her ist. Das sind ja nur, wie soll ich sagen, verbale Raumfüller.

 

Wann beginnt in solchen halb-privaten Gesprächen Ihr Job?

Graeter: Da gibt es keinen Startblock wie beim 100-Meter-Läufer. Wenn ich feststelle, dass Sie ein heimliches Verhältnis mit der Caroline von Monaco haben, dann fange ich jetzt schon an.

 

Was hat sich in Ihrer langen Zeit als Reporter in der Münchner Gesellschaft verändert? Gibt es Unterschiede zwischen früher und heute?

Graeter: Das ist eine interessante Frage. Es ist merkwürdig, dass eigentlich im Prinzip fast alles gleich geblieben ist. Die Leute, die mit mir aufgewachsen sind, haben doch auch Söhne und Töchter. Die Gesellschaft stirbt ja nicht aus. Also die namhaften Leute haben meistens auch namhafte Kinder. Aber die muss man sich als Gesellschaftsreporter auch anlachen und pflegen. Das muss ich heute mit der neuen Generation genauso machen wie am Anfang meiner Karriere.

 

Erzählen Sie doch mal, wie Sie damals in die illustren Kreise reingekommen sind?

Graeter: Die VIPs standen nicht einfach so da, als ich angefangen habe. Sie haben nicht gefragt, ob ein Herr Graeter da ist und erzählt, dass sie einen Ferrari und einen Mercedes-Benz oder was weiß ich haben. Da musste ich schon auf sie zugehen und sie für mich einnehmen.

 

Wer gehört denn Ihrer Meinung nach zur Münchner Gesellschaft?

Graeter: Reich sein allein reicht nicht. Man muss schon einen Appeal haben. Die Eitelkeit ist zeitlos. Die Eitelkeit ist eine gesunde Krankheit. Wer sie nicht hat, kann sich gleich auf den Friedhof legen, weil sonst nichts passiert, weil man sonst nichts werden will. Ich muss ja schauen, wie ich aus der grauen Suppe der unbekannten Menschheit herausklettere, um etwas zu vollbringen, was der Menschheit vielleicht etwas bringt, etwas Schönes.

 

Schreiben Sie auch über die, die der Gesellschaft schaden?

Graeter: Na, es gibt schließlich verschiedene Charaktere, zum Beispiel wenn man an die Abhörpraktiken der Amerikaner denkt. Als Obama würde ich jetzt schon längst zurücktreten. In englischen politischen Kreisen wäre so eine Abhör-Affäre ein Rauswurfkriterium. Man würde gar nicht darüber nachdenken, wer das ausgeplaudert hat. Edward Snowden ist ja fast ein Heiland in der heutigen Zeit, weil er offenbar kein Geld damit verdient hat.

 

Wohin geht Ihr Bestreben? Ist es die Wahrheit oder ist es auch bisschen Schaden?

Graeter: Ich spiegele nur. Ich bin völlig wertfrei. Ich versuche, meine persönlichen Gefühle den Leuten gegenüber außen vor zu lassen, weder zum Guten noch zum Schlechten zu tendieren. Wenn Sie vom Fenster runter springen, dann spiegele ich wider, dass Sie vom Fenster runter gesprungen sind. Das darf man mir nicht anlasten, ich bin schließlich nicht gesprungen.

 

Kann man trotzdem von Leidenschaft reden?

Graeter: Ich würde sofort den Job aufgeben, wenn meine Leidenschaft dafür erlöschen würde. Ich würde es nicht mehr machen. Es gibt auch andere Berufe, die mich interessieren. Zum Beispiel wäre ich gern Verhaltensforscher geworden.

 

Waren Ihre Eltern mit Ihrer Berufswahl einverstanden?

Graeter: Meine Mutter wollte, dass ich Strafverteidiger werde. Den Wunsch habe ich ihr nicht erfüllt, deswegen hat sie meine Geschichten nie gelesen.

 

Also Ihre Leidenschaft für die Münchner Gesellschaft ist immer noch da. Wie ist die Leidenschaft der Münchner Ihnen gegenüber?

Graeter: Ungebrochen! Die wenigsten Leute, die in München leben, wissen, was die Münchner Gesellschaft eigentlich ist. Sie tun sich sehr schwer damit. Es ist nicht leicht, in die Weiß-Blaue-Gesellschaft hinein zu kommen und anerkannt zu werden. Man kann das nicht mit Hamburg oder Berlin vergleichen, wo es außer einer ständigen BAUMA, also die Denkmäler der internationalen Architekten, keine Gesellschaft gibt.

 

Wie würden Sie Außenstehenden die Münchner Gesellschaft beschreiben?

Graeter: Wir haben hier einen sehr breiten Fächer. Das beginnt bei der Wirtschaft. In München wohnen die meisten Vorstandsvorsitzenden. Hier lebt der Chef von VW genauso wie viele andere Persönlichkeiten der deutschen Wirtschaftselite. Natürlich gehören die zur Münchner Gesellschaft. Außerdem haben wir Kunst – eine ganz breite Palette. Sport – den besten Fußballclub Europas. Wir haben das alles.

 

Und wo trifft man diese Gesellschaft?

Graeter: Es gibt bestimmte Zirkel. Natürlich werden da keine Mitgliedskarteien geführt, klar. Aber wenn es ein gutes Fest gibt, wie zum Beispiel das bei Herzog Franz von Bayern, kann man sehen, wer dazu zählt. Dort ist die sogenannte A-Liste vertreten. Es gibt auch andere A-Listen wie die wirtschaftliche oder die musische. Manche gruppieren sich um wichtige Personen herum. So hat zum Beispiel der Intendant vom Residenztheater seine Zirkel.

 

Sind Sie der erste Zeuge oder gehören Sie dieser Gesellschaft an?

Graeter: Nein, ich bin Reporter. Natürlich berichte ich über diese Storys und über solche Abende. Diese Events bieten dem Leser mehr als die herkömmlichen Boutique-Eröffnungen und Parfum-Vorstellungen. Da wird auch immer von Prominenz gesprochen. Das sind aber Leute, die dreimal im Fernsehen waren und schon denken, dass sie prominent wären. Die regen sich dann auf, wenn sie nicht ins Prinzregententheater reingelassen werden – wie diese Damen mit dem Klaviergebiss. Nur weil sie auffällig sind, sind sie nicht prominent. Das sind dann nur Pausenclowns.

 

Über diese Pausenclowns berichten Sie dann gar nicht?

Graeter: Nein, die kommen bei mir nicht vor, weil sie auch gar nicht interessant sind. Ich würde die ja ehren und heben. Für meine Leser wäre ich damit tief gesunken. Jeder muss selber auf seinen Ruf achten.

 

Sie haben eine eigene Website, auf der Sie berichten und publizieren. Ist das für Sie die Zukunft?

Graeter: Das war die erste Website, die es gab. Die erste Website – in allen Ehren. Damals war ich 1997 mit der Telekom gestartet. Sie werden sich wundern, ich bin schon ermüdet.

 

Also ist das heute mehr Pflicht als Lust?

Graeter: Eigentlich sollte sie als parallele Geschichte mit einer Fernsehsendung verbunden werden. Doch daraus wurde nichts. Jetzt ist es mehr ein Hobby. Allerdings müsste ich mich bei den vielen Klicks, über die sich die Telekom sehr freut, etwas besser darum kümmern.

 

Sie wollten das Konzept im Netz sogar noch weiter ausbauen, oder?

Graeter: Die Website allein reichte nicht. Wer sollte die denn damals finden? Ein Freund schlug vor, dass wir ein Buch herstellen müssten, in das wir die Adressen reinschreiben. Das wurde zu einer Suchmaschine, die dann Jahre später von zwei Jungs aus Übersee entwickelt wurde. Die haben genau das umgesetzt, was wir eigentlich im Sinn hatten.