Von Róse bis Blau ist es nur ein kleiner Schritt

Felix Büttner wurde nicht nur mit dem Mund der „AIDA“ berühmt

Ein Besuch bei dem besonderen Künstler in seiner Erdholländer-Mühle: "Ich lächle nicht gern", erklärt Felix Büttner am Eingang seiner Mühle.

Gut, weiß ich gleich, woran ich bin. Auch als ich das in einer Telefonzelle eingesperrte blaue Schaf im Garten sehe, über die Wiese gehe, auf der die Nähmaschine mit Blechtopf steht und die Holzstele, die mit einer Mistgabel und einer Gießkanne gekrönt ist. Gerade hat Büttner hier ein drei Meter hohes Huhn gebaut, erzählt er. Das wurde abgeholt und steht jetzt im Kölner Landtag. Kunst - Made in Warnemünde. Genauer gesagt sechs Kilometer über die Hauptstraße und dann links Richtung Lichtenhagen, dort hat Büttner sein Domizil. Die Mühle hat er zu DDR-Zeiten "für einen Appel und ein Ei" vor über 30 Jahren gekauft und ausgebaut. Ein Wohnort mit Flügeln und schmalen Holzstiegen - leben wie alle, das wäre nichts für den Mann mit langem Haar und runder Brille. "Mein Heim ist offen für dich", ruft er und schickt mich zu einem Rundgang durch die vier verwinkelten Etagen mit knarrenden Dielen, Nischen und Zimmerchen. Hier ein erotisches Buch, da eine Aktzeichnung und im Kellergewölbe ein romantisches Bad mit Naturstein und Kerzen. "Ich bin ein sinnlicher und leidenschaftlicher Mensch", so Büttner, der allein in der Erdholländer-Mühle lebt. Der Teekessel pfeift aus der spitzwinkligen Ecke, in die eine Küche eingebaut ist und von deren Balken an der Decke die Tassen herunterhängen. Praktisch, witzig und anders - eben. Doch die Einrichtung der Mühle ist nach dem ersten verwirrenden Eindruck originell und stilvoll designed. Antiquitäten, die sich mit dem Holz und Naturstein ergänzen, Spiegel, Bilder, Skulpturen, Sessel, Tische - beim genauen Hinsehen teuer und edel.

Leisten konnte sich Felix Büttner solche Dinge nicht immer. Als er 1960 an die Ostsee zog, wohnte er zuerst in einem Zimmer im "Mecklenburger Hof" in Bad Doberan ohne Wasser und Toilette. Er arbeitete als Dekorateur beim Konsum, als Plakatmaler im Volkstheater Rostock, zog nach Gehlsdorf, dann in die Platte nach Lichtenhagen. Der Umzug in die Mühle war wie eine Befreiung. Heute hat er 1500 qm Land um sich, frische Luft und freie Sicht. Oft arbeitet der Künstler im Freien in der Sonne. Auch der Atelieranbau, der 1996 errichtet wurde, ist hell und wirkt luftig und frisch. Laute klassische Musik tönt aus der Mühle, während ich vor der Tür auf einer Holzbank sitze, von dem dampfenden Trunk nippe, den Büttner bereitet hat, und mir erzählen lasse, wie er berühmt wurde. Wieder war ein Lächeln im Spiel - nicht das der Sphinx oder der Mona Lisa. Es war das Lächeln der AIDA, jenes bunten Mundes, der Markenzeichen des berühmten Kreuzfahrtschiffes wurde. "Ich habe einen Herrn Engel von der Reederei kennengelernt, ein Konzept entwickelt und den Zuschlag bekommen. Ganz einfach", so Büttner über den Coup, der für andere der Deal des Lebens wäre. Heute ist der Künstler regelmäßig auf den AIDA-Schiffen unterwegs, malt Bilder im Viertelstundentakt, signiert und ist bei Versteigerungen dabei. Hat er die Grenze zwischen Kunst und Kommerz nicht längst überschritten? "Manchmal zweifle ich schon", gibt er zu. "Es stimmt, sie kaufen mich. Immer heißt es, sie wollen mehr, mehr, mehr. Ich habe kaum Zeit für mich." Er macht eine Pause, denkt nach, öffnet sich. "Außerdem hätte ich mir den AIDA-Mund ehrlich gesagt strenger gewünscht", und ist wieder bei seinem: "Ich lächle nicht gern." Doch seine Augen bestätigen das nicht. "Ich bin zu 50 Prozent Schauspieler", gibt er zu. "Ich wurde beschimpft. Die Leute sind voll Neid. Normal. Ich wollte berühmt werden, und nun bin ich es." Leise fügt er hinzu: "Eigentlich als Schlagersänger", und nun lächelt er nicht nur, sondern lacht sogar laut. "Und geldgierig wird man auch", ruft er, als er Nachschub vom dampfenden Gebräu holt. Außer den Tassen bringt Büttner auch Mappen und Karten mit Replikationen seiner Werke mit. "Ich bin Künstler, liebe große Wände und Plakate, angewandte Grafik, Aktionsmalerei. Ich illustriere gern, provoziere. Manchmal arbeite ich unter Qualen, werfe weg, lasse stehen." Während er sich in die Beschreibung steigert, wirft er die Karten mit seinen Werken nacheinander auf den Tisch. "Ich mag musikalische Sachen, Jazzelemente, Landschaften. Heute wird nichts Neues mehr entwickelt. Kunst ist manchmal schon ein Wort auf einem großen Fußboden." Was ist Kunst, was ist Handwerk? Künstler würden hochgespielt und hochgespült.

Wenn Büttner die Kreativität packt, muss er sie rauslassen. Egal wo, egal wann. Er malt nachts im Schlafanzug stundenlang, er malt in der Sonne, und unterwegs skizziert er auf Servietten, Klebezetteln und Tüten. "Kotztüten im Flugzeug sind am besten", erklärt er und lacht nun herzhaft, wird dann wieder ernst. "Früher herrschte unter Künstlern ein ganz anderer Widerstand." Seiner ist offensichtlich gerade neu erwacht. "Was ich nicht will, dagegen wehre ich mich. Ich bin kein Erfüllungsgehilfe." Ob er cholerisch wäre, will ich wissen. "Durchaus." Und ob er die Menschen liebe. "Viel kann man nicht erwarten, aber wir müssen es ertragen." Und ob er denn besser wäre als die anderen Menschen? "Ich arbeite vorsichtig an mir", zieht er zurück. "Wenn man alles weiß, muss man in die Kiste." Doch bis dahin hat Büttner noch viele Pläne: das Leben genießen mit einem guten Wein aus seinem Keller oder auf einer Piazza in Italien, vielleicht mal einige Zeit in China arbeiten und Workshops für Studenten geben, ein Buch drucken. "Darüber denke ich manchmal morgens um sechs nach, wenn ich mit meinem halben Brötchen und einer Tasse Tee vor meiner Mühle sitze", verrät er. So lange will ich nicht bleiben. Ich verabschiede mich, nicht ohne einen Blick auf das Bild zu werfen, das gerade im Entstehen ist. Offensichtlich eine Frau, viel Farbe, plakativ. Büttner gibt mir die Hand: "Von Róse bis Blau ist es nur ein kleiner Schritt." Und so wirbeln die Farben, Worte und Emotionen noch lange nachher in meinem Kopf, und den Geschmack des Büttnerschen Gebräus schmecke ich noch am nächsten Morgen auf der Zunge.

Die Tränen der Götter

Robert Herloft hat den Schlüssel zum Geheimnis Bernstein

Wenn die eisigen Stürme über den Strand brausten, wenn es vier Uhr morgens noch dunkel, kalt und nass war - dann stiefelte Familie Herloft mit Thermoskanne, Stullenpaketen und einem Blechanhänger über den Strand. "Februar und November sind die besten Monate, um Bernstein zu finden", erklärt Robert Herloft, Sohn der Bernstein-Dynastie, und erinnert sich mit Freude und auch einer leichten Gänsehaut an die Anfänge der Bernstein-Geschichte seiner Familie ...

 

Diese nächtlichen Ausflüge waren für mich als Kind und später als Jugendlicher zwar immer ein Abenteuer, aber die Arbeit war unglaublich anstrengend", erinnert sich Robert. Mit seinem Vater grub er vier mal vier Meter große Löcher aus, die einen Meter tief sein mussten. Dann stiefelten die beiden mit hohen Gummihosen ins Wasser und siebten Unmengen von Sand, trennten dann den Bernstein von Holz, Muscheln und anderen Steinen. Was als Familien-Hobby begann, wurde schnell Ernst. "Eines Tages fragten wir uns, was machen wir mit den ganzen Kilos Bernstein."

Da Roberts Familie eine künstlerische Ader hatte, begannen die kreativen Leute, in Heimarbeit Ohrringe, Ketten und Anhänger zu fertigen. Das hatte zu DDR-Zeiten so seine Tücken. "Da es kein Silber gab, nahmen wir Zahnarztseide. Gold bekam man nur, wenn man Altgold abgegeben hatte, und die Lederbänder haben wir aus alten Lederjacken selbst geschnitten, oder wir nahmen die Keilriemen, die für Nähmaschinen gedacht waren", erinnert sich Robert mit einem Lächeln. Im Jahr 1993 kauften Herlofts den Fischkutter, der noch heute am Alten Strom liegt, und richteten ihn für den Verkauf her. Drei Jahre später eröffneten sie zusätzlich eine Werkstatt und Goldschmiede, wo heute insgesamt fünf Leute arbeiten. Auch Robert ist inzwischen hauptberuflich dabei, und er ist begehrt, der rothaarige, junge Mann. Vor allem, weil er das Geheimnis kennt, den Schlüssel zum Mythos Bernstein.

"Viele wollen von mir wissen, wie und wo man Bernstein findet", so Robert. Er empfiehlt einen nächtlichen Ausflug mit Taschenlampe und gibt zu bedenken, dass es nicht nur den cognacfarbenen Bernstein gibt (nur etwas 20 Prozent), sondern auch weißen, blauen (selten), grünlichen und schwarzen (durch Pflanzeneinschlüsse). Bernsteinsucher sollten sich besonders nach heftigen Herbststürmen auf den Weg machen und in Warnemünde vor allem direkt an der Mole und dann am Strand in Richtung Markgrafenheide suchen. "An Steinstränden braucht man nicht zu schauen, da wird der Bernstein aufgerieben und ist weg", weiß der Experte. Weg sind die besten Stücke auch, sobald die Touristen am Meer auftauchen. Deshalb muss man der Erste sein. "Dann sollte man da suchen, wo Seetang liegt, am besten schwarzer." Und wenn man fündig geworden ist, gilt es, den Unterschied zwischen abgeschliffenem Glas, normalen Steinen und dem edlen Objekt der Begierde zu erkennen: Vorsichtig mit dem Stein an den Zahn klopfen, die Steine müssen sich warm und weich anfühlen. Sie müssen vom Gewicht her leicht sein. In Salzlösungen schwimmt Bernstein immer oben. An Wolle reiben. Bernstein ist dann geladen und kann zum Beispiel Papierschnipsel anziehen (die Griechen nannten den Stein deshalb Elektron). Echter Bernstein brennt ohne Asche und riecht nach Kiefernholz (früher wurden Bernsteinspäne als Feueranzünder benutzt).

"Weil keine Asche übrig bleibt, kann es schon sein, dass das berühmte Bernsteinzimmer verbrannt und deshalb restlos weg ist", meint Robert, der von der Geschichte des "Goldes des Nordens" begeistert ist, von der Bernsteinstraße im Römischen Reich erzählt und von der alten deutschen Tradition, als früher alle Bernsteine dem Fürsten abgegeben werden mussten. "Wer es nicht tat, wurde mit dem Tod bestraft", so Robert. Entstanden ist der Bernstein schon vor 40 bis 50 Millionen Jahren. Durch Gletscherbewegungen in der Eiszeit drang er bis Berlin vor. Es handelt sich dabei um fossiles Baumharz, das außen am Baum entlanggelaufen ist, wo deshalb Insekten u.ä. eingeschlossen werden konnten. Als die Bäume dann abgestorben sind, wurden sie überlagert und segmentiert, und später bildete sich darüber die Ostsee, wo heute immer noch an den Stränden dieses Urharz angespült wird. "Die Germanen dachten, es wären Versteinerungen von Blitzen, die auf dem Meer eingeschlagen sind", lächelt Robert und erzählt, dass die wertigsten Bernsteine die mit den Tiereinschlüssen sind. "Es gibt sogar welche mit Skorpionen." Wertvoll kann Bernstein durchaus heute auch noch sein, die teuerste Kette (Bernstein und Gold) im Herloftschen Geschäft kostet 6500 Euro. Doch für ihn definiert sich der Wert dieses besonderen Steines anders: Früher machte man aus Bernstein Laborinstrumente, Lacke, Infusionsgeräte. Das Pulver verwendet man heute noch gegen Hautekzeme, Entzündungen, für Medikamente gegen Schilddrüsenleiden, zum Schutz vor hysterischen Anfällen etc.. "Doch fragen Sie wie immer Ihren Arzt oder Apotheker", lacht Robert Herloft, der nach unserem Ausflug am Strand inzwischen wieder am elterlichen Verkaufsboot angekommen ist. Als ich mich verabschiede, winkt er von der Reling, und sein rotes Haar leuchtet in der Sonne, so wie die schönsten seiner Bernsteine.