Angst steht nur im Weg

Ein Interview mit Jörg Westphal, Leiter des Informationszentrums der Seenotrettung Warnemünde

 

Wenn über UKW-Kanal 16 ein Ruf eingeht, heißt das Höchstalarm für die Männer der Seenotrettung in Warnemünde. Kanal 16 ist der Notruf. Fragen an Jörg Westphal.

Fahren Sie bei jedem Wetter raus?
Westphal: Es ist immer eine freiwillige Entscheidung jedes Einzelnen. Aber ich habe noch keinen von uns erlebt, der einen Einsatz abgelehnt hat. Wir fahren immer raus. Die Qualität der Schiffe ist einfach großartig. Die Schiffe sind besser als die Menschen, und deshalb können wir uns darauf verlassen.

Was waren in Ihrer Erinnerung die schlimmsten Wettersituationen, in denen Einsätze gefahren wurden?

Westphal: Windstärke 12 kam schon vor, besonders im Herbst, oder wenn wir Ausläufer von Tornados zu spüren bekommen. Die Wellen der Ostsee bauen sich dann bis zu vier Meter hoch auf. Nicht so stark wie in einem Ozean, aber es ist gefährlich genug.

Haben die Männer dann auch Angst?

Westphal: Wir sind Seemänner und können unsere Stärken einschätzen. In unserem Beruf muss man sich mental im Griff haben. Angst steht da nur um Weg. Allerdings sind wir alle nur Menschen. Wir denken während des Einsatzes nicht für den Bruchteil einer Sekunde an uns, es gilt, Leben zu retten, dazu muss professionell gedacht und vorangegangen werden. Eine hundertprozentige Einsatzbereitschaft, uneingeschränkte Aufmerksamkeit und der Mut, auch in kritischen Situationen die richtigen Entscheidungen zu treffen, machen unseren Beruf aus.

Wie tief ist die Ostsee vor der Küste Warnemündes?
Westphal: So etwa sechs bis 13 Meter. Aber es gibt sehr gefährliche Stellen. Die Strömung an der Mole ist extrem stark, und wer da nicht aufpasst, gerät schnell in Seenot.

Wie oft geraten Schiffe und Menschen in bedrohliche Situationen, in denen Sie helfen müssen?

Westphal: Im Jahr fahren wir bis zu 50 Einsätze. Mal sind es kleinere, harmlose Gründe, wenn zum Beispiel mal das Benzin alle ist und wobei wir bei gutem Wetter schnell helfen können. Aber manchmal kommt es auch zu lebensbedrohlichen Fällen.

Haben Sie selbst schon Männer bei Einsätzen verloren?

Westphal: Seit unserer Gründung hier haben wir 45 Leute verloren. Wir spielen kein Kaspertheater. Das Meer und die Natur sind nicht zu unterschätzen. Der letzte Vorfall war 1995, als zwei unserer Jungs bei einem Einsatz ums Leben kamen. Es waren gute Jungs. Umso ärgerlicher ist es, wenn Menschen sich leichtfertig in Gefahr begeben und dabei nicht nur ihr Leben aufs Spiel setzen.

Wie passiert das?
Westphal: Einige fahren mit Booten raus und haben keine Ahnung, wie man sie bedient oder sind zu unerfahren. Viele machen leichtsinnige Manöver, beachten die Wettervorhersagen nicht, nehmen keine Rücksicht auf andere, und sehr oft ist bei den Notfällen auch Alkohol im Spiel. Das macht einen wirklich wütend.

Es gibt aber auch Notrufe, wenn Menschen unabsichtlich in Gefahrensituationen geraten sind.

Westphal: Natürlich. Oft sind es medizinische Vorfälle wie Herzinfarkt oder Schlaganfall auf dem Boot, Unfälle, Schäden am Schiff oder das Wetter, das rasch umgeschlagen ist, hat sie in eine ausweglose Situation gebracht.

Was sollte man in einem solchen Fall auf dem Boot tun?

Westphal: Nachts sollte man Leuchtraketen zünden. Bei roten Raketen weiß jeder, dass das Schiff in Notlage ist. Wenn man ein Handy dabei hat und auch noch Netzempfang, dann ruft man die Rettungsleitstelle 112 an Land an, die dann zu uns weiterleitet, oder eben über Funk UKW-Kanal 16, der ist für Notfälle reserviert.

Sind Sie moderne Helden?

Westphal: Meine Leute sind das schon. Vor allem, wenn man bedenkt, dass das zum großen Teil Patentträger sind, Kapitäne, Offiziere. Sie würden überall sonst mindestens ein Drittel mehr verdienen als bei uns, aber entscheiden sich, auf das Geld zu verzichten und tun freiwillig Dienst bei der Warnemünder Einsatzstelle der Deutschen Seenotrettung.

Warum zahlen Sie so wenig?
Westphal: Weil das Geld knapp ist. Wir finanzieren uns ausschließlich durch Spenden und Sponsoren. Wir sind stolz darauf, ohne Unterstützung des Staates arbeiten zu können, weil wir so unabhängig sind. Vieles läuft über private Spender. So hat ein 85-jähriger Witwer uns letztens sein gesamtes Erbe vermacht. Auch haben wir in vielen Einrichtungen unsere Mini-Spendenboote stehen. Trotzdem ist es schwer, finanziell zu überleben und die nötige Qualität sichern zu können. Aber wir haben eine Verpflichtung gegenüber den Menschen und unserer Tradition.

Vormann Jansen...

Westphal: Genau. Stefan Jansen, der 1860 bis 1903 lebte, war der erste Vormann der Seenotrettung in Warnemünde. Er ist bis heute eine Legende, ein Held. Insgesamt rettete er mehr als 90 Menschenleben und ist ein Idol in Warnemünde und uns bis heute Vorbild. Auch unser Seenotrettungskreuzer war nach ihm benannt, allerdings haben wir heute einen neuen - die Arkona. Das Schiff liegt stets einsatzbereit im Alten Strom. Es werden Besichtigungen angeboten, und die Besucher können Fragen stellen. Was ist die am häufigsten gestellte Frage? Ob unser Schiff untergehen kann.

Und?

Westphal: Alle Schiffe können theoretisch untergehen und kentern spätestens bei einer Seitenlage von 60 Grad. Aber wir haben neuartige Schiffe, die nicht kentern, sondern im Notfall im Wasser durchdrehen und sich auf der anderen Seite wieder aufrichten. Das ist technisch ein unglaublicher Fortschritt, birgt aber auch Gefahren, zum Beispiel, wenn nicht alle ordentlich angeschnallt sind.

Warum baut man eigentlich nicht gleich alle Schiffe kentersicher?

Westphal: Diese Technik ist sehr teuer, und aufgrund der Kentersicherheit haben unsere Boote ein ungewöhnlich schlingerndes Fahrverhalten. Da kann es auch einem erfahrenen Seemann schon mal übel werden.