Disy testete das AIDA-Gefühl und wurde wirklich nicht warm damit

Gestartet sind wir in Hamburg. Schon das Einchecken dauerte. Lange Schlangen in der Halle. Ein Foto von jedem neuen Passagier. Anonymer Stationslauf. Mittags sollten wir da sein, das Schiff legte erst am Abend ab. Die Kabinen suchten wir selbst. Dann waren wir orientierungslos an Bord. Aufgeregte Leute. Wieder stundenlanges Warten. Kein Programm. Keine Durchsagen. Es passierte einfach stundenlang nichts. Wir fragten zur Orientierung nach Treppen oder nach einer bestimmten Bar. Das Personal war genauso orientierungslos. Einer zeigte nach rechts, der andere nach links. Es war laut und unangenehm.

 

Die Seenotrettungsübung wurde später über Lautsprecher erklärt. Wir warteten auf das richtige Signal – sieben lange Töne. Es ertönte ein Ton und die Leute strömten mit ihren Schwimmwesten zu ihren Treffpunkten. Wir warteten erneut. Wir kannten das Signal. Die Zeit verstrich und es passierte nichts. Von unserem Balkon aus sahen wir die Massen auf dem Bootsdeck. Rund 15 Minuten später ertönte das richtige Signal. Nun gingen auch wir Richtung Sammelstelle. Ein Crewmitglied an der Treppe wies uns die falsche Richtung, rief uns aber noch zurück und zeigte die richtige Tür. Wir waren mit zwei anderen Passagieren die einzigen, die noch dazu kamen. Was war da los? Alle von unserer Rettungsstation standen schon. Die Namen wurden aufgerufen. Man sollte laut „Hier“ rufen. Uns hat man vergessen. Die Bootsdecks waren komplett voll mit Menschenmassen. Wir waren uns einig: Wenn hier etwas passieren würde, eine Evakuierung würde im Chaos münden. Es schlich sich ein unsicheres Gefühl ein, das während der 10-tägigen Reise nicht wieder verschwinden sollte. Hier war alles anonym, unangenehm und es wirkte unsicher. Schade!

 

Die Reederei wirbt mit „Mit AIDA liegt der Himmel auf Erden auf dem Wasser! An Bord von AIDAsol finden anspruchsvolle Genießer auf 14 Decks ihr individuelles Urlaubsparadies.“ Wir zählen uns durchaus zu den anspruchsvollen Genießern, aber das einzige, das wir bestätigt fanden, waren die 14 Decks.

 

Wir testeten den 2.602 qm großen Spa-Bereich und begannen mit einer Massage. Kurz und oberflächlich war sie. Zwar hatten wir eine Balkonkabine mit einer Hängematte gebucht, aber der Balkon war so klein, dass entweder die Matte oder zwei Stühle darauf Platz hatten. Beides ging nicht. Abgesehen davon, hatten wir eine Norwegen-Reise gebucht und das Wetter war auch nicht auf unserer Seite. Den Balkon konnten wir nur sehr selten nutzen, meist regnete es und war kalt. 

 

Wenn mal ein Sonnenuntergang zu sehen war, hatten wir natürlich die falsche Seite. Das kann man ausnahmsweise AIDA nicht ankreiden, das war Pech. Was allerdings auch nicht schön war: Selbst an Deck war keine freie Sicht auf Horizont und Meer möglich. Rund um die Decks waren hässliche Scheiben gebaut, durch die man die Natur nur unnatürlich sehen konnte. Das hatte nichts mit Schifffahrt zu tun. Das war einfach nur hässlich und nervig.

 

Das Publikum an Bord war auch so. Nervig. Als eine Drehtür blockiert war, weil wir raus und gleichzeitig eine füllige Frau rein wollte, beschimpfte sie uns. „Und was sind Sie?“, antwortete ich nach drei Tagen an Bord. „Sie sind so eine richtige“ – mir fiel kein schlimmeres Schimpfwort ein als: „AIDA-Passagierin.“ Der Gegenschlag der Dame saß: „Und was sind Sie? Etwa keine AIDA-Passagierin?“ Leider hatte sie auch noch Recht und das war mir sehr, sehr peinlich. Ein Gefühl, wie wenn man mit der ALDI-Tüte von einem Golfclub-Kumpel angesprochen wird. So weit waren wir also gesunken: AIDA-Passagiere. Was machten wir eigentlich hier? Wie kamen wir hier her? Und vorallem, wie kamen wir hier wieder weg?

 

Bevor die zehn Tage abgelaufen waren, saßen wir hier fest. Wir beschlossen das Beste daraus zu machen. Meiner großen Tochter gefiel es an Bord ziemlich gut. Sie hatte im Jugendclub Freunde gefunden und wurde von uns während dem Rest der Reise kaum mehr gesichtet. Das Jugend-Programm lief offenbar ganz gut. Das Kinderprogramm weniger. Die Kleinen wollten, nach einem Blick in den überfüllten Kinderclub, auf keinen Fall auch nur einen Fuß in die Richtung setzen. Lieber wollten sie ins viel beworbene 3D-Kino an Bord. Wir stellten uns zur richtigen Zeit in die Schlange, aber als wir viermal Eintritt zahlen sollten, verzichteten wir. Zum saftigen Reisepreis, kamen überall Zusatzkosten hinzu. Sushi im Restaurant, eine Flasche Wein musste man kaufen, wenn man reservieren wollte, einige Kinder-Programme, einige Erwachsenen-Programme – immer die, die man sich nach dem Tagesprogramm ausgesucht hatte. Auch in den schönen Restaurants musste man extra zahlen. Wenn nicht, blieben nur Plastikstühle, langes Suchen nach Plätzen mit vollen Tabletts, Schlangen an den Buffets und leere Schüsseln und Teller. Manchmal ging die große Tochter später als wir mit den Freunden essen. Das, was wir empfohlen hatten, war dann oft schon aus. Das erklärte die langen Schlangen vor den Restaurants zu den Öffnungszeiten. Die Leute, die sich eine halbe Stunde vorher in die Schlange stellten, hatten Recht. Es gab einfach nicht genug von allen Speisen für alle. Unglaublich! Manchmal kam man in den Restaurant-Etagen nicht mal aus den Fahrstühlen, weil die Massen vor den Restaurant-Türen bis vor die Fahrstühle reichten. 

 

Massen, Schlangen, Warten, Lärm, leere Schüsseln und hohe Nebenkosten. Das war vielleicht eine unangenehme Atmosphäre und Stimmung. Allerdings schien das nur bei uns so anzukommen. Die Massen waren offensichtlich angetan vom AIDA-Feeling. Mit wem wir auch sprachen, sie waren das fünfte bis 11. Mal auf einem AIDA-Schiff und liebten es. Zwar wäre es früher viel besser gewesen und man merke, dass man weniger geboten bekäme und mehr zahlen müsse, aber zufrieden waren die Massen schon. Man muss zugestehen, dass das Klientel zum Programm und zum Schiff passte und umgekehrt. Nur wir hatten uns irgendwie verirrt. Wegen des hohen Reisepreises hatten wir wirklich anderes erwartet. Und – davon sind wir überzeugt – dafür kann man auch anderes erwarten.

 

Bis zum Schluss kannte uns kein einziges der Crew-Mitglieder beim Namen. Wir sprachen zwar mit einigen, aber begeistert hat uns da keiner. Beim Shufle Board an Deck wurden wir wieder weggeschickt, obwohl kein Passagier außer uns da war. Kinder wären verboten, erklärte uns die zuständige Reiseleiterin. Ein Tisch, selbst im Bezahl-Restaurant war trotz Trinkgeld nicht möglich. Das Internet funktionierte bei uns bis zum Schluss nicht. Und bei der einzigen Sache, für die wir uns vom Bordleben interessierten, dem Tanzkurs, probte gegen die Tanzmusik im selben Saal die Band für den Abend. Tanzlehrer war sauer auf Band, Band war sauer auf Tanzlehrer. Wir gingen nicht wieder hin. Sauer waren wir selbst genug über den ganzen Urlaubs-Schlamassel á la AIDASol.

 

Einmal gingen wir zum Bingo. Dieses wurde hier mit einem Quiz kombiniert. Die beiden Reiseleiterinnen kamen sich offensichtlich sehr, sehr, sehr, sehr wichtig vor. Die Quizfragen waren zum Beispiel: „Den wievielten Vertrag habe ich an Bord?“, „Wieviele Geschwister habe ich?“, „Was fahre ich für ein Auto?“ Also ehrlich! Keine Leistung bieten und dann auch noch sich selbst feiern! Die beiden Mädels waren wirklich nicht das, was wir von Reiseleitern oder Animateurenauf einem Kreuzfahrtschiff erwarten. Sie machten den Eindruck von selbsternannten, nervenden Partyorganisatoren auf Klassenfahrt, die keiner leiden konnte. So sahen sie auch aus. Eine einheitliche Kleiderordnung an Bord schien es nicht zu geben.

 

Am Abend gab es einen Crew-Chor in der Bar, der Seemannslieder interpretierte. Zwischendurch bekamen die Sänger, laut Moderator, immer wieder Schnaps. Wir gehen stark davon aus, dass das Tee war, was da nach fast jedem Lied ausgegeben wurde. Doch dass die Crew feiern konnte, war im Passagierbereich oft zu sehen. So war an diesem Abend ein großer Bereich abgesteckt. „Geschlossenen Veranstaltung“ stand dran. Wir gönnen den Crews jede Party, aber wenn es schon so nicht genug Tische für die Passagiere gibt, ist es umso ärgerlicher, wenn größere Flächen für die Crew abgesperrt werden.

 

Immer wieder ärgerten wir uns über die zusätzlichen Kosten: Im Gour- met-Restaurant Rossini, im Buffalo Steak House, in der Sushi Bar muss man Speisen und Getränke trotz gebuchter Vollpension zahlen. Ein Fotoshooting mit dem Bordfotografen kostete 290 Euro, ein Fo- to-Workshop ab 30 Euro, ein Koch-Workshop (mit Buch und Schür- ze) pro Person 29,50 Euro, ein Power Plate-Einzelpaket (30 Min.) 35 Euro. Ganz zu schweigen von den Ausflügen.