Man bekommt einen Makel

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Die Nachricht sorgte letztes Jahr in Dresden für Aufruhr: Sarrasani insolvent! Aber auch die Insolvenz hinderte ihn nicht daran, weiter zu machen. Im Gegenteil, er ging offensiv damit um. Im Interview spricht er darüber, was die Pleite für ihn bedeutete und warum er sich nicht vorstellen kann, etwas anderes als Zirkus zu machen. 

 

Sie thematisierten Ihre Insolvenz sehr deutlich. Was bedeu- tet es für Sie, dass es weiter geht?
Sarrasani: In der über 150-jährigen Familientradition gab es viele Rückschläge: Bombennächte, Feuerkatastrophen, Schiffsuntergänge. Auch Hans Stosch-Sarrasani war zwischendurch in finanziellen Schwierigkeiten. So ging es uns auch. Mir ist es wichtig, damit offen umzugehen und zu meiner Verantwortung zu stehen. Ich habe Fehlentscheidungen getroffen, dazu kam eine unerwartet hohe Steuernachzahlung. Letztendlich habe ich das zu verantworten, weil ich an der Spitze des Unternehmens stehe.

 

Wie war die Reaktion des Publikums?
Sarrasani:
Ich glaube, dass es richtig und gut ist, offen mit den Menschen darüber zu kommunizieren. Das honorieren unsere Gäste. Sie sagen: „Weitermachen! Du hast Niemanden umgebracht, du hast nicht vorsätzlich gehandelt. Du hast als Geschäftsmann eine Fehlentscheidung getroffen – also Mund abwischen und weitermachen!“

 

Ist ein insolventer Geschäftsmann in Deutschland mehr gebrand- markt als im angelsächsischen Raum?
Sarrasani:
In Amerika ist das in der Tat kein Thema. Dagegen ist es in Deutschland so, dass man einen Makel bekommt. Ich glaube aber, dass wir mit Leistung die Menschen davon überzeugen können, dass unser Weg erfolgreich ist. Auch nanziell gesehen. Ich denke solch ein Makel lässt sich auch wieder wegpolieren. Wir müssen es auch als Chance sehen, daraus zu lernen.

 

Ob Weihnachtscircus oder Dinnershow, die Zirkusprogramme in Dresden sind spezialisiert. Ist die Zeit der Wanderzirkusse end- gültig vorbei?
Sarrasani:
Das glaube ich nicht. Zumindest nicht, was die großen Wanderzirkusse angeht. Ich glaube, dass sich der Zirkus zeitgemäß weiterentwickeln muss. Früher hatte er die Aufgabe, wilde Tiere und ungewöhnliche Menschen in die Städte zu bringen. Diese Aufgabe hat erst das Fernsehen und jetzt das Internet übernommen. Wir müssen uns so positionieren, dass wir die Menschen unterhalten. Wir müssen die Elemente, die Zirkus und Varieté ausmachen, zeitgemäß darbieten, da unsere Gäste heute sehr viel anspruchsvoller sind.

 

Wie gelingt Ihnen das?
Sarrasani:
Wichtig ist die persönliche Komponente: Menschen, die andere Menschen unterhalten. Das ist auch die Verbindung zu dem persönlichen Intro vom letzten Jahr. Jenseits unserer Rolle als Darsteller, Künstler und Show-Men auf der Bühne sind wir alle nur Menschen. Menschen, die das große Glück haben, mit Artistik, Tanz und Illusion anderen Menschen eine Freude zu bereiten. Wir versuchen, unseren Gästen mit dem Essen, der Show und dem Ambiente ein Gesamterlebniss zu bieten. Aber auch dieses Konzept muss man ständig weiterentwickeln, um das Publikum immer wieder zu erreichen.

 

Könnten Sie sich vorstellen, etwas anderes als Zirkus zu machen?

Sarrasani: Das würde mir sehr, sehr schwer fallen. Ich bin im Zirkus geboren und aufgewachsen. Ich habe mich sehr früh dafür entschieden, dass ich das auch weiterführen möchte. Wenn man einmal Sägemehl im Hosenumschlag hat, dann kommt man nicht mehr davon los. Von der Arbeit mit den verschiedenen Nationalitäten und Kulturen geht eine riesige Faszination aus. Mir gefällt auch das ständige unterwegs sein. Heute hier, morgen da – das ist unwahrscheinlich toll. Ich bin aber nur der, der vorweg geht. Ohne mein Team und die Artisten, die teilweise ihr Leben riskieren, um andere zu unterhalten, wäre ich nichts.

 

Sollten Sie je etwas anderes machen wollen, brauchen Sie einen anderen Nachnamen, oder?
Sarrasani:
Der Name bringt Vor- und Nachteile mit sich. Der Name ist eine bekannte Marke, das ist ein Vorteil. Auf der anderen Seite bringt er auch viel Druck mit sich, da er immer sehr hohe Erwartungen schürt, besonders in Dresden. Von Sarrasani wird Perfektionismus erwartet, wir müssen uns immer wieder selbst übertreffen.