Kulinarische Verführung jenseits der bekannten Pfade

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Eine „eat-the-world“ Tour durch die Dresdner altstadt 

 

Eine „Kulinarisch-kulturelle“ Stadtführung - ich als Neu-Dresdner-Disy-Redakteur dachte mir: das ist doch die perfekte Gelegenheit, um die Altstadt etwas besser kennenzulernen. Um Tipps zu bekommen, wo man gut isst und vielleicht noch den ein oder anderen Hinweis erhält, was man auf jeden Fall gesehen haben muss.

 

Am Schauspielhaus ist Startpunkt der Tour. Unser Guide Thomas und ein paar andere warten schon. Nach einer netten Begrüßung geht es los. Wir bekommen einen Überblick über Dresdens Geschichte mit Bezügen zur Altstadt, welcher der kleinste Stadtbezirk ist. Jedoch spiegelt die Größe nicht die heutige Bedeutung für die Stadt wider. Ich erfahre, dass nur ca. 2.000 Einwohner hier leben. Aufgrund der hohen Mieten, können sich hauptsächlich große Unternehmen, Gastronomie und Tourismusbetriebe hier niederlassen.

 

Zwischen historischen Fakten zur Stadt streut unser Guide auch ein paar Anekdoten ein. So erfahre ich von der teuersten Bahnhaltestellenkonstruktion Deutschlands oder wie sich der Unmut der Bürger über unsinnige Bauprojekte seitens der Stadt auch auf kreative Weise entladen kann.

 

Nach 20 Minuten verlassen wir den Wilsdruffer Platz. Vorbei an der Mnemosyne, einer Klangkonstruktion von Erwin Stache, geht es zur ehemaligen Sophienkirche, die im Zuge der Bombardements während des Zweiten Weltkriegs zerstört wurde und zu DDR Zeiten nicht wieder aufgebaut wurde. Jedoch spielte sich wie einer der mysteriösesten Kriminalfälle während den 70er Jahren in der DDR ab. Der Sophien- schatz aus den Grabanlagen der Kirche wurde im Zuge eines bis heute  nicht aufgeklärten Kunstraubes aus dem Dresdner Museum entwendet. Die Ermittlungen deuteten jedoch auf Verwicklungen der Stasi hin, die wohl den Kunstschatz gegen Devisen verkaufte. Nach dieser spannenden Geschichte geht es nun zu unserer ersten Station.

 

Es erwartet uns ein Dresdner Traditionsbetrieb. Die Konditorei Kreutzkamm kann auf eine über 175-jährige Geschichte zurückblicken. Sie wird schon in fünfter Generation betrieben und gilt heute als beliebter Ort traditioneller, sächsischer Back – und Konditorenkunst. Heute steht Friederike Kreutzkamm an der Spitze der Konditorei. Uns wird eine Kostprobe vom berühmten Baumkuchen in klassischer Form mit Zuckerüberzug und der modernen Variante mit Schokoladenguss angeboten. Beim Verzehr des köstlichen Gebäcks, erfahren wir vom aufwendigen Herstellungsprozess des Baumkuchen. Insgesamt bietet die Konditorei über 800 verschiedene Produkte an.

Nach dem traditionellen Gebäck geht es nun um flüssige Spezialitäten. Auf geht es zu Whisky & Genuss. Das Konzept der kleinen Ladenkneipe hinter der Altmarkt-Galerie ist, den Besucher mit den schottischen Spirituosen in Kontakt zu bringen und zu begeistern. Dabei setzen die Inhaber Roy Arnold und Rico Stecker in ihren „Tastings“ auf fachkundige Beratung, die sich am Besucher orientiert. Ihre Verkostungen nen- nen die beiden liebevoll: „Betreutes Trinken“. Zu der Verkostungen gibt es auch schottische, irische und sächsische Spezialitäten. Die in- dividuell belegten Sandwiches mit hausgemachten Aufstrichen oder Mackie’s Chips garantieren Geschmackserlebnis der besonderen Art. Mein Favorit sind die hausgemachten Chips mit Kräutersauce und der Gewürzkaffee, der ein sehr feines Aroma entfaltet. 

 

Weiter geht es der Seestraße entlang. Diese galt ab den 50er Jahren als Prunkstraße Dresdens, an der die anliegenden Häuser besonders hochwertig restauriert wurden. Auch die Innenausstattung, war für damalige Verhältnisse überaus luxuriös und modern. Ein Zeugnis dieser Zeit war das Café Prag als Prestigeobjekt, was nach der Wiederver- einigung seine Bedeutung einbüßte und nicht mehr an den Glanz der alten Zeiten anknüpfen konnte. Der weitere Weg führt uns über den Altmarkt auf dem seit 1434, der berühmte Dresdner Striezelmarkt Besucher aus Nah und Fern anlockt. Hierbei erklärt uns Thomas, dass der Markt ursprünglich nur einen Tag geöffnet hatte, um Striezel zu verkaufen. Später wurde Dauer und Sortiment erweitert, so dass der Markt heute zu den bedeutendsten in Deutschland zählt. Vorbei an der historischen Seite des ehemaligen Café Prag geht es zur nächsten kulinarischen Station.

 

An der Fleischerei Ernst Schulze machen wir halt. Der Traditionsbetrieb besteht seit 1935 und wird in 4. Generation betrieben. Die Rezepte für die hauseigenen Spezialitäten sorgten schon in DDR-Zeiten für lange Schlangen und ließen das Geschäft zu einer Institution werden, die noch heute einen exzellenten Ruf hat. Als Kostprobe werden uns sächsische Bratwurst, Blutwurst und Majoran-Bockwurst angeboten. Die Kombination aus frischer Wurst und einer feinen Würzung überzeugt die meisten in unserer Gruppe. Lediglich der sächsischen Bratwurst stehe ich als gebürtiger Thüringer skeptisch gegenüber. Auf den herzhaften Gaumenschmaus folgt ein Marsch zur Kreuzkirche, der ehemaligen Nikolaikirche. Diese war im 12. Jahrhundert zu Ehren des Schutzheiligen Nikolai erbaut worden. Der berühmte Kreuzchor wurde hier vor fast 800 Jahren gegründet. Wir erfahren, dass die Umbenennung zur Kreuzkirche der Mundfaulheit der Dresdner geschuldet ist, welche aus dem Satz: „Ich gehe zu der Kirche mit dem Kreuz“ einfach die Kreuzkirche machten und damit den heutigen Namen bestimmten. Im Schatten der Kreuzkirche befindet sich das nächste Ziel der kulinarischen Entdeckungsreise.

 

Wir werden in das LadenCafé aha geführt und nehmen an kleinen runden Tischen mit Barhockern Platz. Die Atmosphäre spielt hier eine besondere Rolle. Wenn man den Laden betritt soll man: „sehen, hören, riechen, schmecken und darüber reden“, so Geschäftsführerin Claudia Greifenhahn, die 1995 den „Eine-Welt-Laden“ eröffnete. Daraus entwickelte sich ein Ort für kulturelle Begegnungen auf verschiedenen Ebenen. Die Auswahl an Speisen und Getränken orientiert sich an vegetarischen und veganen Vollkosternährung. Das Credo des Küchenteams ist: saisonal, regional ökologisch und fair. Uns wird eine Spezialität des Hauses angeboten. Es gibt eine vegane Linsensuppe, die der Renner bei den Gästen ist. Der süß-saure Geschmack der Linsen in Verbindung mit feinen Kräuternuancen macht Lust auf mehr.

 

Nun geht es wieder an der Kreuzkirche vorbei in Richtung Neumarkt. Zwischendurch erfahren wir, dass das Rathaus mit 130,03 Metern, das Stadtschloss um 3 Zentimeter überragt und somit die Machtverhältnisse in Dresden widerspiegelte. Angekommen am Neumarkt, welcher früher Kulturdenkmal und wichtiger Versammlungsort der Menschen war, ist heute der Platz mit den höchsten Grundstückspreisen in Dresden. Vorbei an der Frauenkirche geht es in die Salzgasse zum ehe- maligen Wohnhaus vom Hofkoch von „August dem Starken“, George Merbelt.

 

Das Dresdner Kaffeestübchen ist seit 2013 in diesem historischen Gebäude. Der Inhaber Ralf Müller, der persönlich im Café seine Gäste mit frischgebrühtem Kaffee und regionalen Back - und Süßwaren verwöhnt, ist stets für einen Plausch zu haben. So erklärt er uns die Herkunft der Eierschecke, die als typische Dresdner Spezialität gilt. Diese dürfen wir im Anschluss auch probieren. Ein Hochgenuss nach geheimen Familienrezept, sagt uns Ralf Müller mit einem Lächeln. Wir könnten noch stundenlang den Geschichten des sympathischen Frankens lauschen.

 

Das CAMONDAS lässt alle Schokoladenliebhaberherzen höher schlagen. Der Name des Ladens ist Programm, denn das „CA“ steht für Kakao, „MOND“ für die Welt und „AS“ sind die Initialen der Gründer. Nur die besten Schokoladen finden den Weg in das Sortiment von CAMONDAS. Wir betreten den Laden und sehen viele Menschen, die das exquisite Angebot an Schokoladen, Pralinen, Trüffeln oder Trinkschokoladen durchsuchen. Andere unterhalten sich während eines Kaffees. Es duftet noch verschiedenen Aromen, die ein zarter Kakaoduft umhüllt. Unser Guide Thomas führt uns in ein Separee und wir bekommen eine persönliche Einführung in die Welt der Schokolade. Im Anschluss gibt es noch zwei besondere Schmankerl, Schokokaviar heißt die Praline, die in einem speziellen Verfahren produziert wird und bei CAMONDAS zu bekommen ist. Die Schokolade zergeht auf der Zunge. Wirklich etwas Besonderes. Nach der Verkostung neigt sich die kulinarische Entdeckungstour langsam dem Ende.

 

Es geht Richtung Elbufer. An der Semperoper vorbei erreichen wir unsere letzte Station. Das „Kahnaletto“ ist für die heutige Tour der Schlusspunkt einer kulinarischen Reise durch Dresden. Der ehemalige Lastkahn wurde 1991 für eine Million DM restauriert, damit das „Dresdner Brettl“ eine neue Spielstätte bekam. Dazu kam ein Schiffs- restaurant und eine Bar. Im „Kahnaletto“ gibt es eine ständig wechselnde Karte, einzig die Fischsuppe wird immer angeboten. Unser Weg führt uns dann auf das untere Deck in die maritim eingerichtete Bar. Hier wird uns zum Abschluss ein „Dreierlei von der Tomate“ serviert (Tomate-Mozzarella-Spieß, überbackene Tomate und Buscetta). Danach gibt es noch einen Kaffee und ein Feedback zur Tour.

 

Mein Fazit dieser besonderen Stadtführung ist durchweg positiv. Das Motto von „eat-the-world“: „Lerne die Region über das Essen und die Menschen kennen. Mit einer höheren Anzahl an Stationen pro Tour, kann der Veranstalter dem Besucher einen kompakten kulinarischen Eindruck des Stadtteils vermitteln. Hinzu kommt die schöne Verflechtung von Historie und Kultur der Stadt. Der Tourguide hat die Stadtführung professionell geleitet und an den passenden Stellen mit Witz und Anekdoten für Abwechslung gesorgt. Die Tour bietet nicht nur für Touristen oder Neudresdner, wie mich, gute Tipps. Auch Dresdner in unsere Gruppe waren überrascht, welche Vielfalt ihre Stadt zu bieten hat.