Der Spagat zwischen dem Anspruch von Museum und Publikum

Foto: Oliver Killig

Hilke Wagner (42) ist Direktorin des Albertinums der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Die in Kassel geborene Kunsthistorikerin wurde aus einem starken Bewerberfeld ausgewählt. Seit 2014 leitet sie das Haus. Aufbauend auf seinen Schwerpunkten im 19. und 20. Jahrhundert soll sich das Albertinum künftig unter ihrer Führung auch in der Kunst der Gegenwart stärker profilieren. Wir sprachen mit Hilke Wagner über Dresdens Kultur und ihre Arbeit im Albertinum.

 

Was verbinden Sie mit Dresden als Kulturstandort?

Wagner: Dresden war historisch betrachtet immer eine Stadt der Moderne und des Aufbruchs. Das werden wir auch in kommende Ausstellungen immer wieder betonen. Das vergessen die Dresdner manchmal. Als Stichwort reicht da eigentlich „Die Brücke“. Jene Künstlergruppe, die als Wegbereiter des deutschen Expressionismus gilt und in Dresden gegründet wurde. Heute nimmt man Dresden als Stadt des Barock wahr. Es ist eine Mischung aus beidem. Es gibt hier ein konservatives, sehr selbstbewusstes Publikum, aber auch gleichzeitig viele Menschen, die sich einen Aufbruch wünschen und die uns unterstützen.

 

Wie sind Sie zum Albertinum gekommen? 

Wagner: Ich wurde angesprochen. Zu dieser Zeit war ich in Braunschweig Direktorin des Kunstvereins. Ich gelte als Expertin für zeitgenössische Kunst und wurde dann im Bewerbungsverfahren ausgewählt.

 

Was sind Ihre Aufgaben als Direktorin?

Wagner: Hier im Haus sind die Galerie Neue Meister und die Skulpturensammlung untergebracht. Ich versuche beides unter dem Namen Albertinum zu vereinen. Das Albertinum soll als Marke unter dem Motto Haus der Moderne stehen und sich medienübergreifend national sowie international etablieren.

 

Was reizt Sie denn an Ihrer Arbeit?

Wagner: Es ist die Arbeit mit dem unglaublichen Bestand der Sammlung, von denen wir unseren Besuchern nur rund zehn Prozent in der Dauerausstellung zeigen können. Noch immer gibt es einiges wissenschaftlich und restauratorisch aufzuarbeiten. Ich versuche, so häufig wie möglich umzuhängen, um immer neue Perspektiven auf die Sammlung zu öffnen, und auch mit Interventionen zeitgenössischer Kunst zu überraschen.

 

Haben Sie Lieblingswerke, die hier aushängen?

Wagner: Ja, ich habe Favoriten, aber sie wechseln ständig. Das „große Gehege“ von Caspar David Friedrich ist ein unglaublich wichtiges Bild. Schon Adorno sprach von ihm als dem ersten wirklich modernen Gemälde. Dann natürlich das, wie Florian Illies es einmal nannte, „frühreife Meisterwerk“ „Dame mit Zigarette“ von Oskar Zwintscher oder „Das Pfirsichglas“ von Monet.

 

Wie geht es mit der Aufarbeitung der Sammlung voran?

Wagner: Es gehört zu den Aufgaben, den Bestand in Sonderausstellungen zu erforschen. Wir haben in Bad Muskau mit einem Projekt zu italienischen Landschaften begonnen, was im nächsten Jahr mit der großen Ausstellung „Unter Italischen Himmeln“, bei der der Bestand mit internationalen Leihgaben – unter anderem einige Turner der Tate Britain, bei uns fortgesetzt wird. Dann planen wir auch eine große Impressionismus-Ausstellung, die ebenfalls von unserer Sammlung ausgeht. Natürlich sind solch langfristige Projekte kostspielig und Restaurierungen nötig. Und: Wir arbeiten auf Hochtouren an einer Neuauflage unseres Museumsführers.

 

Mit welchen Herausforderungen haben Sie zu kämpfen?

Wagner: Die größte Herausforderung wird die anstehende Umstrukturierung der Staatlichen Kunstsammlung Dresden und damit auch des Albertinums sein. Es werden Teile der Skulpturensammlung, die vor dem 18. Jahrhundert entstanden sind, in den Semperbau umziehen. Das Schaudepot wird aufgelöst und weitere Schritte folgen. Das Albertinum wird dann als Haus der Moderne nur noch Arbeiten ab dem 19. Jahrhundert beherbergen und ausstellen. Der Fokus liegt also auf der Moderne. Gleichzeitig gilt es zeitgenössische Kunst weiter in Dresden zu etablieren, internationale Gegenwartskunst nach Dresden zu holen. Aber wir wollen auch kein Programm am Publikum vorbei machen. Dieser Spagat sorgt hier und da auch für Probleme.

 

Welche Probleme meinen Sie?

Wagner: Ich versuche immer abwechslungsreiche Ausstellungen zu machen, um den Besuchern etwas zu bieten und der Sammlung gerecht zu werden. Es gibt allerdings oft Forderungen von Besucherseite, die sich eine stärkere Fokussierung auf die DDR – Kunst wünschen. Wir haben sehr viele Gästebucheinträge, in denen das geäußert wird. Für die Kunst nach 45 haben wir derzeit jedoch nur vier Räume, da heißt es: öfter umhängen! IDie Kunst der DDR interessiert mich sehr, ich versuche sie durch fokussierte, kleine Sonderpräsentationen differenziert zu betrachten. Es gab beispielsweise zum 80. Geburtstag von Jürgen Böttcher, dem DDR Filmemache und Maler, eine Sonderausstellung. Nächstes Jahr folgt Karl-Heinz Adler und ein Projekt zur 85er Intermedia in Coswig.

 

Wie sind vermehrte Forderungen des Publikums zu erklären?

Wagner: Ich denke, dass bei einigen Besuchern der Zugang zu den Werken der DDR ein anderer ist als meiner. Ich versuche, eine objektive, historische Sichtweise zu bewahren, die jedoch keineswegs rein soziologisch ist. Für mich zählt hauptsächlich die künstlerische Qualität. Bei dem Publikum spielen mitunter nostalgische Gefühle eine größere Rolle und sie vermissen dann an der einen oder anderen Stelle ein Werk, das sie aus ihren Schulbüchern noch kennen.

 

Wer ist eigentlich Ihr Publikum?

Wagner: Das ist ausstellungsabhängig. Natürlich sind wir auch ein Museum, das die Touristen auf ihrer Liste haben und sozusagen abhaken. Gleichzeitig ist das Dresdner Publikum sehr treu. Was mir und vielen auswärtigen Gästen in Dresden auffällt, ist die besondere Tiefe in der Auseinandersetzung mit Kunst und der starke Zusammenhalt derer, die sich für zeitgenössische Kunst interessieren. Wir hatten bei der aktuellen Ausstellung von Taryn Simon einige Probleme mit der Finanzierung. Da haben sich Dresdner zusammengetan und uns eine fünfstellige Summe gespendet! Und es waren keine Millionäre. Das ist mir in dieser Form zuvor nicht passiert und hat mich sehr bewegt.