Editorial Herbst 2014

Sie kennen mich seit vielen Jahren. Ich sage hier immer ehrlich meine Meinung. Und ganz ehrlich - mit diesem Editorial habe ich lange gehadert.

 

Prof. Dr. Michael Albrecht selbst hat mir in unserem Disy-Interview (S. 95) einen Weg gezeigt, wie ich ein wenig verpacken kann, was ich doch schreiben muss. Er betont, dass die Auswahlkriterien für junge Ärzte nicht optimal sind. Es gehört viel dazu, ein guter Arzt zu sein. Was ich in den letzten Jahren mit meinen schwerkranken Eltern erlebt habe, hat mich fast zu einer Arzt- und Klinikphobikerin werden lassen. Es fehlt nicht viel und ich sage, ich habe heute Angst vor Ärzten.

Zu einem guten Arzt gehört viel mehr, als das, was wir hier in unserem Magazin alles schreiben. Was nützen die neuesten Forschungen, die teuersten Geräte, die besten Medikamente, wenn du an die falschen Ärzte oder das falsche Personal gerätst? NICHTS!

 

Zu einem guten Arzt gehört zum Beispiel, dass er erkennt, wenn eine Patientin, die sich über Jahre in fast täglicher medizinischer Behandlung befindet und über typische Symptome klagt, dass sie außer oder gar statt der Grunderkrankung Darmkrebs hat und dieser nicht erst eine Woche bevor sie stirbt eher zufällig entdeckt wird. Zu einer guten Ärztin der Notaufnahme gehört, dass sie eine Patientin ohne Immunsystem isoliert und diese nicht auf dem Gang zwischen zwei hustenden Menschen abstellt. Zu gutem Pflegepersonal gehört, dass eben diese Patientin, wenn sie schon keinen Platz auf der Intensivstation bekommt, sondern in einem Zweibettzimmer in der Notaufnahme übernachten muss, wenigstens einen sauberen Schrank hat. Und sich dort nicht eine Plastiktüte der Vorgängerin befindet mit deren schmutzigem Schlüpfer und Strümpfen.

Zu einer guten Oberärztin einer Intensivstation gehört, dass sie nicht sagt: "Die Patienten erinnern sich sowieso nicht mehr daran, was sie hier erlebt haben." Ich war täglich viele Stunden dabei. Auf der Intensivstation. Alle Türen geöffnet, Schreie, Stöhnen, nackte Menschen, unwürdige Handlungen vor meinen Augen.

Es gehört zu guten Ärzten, auch wenn sie innerhalb kurzer Abstände "durchwechseln" und man als Angehöriger jedes Mal andere Ansprechpartner hat, sich abzusprechen. Jeder Arzt sagte etwas anderes.

Es gehört zu einem guten Professor, dass, wenn die Angehörigen sagen: "Tun Sie alles, um das Leben zu retten", er nicht das Gegenteil anordnet und die lebenserhaltenden Maßnahmen, Antibiotika und Fiebermittel fast schon heimlich abhängen lässt. "20.000 Euro an Antibiose fließen da schließlich durch", hieß es. Ja und? Es ging um ein Menschenleben! Es gehört auch zu einem guten Professor, dass er der Wahrheit verpflichtet ist und nicht in den Abschlussbericht schreibt: In Absprache mit den Angehörigen wären die Maßnahmen abgeschaltet worden. Im Gegenteil!

 

Ich wollte doch nur, wenn schon nicht mein Vati, dass wenigstens meine Mutti gerettet wird.

 

Ich hatte den Professor der Intensivstation nach ihrem Tod zur Rede gestellt: "Stimmt's, sie haben sukzessiv alles abgeschaltet."? "Ja", hatte er unter Zeugen geantwortet, "aber nur am letzten Tag." Diesen letzten Tag hat er mit der Oberärztin zusammen bestimmt. Götter in Weiß? Gegen meinen Willen! Trotz, dass ich als Tochter von meiner Mutti eine Vorsorgevollmacht hatte.

 

Und es gehört zu einem guten Arzt, dass, wenn ein Mensch nach so einem ganzen Leben stirbt, es auch in einer Klinik einigermaßen menschlich zugeht. Ich habe gekämpft, wenigstens für die letzten Stunden, für sie ein Einzelzimmer zu bekommen. Aber der gerade zuständige Stationsarzt hat nach all den unwürdigen Torturen meine Mutter auch noch unwürdig sterben lassen. Mit Herrn X neben sich, der sich verschleimt immer räusperte und im Schlaf sprach. Es gehört mehr zu einer Intensivschwester, als zu dem Nebenmann der Sterbenden zu gehen und ihm zu sagen: "Herr X, sie reden im Schlaf, könnten Sie vielleicht noch eine Stunde etwas leiser sein."

 

Meine Mutter ist in Dresden gestorben. Aber wie und warum, das darf man eigentlich keinem erzählen. Und hier eigentlich auch nicht schreiben.

 

Ich tue es trotzdem!

 

Ihre Anja K. Fließbach