Vorsicht! Unzensiert!

Ex-Innenminister Heinz Eggert analysiert Disy und die Menschen, über die wir berichten

 

Ich habe besonderen Respekt vor Leuten wie Anja K. Fließbach. Menschen, die etwas versuchen, wenn andere behaupten, es sei unmöglich. Was mir auffällt, ist, dass es erstaunlicherweise oft Frauen sind, die das „scheinbar Nichtmachbare“ versuchen. Das, wo andere intellektuell rational überlegen: Der Markt ist voll, das Klientel dazu gibt es nicht …

Dann steht bei einem so hochwertigen Magazin immer die Frage nach der Finanzierung. Es ist immer einfacher, so eine Sache zu betreiben, wenn ein Verlag versucht, eine neue Imagebroschüre aufzulegen, um zu sehen, wie sie läuft. Ein großer Verlag wie Springer oder Gruner&Jahr kann so ein Magazin auch einfach mal für sich verrechnen und von der Steuer absetzen, wenn es floppt. Daher ist natürlich das persönliche Risiko, das jeder Einzelne tragen muss, wenn er sich auf so etwas einlässt, für meine Begriffe immer gekoppelt mit einer doppelten Leistungsbereitschaft.
Diese doppelte Leistungsbereitschaft kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Ich glaube sogar, sie ist eine der für mich positivsten ostdeutschen Eigenschaften. Die Ostdeutschen mussten sich entwickeln, weil man innerhalb kürzester Zeit schnell begreifen und handeln musste, weil man wusste, die Zukunft hängt davon ab. Dieses Denken würde ich mir für die gesamte Bundesrepublik wünschen, und nicht das Trägheitsgesetz der Masse.

Noch etwas Grundlegendes zum Engagement von Anja K. Fließbach und ihrem Team: Es gehört zu den deutschen Eigenschaften, wenn Leute etwas versuchen wollen, sie erst einmal zu entmutigen. Von daher kann man allen, die an diesem Blatt arbeiten, nur gratulieren, dass sie sich davon nicht entmutigen und in der Stimmung herunterziehen lassen, sondern einfach kraftvoll versucht haben, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Dann noch eigene Überzeugungen mit einfließen zu lassen, ist für mich immer noch besonders wertvoll bei einer Arbeit. Man kommt nie schneller voran, als wenn man die eigene Substanz dahinter weiß. Angekauftes, Angelesenes ist relativ schnell verbraten und ziemlich schnell verbraucht. Von daher muss man erst einmal allen von Disy zu der kraftvollen Substanz gratulieren, dass sie das so geschafft haben.
Wenn ich mir Disy anschaue, fällt mir immer auf, mit was für hervorragenden Fotografen da zusammengearbeitet wird. Da kann man nur gratulieren! Der Blick, der dahintersteckt, eröffnet ganz neue Blickwinkel und neue Blickweiten. Auch das ist heute wichtig. Dinge richtig ins Bild zu setzen, um den Anreiz zu schaffen, die Geschichten zu lesen, die dahinter stehen. Von daher ist diese Mixtur von ausgesprochen tollen Fotografien und den Texten dazu sehr gelungen.
Ich sehe gerade Heidrun Müller, die ich sehr gut kenne. Als ich Innenminister war, war sie schon die Protokolltante der sächsischen Regierung. Eine, die immer sehr auf sich hielt und auch den richtigen Stolz der Sächsinnen hatte in einer Staatskanzlei. Der Text, der bei ihr steht, ist nicht gekünstelt. Er ist wirklich so, wie ich Heidrun Müller kenne.
Dann finde ich sehr angenehm, wenn ich Disy durchblättere, dass Menschen von hier vorgestellt werden, die auch einiges versuchen. Ich finde immer, dass die Macher und die Könner, die wir auch in Dresden haben, alle ein wenig im Hintergrund agieren. Man kennt sie nicht. Dabei sind sie sehr Mut machend für alle. Disy widerstrebt dieser Tendenz, dass nur eine schlechte Nachricht eine gute Nachricht ist. Respekt! In den meisten anderen Medien der Stadt lese ich nur, dass jemand pleite gegangen ist, Subventionsbetrug begangen hat, oder wer wessen Frau geschlagen hat, weil er die eigene gerade nicht zur Hand hatte … Aber was mir hier auffällt, ist, wie viele Menschen wir in Dresden haben, die das ausmachen, was man eine bürgerliche Gesellschaft nennt. Man muss nicht nur kluge Bücher wie Tellkamp über den Niedergang einer Gesellschaft schreiben, sondern man kann sich mal bemühen, den mühsamen Aufbau einer bürgerlichen Gesellschaft wieder zu beschreiben mit den Menschen, die ihre Power, ihr Vermögen, ihre Kenntnisse und ihr Können an der Stelle einbringen.
Die Dresden-Fotos hier sind einfach traumhaft. Wenn ich jetzt Pillnitz sehe, wo ich öfter gern vorbeifahre, ist es eine neue Entdeckung in dieser Form. Eins fällt mir noch auf, dass die Porträtfotos etwas ganz Charakteristisches der Person wiedergeben. Ich kenne einige von denen, wenn ich hier jetzt so blättere. Das ist nicht nur abfotografiert, sondern der Fotograf hat auch das Wesen der Persönlichkeit erfasst.
Mario Pattis habe ich schon oft gelesen, oft gehört. Seine Mutter ist genauso alt wie ich.
Zora, ist das ein Er oder eine Sie? Sie hat einiges hier auf die Beine gestellt. Wenn ich in Berlin oder Köln bin, höre ich ihren Namen öfter mal. Sie ist da ziemlich bekannt. Ein bisschen bunt. Tigeroutfit. „Dresdens erfolgreiche Frauen“ das finde ich gar nicht verkehrt.
Bruce Darnell? Na gut, ja. Das ist ein Mann, bei dem ich immer nicht weiß, ob ich ihn bemitleiden oder toll finden soll. Er wirkt so wahnsinnig verletzlich. Er muss sich in einer Welt behaupten, für die er, glaube ich, nicht so sehr gemacht ist. Auf der einen Seite hat er diese Härte, auf der anderen Seite muss man sagen, hat er sich Gott sei Dank nicht verhärten lassen. Als Mann finde ich ihn ein wenig affektiert. Aber gut, er hat sich auf seine Art durchgesetzt. Männer sind im Allgemeinen sehr eitel.
Wen ich sehr mag, das ist Mueller-Stahl. Ich wundere mich immer, wer hier alles so im Blatt ist, wer hier abgebildet ist und vor allem auch, was das für lange Interviews sind. Das finde ich schon toll. Ich mag ihn, weil er mir aus DDR-Zeiten aus seinen Filmen sehr vertraut ist und auch aus seiner späteren kompromisslosen Haltung allem gegenüber, was mit DDR-Faschismus und Staatssicherheit zu tun hat. Da hat er eine ganz rigorose Meinung behalten. Das ist ein Mann, mit dem ich mich identifizieren könnte. Es gibt natürlich auch Männer wie Bruce, aber das ist auch gut so.
Den hier, Matthias Sammer, kenne ich natürlich auch schon sehr lange. Mit Matthias Sammer habe ich in den 90er-Jahren zusammengearbeitet, als es darum ging, Dynamo ein wenig zu halten. Mir ist auch ein paar Mal angeboten worden, Dynamo-Präsident zu werden, was ich aber wirklich nicht wollte, weil ich dachte, die Verquickung zwischen Innenminister und Dynamo-Präsident wäre nicht gut gewesen. Außerdem würde Dynamo besser dastehen, wenn sie Fußball spielen könnten. Aber das ist eine andere Geschichte.
In Disy zu blättern macht wirklich Spaß. Besonders hier im Partyteil.
Frey kenne ich natürlich, aber ich würde keiner Einladung von ihm nachkommen.
Herbert Wagner kenne ich noch aus den Anfangszeiten. Er ist Rostocker wie ich. Er ist sehr ruhig, manchmal ins Langweilige abgleitend. Aber Herbert Wagner ist einer der sehr ehrlichen Leute in der Politik gewesen und geblieben. Das habe ich immer geschätzt. Wenn manche Leute nach der Wende gescheitert sind, waren das zum Teil nicht die Schlechtesten. Da würde ich manchmal lieber auf der anderen Seite nachsehen, wie gut die Leute von ihrer Überzeugung her wirklich gewesen sind.
Rolf Hoppe habe ich das letzte Mal in Zittau getroffen. Da haben wir zusammen Kaffee getrunken. Er hatte dort einen Film gedreht. Sein erster Satz war: „Dann lernen wir uns auch mal persönlich kennen.“ Ich habe mich gefreut, weil ich ein großer Bewunderer seiner Schauspielkunst bin. Was mir gefällt, ist seine nachdenklich schelmische Art, die er manchmal hat. Es macht Spaß, sich mit ihm zu unterhalten. Er spielt es nicht nur, sondern er ist etwas von dem, was man weise nennt, also nicht klug, klug ist er ohnehin. Nicht jeder, der klug ist, ist auch weise. Es hängt mit der Lebenserfahrung zusammen. Es ist auch das Hineindenken in Persönlichkeiten, die er dann gespielt hat. Hoppe ist für mich ein weiser Mann.
Bei Ulf Kirsten finde ich gut, wie er zu Dresden steht und sich hier engagiert. Es ist immer schön, wenn einer nicht vergisst, woher er gekommen ist und weiter dazu hält. Es tut auch Dresden gut, dass erfolgreiche Leute, die es woanders geschafft haben, trotzdem immer wieder mal in den Blickpunkt der Dresdner geraten. Es wird so deutlich, was sie an Dresden gehabt haben in der Entwicklung, die sie sehr geprägt hat.
Dresden ist eine tolle Stadt. Ich bin kein Dresdner, habe aber schon seit 15 Jahren eine Wohnung in der Neustadt. Das hängt damit zusammen, dass sie am Fluss diese tolle Elb-Aue hat. Und das hängt mit den tollen Bauten zusammen. Als Rostocker – ich war damals Fahrdienstleiter in Warnemünde – fuhr ich mit einem Freifahrschein nach Dresden. Ich kam morgens um sechs Uhr an. Ich bin dann über die Brücke gekommen, habe diesen berühmten Canaletto-Blick gesehen und war völlig weg. Diese herrlichen Barockbauten … Das ist auch einer der Gründe, warum ich Prag so mag. Ich finde, Dresden und Prag sind Schwestern. Zu beiden habe ich einen emotionalen Bezug.
Hier, die Elbterrasse Wachwitz kenne ich natürlich. Ach, Peter Kirsten – der Zauberpeter. Ich erinnere mich.
Ja, und die Helma Orosz, unsere Oberbürgermeisterin. Sie ist temperamentvoll und offen. Das ist gut, weil es provoziert. Aber es wird auch oft ausgenutzt, gerade in der Politik. Aber sie hat sich an der Stelle behauptet und tut Dresden gut, wenn ich mich so umhöre. Bei diesen unsäglichen Streitereien des Stadtrates, der schon seit Jahren nichts mehr vorwärts bringt, ist sie für die Dresdner eine Gallionsfigur. Das war damals auch meine Empfehlung an sie. Wir haben darüber gesprochen, bevor sie sich entschlossen hat zu kandidieren. Ich sagte ihr: Du hast nur eine einzige Chance, wenn du auf die Bürger zugehst und dich mit ihnen verbündest. Dann findest du auch, wenn du diese Kraft hast, die Mehrheit im Stadtrat. Denn dem Bürgerwillen kann letztlich keiner entrinnen. Ich glaube, an dieser Stelle ist sie auch auf ganz guter Fahrt.
Hennig A.Thiemann, ich kenne sie natürlich alle, wie sie hier in Disy abgebildet sind. Auch Ralf Minge. Aber ich kenne sie in den letzten Jahren eher, wenn ich ihnen durch Zufall auf der Straße begegne, wenn ich einen Kaffee oder ein Bier mit ihnen trinke und wenn wir miteinander reden. Das ist effektiver, als wenn ich auf einem großen Empfang ständig von Leuten angesprochen werde, mit denen ich gar nicht reden will. Das ist übrigens momentan einer meiner großen Vorteile als Pensionär. Ich muss nicht mehr mit jedem sprechen. Ich kann mir die Leute aussuchen. Das ist eine Freiheit, die man sich auch erst wieder erarbeiten muss, wenn man aus dieser Verantwortung heraus ist. Es ist nämlich nicht immer toll, mit jedem reden zu müssen, weil die Leute immer das Amt meinen und nicht die Person. Ich bin eigentlich immer der persönliche Mensch.
Abschließend muss ich zu Disy sagen, es ist ein so gut gemachtes Blatt vom Inhalt her wie vom Layout und den Fotos. Das ist erstaunlich. Wenn ich die Qualität und den Inhalt des Heftes sehe, ist es kaum zu glauben, dass man so lange schon auf dem freien Markt bestehen kann, ohne subventioniert und von einem großen Verlag getragen zu werden. Das spricht für die Macher. Aber ich habe, glaube ich, das Geheimnis von Disy erkannt. Man könnte einen Test machen. Man nimmt verschiedene Zeitungen, die in Dresden erscheinen, und legt sie dem unvoreingenommenen Leser vor. Ich bin mir sicher, wer Disy vorgelegt bekommt, wird neugierig auf die Stadt und die Menschen und ist ganz, ganz positiv berührt. Es ist das positive Image dieser Zeitung, das sie von den anderen Medien in Dresden unterscheidet.