Unschuldig sind wir alle

Foto: PR der Wildschütz/Semperoper/Matthias Creutziger

Freudvolle Aufführung von Der Wildschütz in der Semperoper

 

„Wie freundlich strahlt die helle Morgensonne, auf mich he- rab, auf diesen Tag der Wonne! Bald naht der Dorfbewohner frohe Schar, sie bringen Wünsche mancher Art mir dar. »Ge- sundheit, langes Leben«. So schallt's vom Mund der Gäste, Doch wünsch' ich mir daneben das Köstlichste, das Beste.“

Ach, was war das doch für ein herrlicher Premierenabend in der Sem- peroper: Freude, Fröhlichkeit, Humor. Blumen, Farben, heimatliche Fülle. Einfachheit und dörfliche Frische. Eine Aufführung zum Erho- len, zum Abschalten vom angespannten Alltag, der im Moment politische Dramaturgie fast in jede Familie bringt. Endlich mal nichts von alldem hören und sehen, herrlich! Genau das soll Kunst und Kultur meiner Meinung nach sein. Ein Pendant zum aktuellen Zeitgeschehen. Kriegerische und aufrüttelnde Inszenierungen in Zeiten des wohlge- fälligen Müßiggangs, aber in Zeiten von Chaos und Verunsicherung Aufführungen, die die Menschen erden, beruhigen und mit Mut und Optimismus füllen – und zum Lachen bringen. Hier hat das Sempero- pernensemble genau das richtige Stück für diese Zeit in unerwarteter Fröhlichkeit und mit bisher selten gezeigtem Sinn für Humor gewählt. Das Publikum hat sich amüsiert, gelacht und applaudiert wie das Volk zu besten Mozart-Zeiten. Mozart wir Lortzing wollte das Publikum nicht mahnen, sondern unterhalten. Warum auch nicht! Gerade richtig!

Heiterkeit und Fröhlichkeit, ihr Götter dieses Lebens, euch zu sehen, zu erflehen, ist das Ziel des Strebens! Oh, du holde Seligkeit, die des Menschen Herz erfreut, jubelnd ruf' ich aus: Ziehe nie hinaus!

Die Handlung ist schnell erzählt: Dorfschullehrer Baculus schießt anlässlich seiner Verlobung mit dem blutjungen Gretchen einen ver- meintlichen Rehbock im Wald des Grafen Eberbach. Das droht dem il- legalen Wildschütz zum Verhängnis zu werden – bei Entlassung keine Hochzeit. Da beginnt ein turbulentes Durcheinander: Die als Student getarnte Grafenschwester soll im Gretchenkostüm aufs Schloss gehen, um den Grafen zu besänftigen, der Bruder der Gräfin als Stallbursche um das falsche Gretchen werben, der Graf gleich um beide Gretchen.

Bis schließlich für 5000 Taler das »falsche« Gretchen über den Tresen geht und sich der Bock als Esel entpuppt.

Hübsche Mädchen, hübsche Frauen, kann ich euch nur immer schauen! Holde Sterne meines Lebens, ihr ruft nie, nein, nie vergebens. Doch durch Liebe nicht allein zieht die Freude bei mir ein. Sinkt der Abend nieder, dann im Kreis der Brüder, wenn Champagner winket, wenn man jubelt, trinket, dann ertönen meine Sänge bei der Laute frohen Klängen: Heiterkeit und Fröhlichkeit!

Mit perfekter Leichtigkeit, trotzdem positive Kraft verbreitend, hat das Ensemble agiert. Allen voran die kraftvollen Chöre: Der Sächsischen Staatsopernchor Dresden und der Kinderchor der Sächsischen Staats- oper, die die Bühne mit Sang und Klang füllten. Besonders hervorzu- heben ist das schauspielerische Talent der Chormitglieder, die sich auf as Humorige einließen und sich nicht zu fein waren für Scherze und Albernheiten. Dabei war die individuelle Umsetzung jedes Sängers und jeder Sängerin herausragend und fügte sich trotzdem zu einer Ein- heit. Perfekt!

Ja, es bringt mir jede Sonne, neue Lust und neue Wonne! Kommt auf meinen Wegen etwas mir entgegen,
was die Freude stört, Lust in Schmerz verkehrt, werden stiller meine Lieder! Aber gleich sing‘ ich doch wieder: Heiterkeit und Fröhlichkeit!

Besonders hervorzuheben ist das Bühnenbild von Mathis Neidhardt. Gerade im ersten Akt ist die Konzentration auf einen kleinen Raum sehr gelungen. Es nimmt die Anstrengung, eine große Gesamtheit zu erfassen und macht es dem Publikum einfach, sich zu konzentrieren. Es zeigt den kleinen Ausschnitt aus der großen Welt - in diesem Fall ein Dorf in Süddeutschland um 1803. Auch später das Schloss des Grafen ist perfekt in Szene gesetzt, rund, abgeschlossen, klassisch – ohne mo- dernen oder abstrakten Firlefanz. Auch die Kostüme, die unter Leitung von Sibylle Gädeke gefertigt wurden, sind ein Augenschmaus. Kräf- tige Farben und Blumen ergänzen den Gesamteindruck der Frische und Heimatfreude des Wildschütz. Choreografie (Michael Schmie- der), Dramaturgie (Anna Melcher), Inszenierung (Jens-Daniel Herzog) und Licht (Stefan Bolliger) ergänzen das positive Gesamtbild.

Oh, holde Göttin Freude, gib mir immer das Geleite! Seh‘ ich Blumen blühen, will‘s mich immer ziehen, sie sogleich zu pflücken, mich damit zu schmücken.

Die einzelnen Sänger sind alle zu loben, da gab es nicht einen Ausfall. Natürlich glänzte besonders Baculus Georg Zeppenfeld, aber auch die Gräfin Sabine Brohm. Spielfreude merkte man auch Gretchen Caro- lina Ullrich an. Ebenfalls gut: Graf von Eberbach Sebastian Wartig. Baron Kronthal Roman Payer, Baronin Freimann Emily Dorn, Nanette Jelena Kordic und Pankratius Oliver Breite. Unpassend und störend war dann doch noch kurz vorm Schluss eine aktuelle Anpassung auf das politische Zeitgeschehen, ein Seitenhieb auf PEGIDA und Co. Ge- rade weil man das Unpolitische bis dahin so sehr geschätzt hatte. Trotzdem: Am besten gefallen hat mir das opulente Finale mit der Schuljugend („Erhöre uns, erhöre uns, sei bös nicht mehr und lass uns unsern lieben Schulmeister“) und natürlich das Quartett von Gräfin, Graf, Baronin und Baron „Unschuldig sind wir alle“.

Kann es im Erdenleben wohl Schönres noch geben, als wenn Geschwister sich liebhaben inniglich? Wenn auch bei diesem Falle ein Zweifel presst die Brust - dass eh‘ wir schuldbe- wusst. Unschuldig sind wir alle.

 

Fazit: Eine bunte und humorige Aufführung, die unterhält und neben guten Stimmen und harmonischer Musik auch durch die heimatliche und positive Stimmung lebt. Den Wildschütz sollte man sich selbst gönnen und Familie und Freunden schenken!