Fragmentarisch wahrhaftig

Foto: Werner Lieberknecht, Dresden

Eberhard Havekosts Malerei animiert zur Suche nach der Wirklichkeit

Die Liste seiner nationalen und internationalen Ausstellungen ist lang. Eberhard Havekost ist einer der höchstgehandelten jungen Maler der Gegenwart, und er ist Dresdner. Der hier 1967 geborene Künstler absolvierte sein Studium in seiner Heimatstadt und verdankte einen Teil seines Erfolges der Leipziger Schule. Seit 1999 lebt und arbeitet er in Berlin. Mit seinen Bildern widmet er sich seit jeher der Frage, wie der Wirklichkeit durch Malerei näher zu kommen ist.


Sind es nun zwei Menschen, die eine Steinwand hinaufklettern oder krauchen sie auf einer mit Geröll verschütteten Straße? Im Bild Beginning A. nimmt Havekost durch Einfachheit den Betrachter in Anspruch. Er provoziert Fragen durch scheinbar schlichte Szenerien. Setzt man sich mit seinen Bildern nicht auseinander, kann man sie nicht verstehen. Havekost ist ein Meister der versteckten Botschaft. Hier bildet er eine Frau und einen Mann ab, die sich horizontal oder vertikal auf einem Untergrund bewegen. Ein Fragment aus einem dem Betrachter unbekannten Kontext. Auf den ersten Blick erscheint das Bild wie eine Fotografie. Der zweite Blick aber verrät die verzerrten Oberflächen, die verwirren. Tatsächlich bilden digitale Fotografien die Grundlage für Eberhard Havekosts Malerei. Sein Credo: "Malerei ist eine Lüge, die näher an der Wahrheit ist, als Fotografie." Mit Jonathan Meese, Neo Rauch und Gerhard Richter wird er in einem Atemzug genannt. Letzterer verkündete 1966: "Alle Maler und überhaupt alle sollten Fotos abmalen." Havekost, der gelernte Steinmetz, hat einen engen Bezug zu seiner Heimatstadt. 30 Jahre lang lebte er in Dresden. Seine Ausstellung der Staatlichen Kunstsammlung im Jahr 2010 versetzte ihn in hochgradige Nervosität. Für ein Interview ließ er sich sein Gesicht verpixeln und seine Stimme verzerren. Er wurde selbst zum Kunstobjekt. "Es ist für mich leichter, in New York eine Ausstellung zu eröffnen, als hier in Dresden. Ich muss jetzt zeigen, was ich kann", sagt er. Woanders geht es um seine Bilder, in Dresden auch immer um seine Person. Er malt medial doch medial zu sein, liegt dem ehemaligen Chorknaben und Hobby DJ nicht. Havekosts Werk beschränkt sich nicht auf das Abmalen von Fotos. Anders als Richters malereiskeptische Aufwertung einer Fotografie, steht für Havekost deren medienskeptische Umgang im Vordergrund. Es ist das Dahinter, das ihn interessiert - nicht das Sichtbare. Mit Digitalkamera entstanden, mit dem Computer bearbeitet, malt er Motive so ab, wie sie auf der Oberfläche erscheinen. Es ist kein Fotorealismus, der dabei entsteht; Eberhard Havekost rückt ganz nah an die Objekte heran. Dabei stellt sich eines heraus: Es gibt keine Wahrhaftigkeit auf seinen Bildern, nur die der Oberfläche. Durch Fotos fokussiert er seinen Blick. "Früher", sagt er, "habe ich in der Landschaft gemalt, letztendlich hat mich das aber zu sehr abgelenkt." Eberhard Havekost malt Ausschnitte, Nahsichten, Gegenständen oder Teile von Objekten, deren Materialität oft unklar ist. Durch diese Nähe fehlt eine klare räumliche Distanz. "Selbst das, was ich real erlebe, wird so weit distanziert, dass es den Charakter einer medialen Realität annimmt", beschreibt der Künstler diesen Effekt. Fragmente aus Architektur, Fahrzeugen, Menschen und Landschaften werden in seine eigenen Bilderwelten generiert. Indem er Tochter oder Freundin in Bilderserien integriert, vermischt der Maler private und öffentliche Bildkontexte. Selten lässt er die Gesichter seiner Protagonisten kenntlich. Sie tragen Helme oder sind durch Farbbalken bedeckt - Masken, die das Kältepotential unserer Zeit entlarven. Deren Darstellung ist eines der künstlerischen Anliegen des Dresdners. Havekost ist Meister im Inspizieren des verhüllten Realen, das sich in Masken, Hüllen, Kokons, Oberflächen und Gehäusen befindet. Themen wie Krieg oder Schönheitschirurgie fesseln ihn; Themen, bei denen Gesicht und Maske nicht mehr zu trennen sind. "Ich beginne als übermalender Groupie und ende als plastischer Chirurg", benennt er seine Rolle während der künstlerischen Auseinandersetzung. Dresdens Kunst hat ihn geprägt. Eberhard Havekost erinnert sich an den Eindruck, den Monets Pfirsichglas in der Galerie Neue Meister auf ihn gemacht hat. Wie Monet spielt auch er mit der Wirklichkeit, er verfremdet sie, formt sie um. Auch sein Dresdner Kunstlehrer hat ihn geprägt. "Schludern ging nicht. Der Röder hat nichts durchgehen lassen. Davon profitiere ich noch heute", stellt der ehemalige Kreuzschüler fest. Heute lehrt er selbst. Professor Havekost, dessen Bilder heute für sechsstellige Summen verkauft werden, findet in einem Dresdner Pädagogen seinen vielleicht stärksten Kritiker. Anne Hallbauer